Gunar Musik

 

 

 

Eigenarbeit & Eigenzeit,

Lust- gegen Machtpolitik

 

 

 

 

 

Biographische Zugänge zur Philosophie um die Jahrtausendwende

 

 

 

 

 

 

 

 

MGM-Digital Dresden 2024
 

 

1. Auflage 2024

© Iris Geiger-Musik & Gunar Musik

MGM-Digital Dresden

ISBN 9798340025975

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Umschlaggestaltung mit den Fotos von Bildern,

die Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre entstanden sind.

Die Originale (ÖL und Acryl auf mit ausrangiertem Leintuch bespanntem Pressspan) wurden aus Platzgründen vor einem Umzug zusammen mit allen

Rohmanuskripten durch die Karlsruher Müllabfuhr entsorgt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Potpourri

 

Präsenz versus Abwesenheitsdressur –

Zeitmaß und Erfahrungsformen der Zeit –

Geistesblitz und Augenblick –

Eigenarbeit und Souveränitätstraining –

Glück des Unvorhergesehenen –

Selbstbezug versus Liebe als Duell –

sozialer Tod, Sex, Macht und Gewalt –

Einsamkeitstraining versus erotische Theorie –

anything goes versus in-Geschichten-verstrickt –

Erkenntnistheorie, Symbolbegriff und­ Signifikantennetz –

Eschatometer versus Transzendenz –

Dynamik der Metastruktur und die Ränder des Undenkbaren –

Anthropologie, Cyberhypes versus Katastrophenpädagogik

 


 

Einleitung

 

Wir sind nicht fertig, vor allen Dingen noch nicht festgestellt. Die Vorstellungen, die dem menschlichen Wissen und damit dem Repertoire der Selbstdefinition zugrunde liegen, sind das Ergebnis eines bis in Urzeiten zurückreichenden Lernprozesses. Wir bauen immer auf einem Wissen auf, das vor uns da war und setzen es fort; wie die Arbeit am Mythos hat es keinen Anfang, keinen Basistext, noch nicht einmal unveränderliche Regeln. Mit der Art und Weise wie die Welt erfahren wird, ändert und akkumuliert sich das Ausmaß an Zeichensystemen, bis sie im Fortgang in eine immer umfassendere Welt von Symbolen verwandelt wird. Diese Symbole dienen als Mittel der Orientierung zur Bewältigung der aus der jeweiligen Wirklichkeit erwachsenden gesellschaftlichen Aufgaben. Traditionen mögen statische Gemeinschaftssysteme stabilisieren, Halt und Geborgenheit in einer zeitlich und räumlich begrenzten Blase vermitteln; für eine dem technischen Wandel unterstehende Zivilisation werden sie zu einem mit der Geschwindigkeit der Veränderungen wachsenden Risiko. Alle mit der Technik entstandenen Risiken lassen sich nur mit einer Weiterentwicklung verschiedener Techniken bewältigen, die Regression eines Zurück-in-die-Geborgenheit-der-Vergangenheit beruht nicht nur auf der Verleugnung früherer Ausgeliefertheiten, sie gleicht einem kulturellen Selbstmordkommando. Dennoch spricht nichts dagegen, alles Verwendbare aus den verschiedensten Vergangenheiten für künftige Einsichten fruchtbar zu machen.

Die mythischen Fundamente der Großinstitutionen mögen in den letzten Jahrhunderten entzaubert und versachlicht worden sein, das uns umgebende Ambiente transportiert dennoch Symbolwerte, die in viele vergangene Zeiten zurückreichen. Seit die Spiegelungen der Metaphysik in Gott, Kaiser und Volk an Macht verloren haben, hält sich das Subjekt als Selbstzweck nur aus, indem es sich an den unterschiedlichsten Fetischen stabilisiert. Die in Werbung und Unterhaltung zutage tretenden regressiven Tendenzen mögen zum einen ein kulturelles Korrelat psychischer Infragestellungen sein, aber zugleich fungieren sie als Suchpendel eines fortbestehenden Prinzips Hoffnung. Die Teilnehmer am Fortbildungskurs Menschheit definieren sich im besten Fall durch die Möglichkeiten, die ihre Zukunft bereit hält; sie sind bezogen auf das, was sie noch nicht sind. Diese Quelle des mythischen Denkens liefert noch heute die Funktionen des weltsetzenden Vermögens, durch das Semiotik und Technik zu Erweiterungen unserer Organausstattung geworden sind. Die Mängelwesentheorie der philosophischen Anthropologie ist nicht der Weisheit letzter Schluss; selbst Lacans fundamentalontologische Konstruktion eines Spiegelstadiums nähert sich eher einem radikalen Konstruktivismus als einer Befreiung von den Beschränkungen des Imaginären. Die frühkindliche Kompensation einer fragmentierten Selbstwahrnehmung durch ein narzisstisches Ich, dessen fiktive Ganzheit durch eine Spiegelung vorgegeben wird, liefert alles andere eher als die traditionell erwünschte Vorgeordnetheit der Institution. Gerade die Offenheit des Lernvermögens ermöglicht es, die Gesetzmäßigkeiten des Lernens zu erlernen und damit einen Kontext zu setzen, in dem das Lernen des Lernens viele Beschränkungen eines imaginären Ganzheiten verhafteten Lebewesens überwindet: Es ist überhaupt kein Problem, sich als unfertig und auf Lernvermögen angewiesen zu erfahren, denn was die Großinstitutionen als Mangel und Unfähigkeit ausgegeben haben, diente tatsächlich ihrem Machtstreben – während wir es tatsächlich als Chance begreifen können, wenn wir uns der Inkommensurabilität der Lebendigkeit nähern. Eine Einzigartigkeit will gefördert und gefordert werden, bis zu einer gewissen Entwicklungsstufe baut Lob auf, wenn es realistische Ansätze hat. Die entsprechenden Ziele und Aufgaben müssen Erfolgserlebnisse vermitteln, sonst beginnt ein latentes Repertoire zu verblassen, bevor es in der Wirklichkeit die nötigen Anschlüsse findet. Doch die Unvergleichbarkeit entsteht nicht allein aus einer Optimierung des Wechselverhältnisses von Lebensaufgabe und Erfolgserlebnis; sie muss mithilfe von Selbstdistanzierungen, bei denen der Rahmen früherer Identifikationen mit Vorbildern und Mentoren gesprengt wird, wie eine Kostbarkeit aus dem biographischen Material herausgearbeitet werden. Kierkegaard assoziierte vielleicht die Arbeit des Linsenschleifers Spinoza, als er die Formulierung prägte, Inkommensurabilität müsse wie ein kostbarer Stein zugeschliffen werden.

Bereits auf frühen Entwicklungsstufen wartete immer wieder das Glück des Unvorhergesehenen. Der mit dem Schwinden von Instinktresten unterstellte Mangel resultiert tatsächlich aus einem unspezifischen Überschuss, der das Nichts des Instinktausfalls durch die Schaffung von Symbolsystemen überbrückt, die die Zwänge einer genetischen Evolution in der weiteren Entwicklung mit Erfolg abschotten und durch eine kulturelle Evolution ersetzen. Menschen funktionieren nicht einfach nach genetisch vorbestimmten Gesetzen, sie müssen schon immer lernen, sich einfachste Regeln der Welt durch Akkommodation und Assimilation anzueignen, um dann in weiteren Schritten Korrespondenzregeln zu entwickeln. Damit entstand ein in Affekten verkörpertes Wissen, das die Evolution als Protoerfahrung transportierte. Jede selektive Mutation, die nicht in einem Abbruch endete, nicht in Rückschritten versiegte, also jeder Schritt in Richtung erfolgreicher Veränderungen hat Varianten dieses Wissen in den  frühen Verzweigungen des menschlichen Stammbaums ausprobiert und objektiviert. Nach und nach transportierten dauerhafte Symbolbildungen Erfahrungen, die ein Wissen des Wissens möglich machten. Vor allem kam es darauf an, stimmige Routinen nicht mit jedem Einzelleben wieder von vorne beginnen zu lassen. Mit der Reflexion mag die Weltverhaftetheit vager werden, mit der Selbstreflexion dieses Wissen abstrakter, doch mit den kulturell objektivierten Erinnerungen wird es möglich, von fremder Erfahrung zu leben. Ein relativer Verzicht auf die Authentizität eigener Erfahrungen wird aufgewogen durch Symbolbildungen, die sich auf das Kommende hin öffnen. Die ursprüngliche Macht des Symbolischen ist eine der Durchsetzung von Bedeutungen, welche die Wahrnehmung einer sozialen Welt ausarbeiten. Dieses objektivierte Wissen verwandelt biologische Wesen in Verkörperungen von Traditionen und Archiven, sorgt zugleich aber dafür, ihre kulturelle Umwelt immer genauer an die Faktizität der leiblichen Voraussetzungen anzupassen Mit einer unter den Lebewesen der Erde singulären Einfriedung des Genbestands, der Stillstellung und Ersetzung einer biologischen durch eine gesellschaftliche Evolution, wird eine Dimension der Zeitlichkeit bedeutsam. Sie mag begrenzt sein und in ihrem Ablauf unwiederbringlich, aber gerade deshalb prägt sie jede menschliche Subjektivität maßgeblich durch ihren Zukunftsbezug. Menschen leben in Symbolsystemen, die Vergangenes festhalten und Zukünftiges vorwegnehmen – doch die Zukunft von Vergangenheit und Gegenwart oder die Vergangenheit von Gegenwart und Zukunft sind nicht nur imaginäre Effekte, sondern sie hängen immer von der Gegenwart von Vergangenheit und Zukunft ab. Erinnerungen und Projektionen mögen in einem ersten Schritt nachahmende Abbilder der Wirklichkeit produzieren, aber sie beginnen die Außenwelt nicht nur zu verdoppeln, sondern ergreifen die Wirklichkeit, nehmen sie in Besitz. Erinnerungen und Vorstellungen überformen sie zu einer zweiten Natur, weil sie schneller und beweglicher, wirklicher als die realen Verhältnisse werden. In vielen Fällen ist ein Ausschlussverhältnis zu konstatieren, das heute noch aus der Traumwahrnehmung und den unbewussten Prozessen erschlossen werden kann: Entweder taucht ein Zusammenhang in der sinnlichen Wahrnehmung auf oder er steht im Bewusstsein zur Verfügung. Während die Kapazität der Sinne nachlässt, verwundert es also nicht, wenn Symbolsysteme die materielle Welt überwuchern. Immaterielle Zeichensysteme ohne Masseträgheit verfügen über Raum und Zeit, ermöglichen die Produktion von Sinn, indem sie alle Formen von Empfindungen, Begriffen und Handlungen in Beziehung setzen. Zeit ist kein objektives Geschehen, aber beileibe auch keine nur subjektive Erfahrung, sondern beides zugleich als ein dichtes Gewebe von Relationen. Die Zeitrechnung des Menschen startet mit der Fähigkeit zum Triebaufschub, mit zunehmenden Distanzen zur Unmittelbarkeit der Weltinsistenz, den zwischen Reiz und Reaktion eingeschobenen Mittelgliedern, dank denen er sich selbst voraus zu sein beginnt. Der in diesem Prozess entstehende psychische Apparat hat vor allem die Aufgabe, die der Präsenz gehorchenden Impulse zu puffern, psychische Erregungen in Vorstellungen und Bildwelten zu verwandeln. Das impliziert das Risiko des Verpassens zugunsten von Gewohnheitsbildung und Institutionalisierung – um im Nachhinein immer wieder die Einstellung auf die Wirklichkeit anzupassen, um den Anforderungen des Lebens gerecht zu werden.  Seit der aristotelische Himmel als Uhr den Gang der irdischen Dinge mit dem Gang der Gestirne in Verbindung brachte, sind Kalender oder Uhr Symbolsysteme für den in Jahrtausenden gewordenen, immer weiter gespannten Verweisungszusammenhang. Die Zeit wurde verräumlicht, indem Abläufe auf individuellen, sozialen und nicht-menschlich naturalen Ebenen miteinander verknüpft worden sind. Die Uhr stellt einen vorstellbaren Rahmen zur Verfügung, um die Zeit anzuzeigen, indem sie den Gebrauch von Wahrnehmungen, Erinnerungsbildern und Bedeutungen in spezifisch menschlicher Weise schematisiert – sei es als mechanische, atomare, chemische oder ökologische Zeitvorgabe. Schon die Sprache, obwohl sie zur Substantialisierung verführt, widerlegt die Voraussetzung einer Faktizität der Welt oder einer hart programmierten Evolution – alle Institutionalisierung von Traditionen des Verhaltens und des Wissens sind tatsächlich Schutzvorrichtungen, mit denen evolutionäre Veränderungen der Physis zugunsten einer Evolution von Wissen und Verhalten abgeblockt werden. In ihrem Medium produzieren wir Sinn, mit dem die Materialität der Sinnesqualitäten eine Botschaft symbolisiert, die wiederum Kapazitäten des Verstehens voraussetzt. Indem die Symbolisierung eine Wahrnehmung oder ein Geschehen objektiviert, wird das Verschwinden des bewusst werdenden Augenblicks aufgefangen. Die Sprache ist zu einem Fundus geworden, in dem vieles aufbewahrt und transportiert wird, was jene durch die Evolution der Sinne bewirkte Komplexitätsreduktion decodieren kann, obwohl die der Ökonomie gehorchenden Verluste keine schlichte Reproduzierbarkeit gestatten – die Reduktion wird zum Gegenbegriff der Variation, also zur Herstellung einer rücksichtslosen Invarianz, die die Vielfältigkeit menschlicher Wahrnehmungsmöglichkeiten ausschließt. Dagegen unterstehen die Wahrheiten des Körpers als subliminale Wahrnehmungsweisen der Gunst des Augenblicks. Wenn es gut läuft, ist ihnen eine Kapazität des Lassen-Könnens zu verdanken. Nur im Augenblick aktualisiert sich die Vermittlung von Vergangenheit und Zukunft, wobei die Bewegung des etwa drei Sekunden messenden Spalts zwischen gleich und geradeeben in gewissen, erleuchteten Augenblicken an der absoluten Bewegung der Zeit teilhat, die jenseits des Raums zugleich lineare und umkehrbare Prozesse ausmacht. Wir verfügen nicht über die Vermittlung der Zeiten, selbst wenn wir die Bewegung des Augenblicks unter extremem Stress angestoßen haben; wir können uns nur von ihr mitnehmen lassen, ihr tätig oder ausgeliefert folgen. Aus diesem Grund resultieren viele Fähigkeiten der Präsenz aus körperlichen Vollzügen, in denen Vergangenheit und Zukunft als reale Verknüpfungen unserer Gegenwart zum Tragen kommen. Jene Geistesgegenwart, die im Unvorhergesehenen zu Hause ist, lässt sich nicht drillen oder speichern! Die einem Vorrang der Zukunft verdankte antizipierte Gewissheit ist mit naturwissenschaftlichen Instrumentarien nicht fassbar, die Metaphern und Verweisungszusammenhänge lassen sich nur mit der nötigen Findigkeit beschreiben und erklären. Die Antizipation imprägniert das Gesamt der uns ergreifenden Ereignisse, entzieht sich aber, wenn wir die Gewissheit dingfest machen wollen, wird zum Wahnsystem, wenn sie verabsolutiert wird. In den Spielen der Kombinatorik symbolischer Markierungen, die die jeweilige Kultur vorgibt, offenbart und verbirgt sich diese Ganzheit zugleich – selbst in völlig abstrakten Konventionen ist noch ein Index auf die Materialität des Weltwissens vorhanden, sonst würden sie nicht mehr verstanden. Gegenüber der Voraussetzung einer linearen Zeitkonzeption untersteht die Vergangenheit glücklicherweise Änderungen, wir wären sonst in ihr eingemauert. Bei jeder erfolgreichen Therapie wirkt unterschwelliges Wissen aus der Zukunft auf das Hier und Jetzt ein. In vielen Fällen stoßen wir mit keinen harten Tatsachen zusammen, sondern es tut dann besonders weh, wenn uns selbsterfüllende Prophezeiungen mitnehmen, nach dem Scheitern aber mit einer Erkenntnis der Selbstbestrafung konfrontieren. Wie nebenbei hat das ursprüngliche Prinzip Selbsterhaltung eine Protestnote gegen eine absurde Welt der galoppierenden Akkumulation zu transportieren, um mit dem Opfer, der Selbstpreisgabe, das Naturprinzip der Verschwendung zu zitieren. Zu unserer Orientierung gehen wir von einem Sinn aus, der immer schon hineingelegt worden sein muss, wenn wir ihn als Sinn entdecken, doch dieses Resultat einer Vergesellschaftung durch Abstraktion heißt nicht unbedingt, dass es ein uns entsprechender Sinn ist. Gegen eine Pathologie des Leidens an der Entmaterialisierung, der irreführenden Kompensation durch die Macht von Bildwelten, hat Kamper eine Theorie der self-destroying-prophecy angemahnt. Nachdem in unseren biographischen Zusammenhängen selbsterfüllende Prophezeiungen an den Schaltstellen von Partnerwahl und gesellschaftlichem Erfolg durch die Selbstzerstörung eingelöst werden sollten, war die seriöse Empfehlung, die Einflüsse der familialen Programme dieser Prophezeiungen zu zerstören, mit der entsprechenden Ernsthaftigkeit zu verfolgen. Zugunsten einer kreativen Eigenarbeit haben wir nach und nach die Familienabhängigkeiten abgeschrieben, uns von Idealen und Bezugspersonen getrennt, den gesellschaftlichen Ehrgeiz trockengelegt und, als die Widerstände gewisser Drehpunktpersonen zunahmen, es hart auf hart ging, auf ein geregeltes Einkommen verzichtet. Der realistische Ansatz, eine Kritik der von Sozialisationsagenten über das Denken ausgeübten Gewalt, indem Heranwachsende immer wieder in dieselben Bahnen rational begründeter Irrationalismen gezwungen werden, durch eine exakte Fantasie zu leisten, war allerdings schon zu lange überfällig, damit leider schon wieder obsolet. Mit den sozialen Medien scheint sich diese Kritik schließlich erfolgreich auf sich selbst zurückgewendet zu haben, um die verbliebenen Alternativen ins Imaginäre zu entführen.

Zur pädagogischen Grundausrüstung sollte die Vermittlung körperlicher Techniken der Selbstimmunisierung gehören, die einer Verhinderung der blinden Einwilligung ins Vorhersageverhalten dienen. Die Einbildungskraft als konkrete Synthesis der Sinne unter den zufälligen Bedingungen des Hier und Jetzt körperlicher Erfahrungen stellt dem herrschenden Konformismus des gesunden Menschenverstands, wie der Macht einer verabsolutierten Vernunft, die Geschichte der feindseligen Trennung von Körper und Geist entgegen, wird damit zum reflexiven Spiegel der Lebensbedingungen. Gegen dieses explosive Päckchen Selbsterkenntnis hilft nur die nötige Betriebsblindheit, sonst würden Pädagogen und andere Sozialisationsagenten der Normalität nicht vergebens auf die Lösung des mit ihrem Beruf verbundenen Double-binds warten. Aus diesem Grund liefert ein brutaler Absturz oder eine völlige Deterritorialisierung in der Biographie über learning-by-doing den direkten Zugang zu Wahrheiten, mit denen wir unser Leben gestalten können – und dazu brauchen wir keine Lehrenden oder Führerfiguren, sondern nur Spielräume, in denen alles Mögliche auszuprobieren ist. Diverse Romane oder Filme präsentieren überzeugende Weisheiten, allerdings aus dem Mund oder in der Gestalt von Losern, die bittere Wahrheiten ausplaudern, mit denen sie nichts mehr anfangen können, weil sie aus ihrer gewohnten Welt herausgefallen sind – dabei verbirgt sich genau darin ein Erfolgsrezept. Einst machten die Kirchen ihre Gläubigen durch eine gebetsmühlenartige Wiederholung plausibler Einsichten unfähig, einfache Wahrheiten zu beherzigen. Heute sorgt ein Sozialisationsauftrag der Medien dafür, Konsumenten gegen notwendige Entscheidungen abzustumpfen, weil sie der Inflation einer ständigen Berieselung unterstehen. Oft genug blitzen dahinter genau jene Einsichten auf, mit denen wir die Gesetzmäßigkeiten der Ausbremsung und Ersatzleistung erledigen könnten. In genau diesen Zusammenhängen sollte eine Selbstimmunisierung ansetzen.

Tatsächlich setzt die Erfahrung, aus der Welt herausgefallen zu sein, Einsprengsel im Kontinuum der Zeit frei, die zufällige, keinem Plan gehorchende Begegnungen, damit aber einen nicht zu lokalisierenden Sprung ermöglichen, der sich für beide Richtungen des Zeitpfeils ereignet haben wird. Wenn es um die Zeit geht, scheint die Katastrophe für Kamper unvermeidlich: Der Mensch kann nur Zeit gewinnen, wenn er unter dem Einfluss eines strange attractors die Fassung verliert, dafür aber den direkten Zugang zu einem Wissen über Dinge gewinnt, der ihm unter den Vorgaben der Normalität überhaupt nicht zusteht. Wieder einmal kann ein Sprung innerhalb der Wissensniveaus für neue Repertoires sorgen, ansonsten verfügt die Zeit über alle, die keine Zeit mehr zu verschwenden haben. Tatsächlich findet bereits seit Jahrzehnten eine Umorientierung der menschlichen Wahrnehmung statt, während der das Grundmodell des wissenschaftlichen Beobachters hinfällig, die geforderte Distanz dagegen durch körperliche Rhythmen und performative Anverwandlungen ausgehebelt wird. Wir müssen nach der notwendigen Katastrophe nur über die Kapazität verfügen, wieder auf die Beine zu kommen – die Energien dazu sind den Strategien jener Intriganten zu entziehen, denen wir das Ausschlussverfahren verdanken. In letzter Instanz geht es niemals um richtig oder falsch, noch weniger um Geld und Macht, sondern um Gerechtigkeit und Sinn. Wir gesunden am Sinn, den ein Kraftwerk der Liebe vermittelt. Wo Sinn ist, stehen Kräfte zur Verfügung, die für dumpfe Deppen, denen die göttliche Begeisterung einer ekstatischen Steigerung abdressiert wurde, unvorstellbar sind. Selbst wenn alles sinnlos erscheint oder erscheinen soll, um uns zu entkräftigen, verbürgt die körperliche Begegnung einen sinnlichen Sinn, der von Augenblick zu Augenblick befähigt, in der Erwartung weiter zu machen: Genau so geht es immer wieder von Neuem. Noch dazu steigern wir während einer mimetischen Anähnelung die gegenseitige Optimierung, bis in einer energetischen Blase die Ewigkeit in Momenten komprimiert wird. Seltsamerweise beginnen dann menschheitsgeschichtliche Symbole auf unsere engere Umgebung oder die intellektuellen Einflusssphären anziehend oder abstoßend einzuwirken: Als verkörperten wir einen Status, von dem die einen sehnsuchtsvoll abbekommen wollen, während die anderen insistieren, dass es sowas nicht geben darf. Wenn es überhaupt einen Sinn des Lebens gibt, dann äußert er sich bereits in dem wie selbstverständlichen Streben, über die eigene Beschränktheit hinauszugehen, in der Auflösung von Grenzen aneinander teilzuhaben. In den Kämpfen, ob gegeneinander oder gegen fremde, von außen kommende Entkräftigungsversuche, entsteht eine Geschichte, an der Halt zu gewinnen ist, die nach und nach Formen vorgibt, ohne uns zu nötigen, auf die gemeinsamen ozeanischen Gefühle zu verzichten.

Man/frau muss sich nur scheiße genug fühlen und völlig am Ende sein: Körpereigene Drogen machen aus Elend und Ausgeliefertheit wie schon seit Jahrtausenden das Sprungbrett eines neuen Glaubens – und wenn es der Glaube an göttliche Kräfte ist, die wir in den Grenzerfahrungen freisetzen, die Welt ist voller Götter. Diese Einsicht scheint so bedrohlich, dass alles, war nur in die Nähe einer Ahnung kommen könnte, während der Sozialisation des Realitätsprinzips ausgeschlossen wird. Die Unterhaltungsindustrie arbeitet systematisch an der Symbolisierung dieser endorphinen Ventile, um Umsätze freizusetzen und zugleich ihre Irrealisierung zu befördern – die dem Realitätsprinzip untersteht, eine multimediale Inflation der Wünsche und Sehnsüchte hat für die alltägliche Erfahrung nur wenig von der Kraft übrig zu lassen, die sie spenden könnten. Wo es allerdings möglich ist, den umfassendsten und sinnleersten Signifikanten auszuwerfen, das Geld, kann es in einem ganz anderen Maße möglich sein, Sinn und Harmonie für die beschränkte Zeit eines eigenen Lebens zu stiften: Noch im verlogensten Pathos überwintert ein Restbestand der Geheimnisse des Lebendigen. Die ursprüngliche Stimmigkeit, dass etwas sitzt und passt, dass es ineinander greift, liefert die notwendige Voraussetzung, damit es besser flutscht. Die sich ergebenden Harmonien sind die Grundlage aller späteren Sinnentwürfe. Als uns die Gewalten einer mimetischen Verfolgerkausalität abwürgen wollten, galt es die Spannung urweltlicher Kräfte zu halten, Assoziationsmuster spielen zu lassen, bis die Neuronen die nötigen Fortschritte ihrer Selbstorganisation durchlaufen hatten und Geistesblitze zündeten. Diese Blitze verdanken wir keinen göttlichen Gefilden mehr, sondern einer Überreizung der selbstverstärkenden Resonanz verschiedener Subsysteme des Nervensystems, dem energetischen Aufschaukeln biomagnetischer Level. Nur ein befriedigter und mit sich einiger Körperbezug ist in der Lage, solche Kräfte zu akkumulieren, ohne die Energie in Kurzschlüssen abzufahren. Wenn alles auf dem Spiel steht, können auf einmal Kleinigkeiten bedeutsam werden – wer dann die Spannung nicht hält, fliegt raus wie eine zu schwach gewählte Sicherung. Also heißt es üben, täglich üben, damit die Gelassenheit erhalten bleibt, immer wieder üben: Je mehr Vorstellungen und Projektionen verschwinden,  je leichter fällt es, die destruktiven Kräfte der Intrige im Vollzug wieder in genitale Energien zurück zu verwandeln. Frustration und Triebverzicht sollen uns beherrschbar machen; wer seine wertvollste Kraft in Wut und Ressentiment investiert, merkt nicht, wie gerade damit in den Zeiten der Informalisierung herrschende Abhängigkeiten aufrecht erhalten werden. Unser Motor der Lebensfreude will gespeist werden, dann wird es jeden Tag wieder neu und unvorstellbar, wobei der Nebeneffekt eines Blankpolierten Spiegels nicht zu vernachlässigen ist. In den zitierten Hierarchien braucht es ein Ruhe und Stärke verleihendes Kraftfeld erfüllter Befriedigung, nur wenn wir einander in die Lage versetzen, in uns zu ruhen, prallen die bösen Wünsche einfach ab. Ein Blankpolierter Spiegel sorgt dafür, die Annahme zu verweigern, Vernichtungsimperative an die Absender zu retournieren. In gesegneten Augenblicken konnten wir sogar beobachten, wie Krüppelzüchter erschrecken, wenn sie mit den eigenen Bosheiten konfrontiert werden.

Menschen brauchen das Gefühl, sich im Fokus einer Aufmerksamkeit zu befinden, sie wollen für jemanden eine Bedeutung haben – selbst die magische Verfolgerkausalität wird für eine Neuformatierung nach der Erfahrung eines sozialen Todes sorgen, wenn wir in der Lage sind, die negativen Einflüsse nicht zu bekämpfen, sondern für uns zeugen und arbeiten zu lassen. So wie die Etymologie mit dem  Sinn auf den Weg verweist, wird dieser als Weg zu einem Ziel, das den nötigen Antrieb freisetzt. So wie in der Sprachphilosophie der Sinn durch den Kontext bestimmt wird, in dem ein bedeutsamer Gegenstand steht, beginnt uns das Netzwerk der Intrige mit einer Bedeutsamkeit zu versehen, die die Einflüsse von Professoren und die Ranghöhe von Ministern tangiert. Die Professoren liefen Gefahr, ihrem System des Machterwerbs unter dem Einfluss einer elaborierten Lustpolitik die Nötigung des Dazulernens anzutun  – aber dazu fehlte den Protagonisten, die sich auf verbalerotische und andere von Blumenberg empfohlene Ersatzleistungen kapriziert hatten, stimmigerweise das Vermögen. Dagegen versteckten sich die beiden beteiligten Minister hinter der ZEIT und einer Unternehmensberatung, die den Auftrag bekam, die Effektivität der Stuttgarter Geisteswissenschaften zu bestätigen. In diesen Zusammenhängen hat sich für uns die Erfahrung eines Glücks des Unvorhergesehenen ergeben. Wenn alles so kommt, wie es geplant worden ist, verlängern sich nur hilflose Hörigkeit und herrschende Unfähigkeit. Wenn alles immer so bleiben soll, wie es war, wenn alles so geplant werden muss, dass sich nichts ändern soll, hat dies mit den Prinzipien einer kulturellen Evolution, die aus der Wiederholung die abweichende, erfolgsversprechende Variante herausfiltert, nichts mehr zu tun! Apologeten der Institution, die häufig genug verkappte oder getarnte Kinderschänder sind, sollten sich immer wieder einmal die Frage stellen, warum das Inzesttabu ein Motor der kulturellen Entwicklung der Menschheit war, während sie sich aus absurden Gründen an verewigten Verwaltungsvollzügen festhalten. Jene Bedeutsamkeit, die einmal die Fundamente ihres Wirkungsbereichs gesetzt hatte, ist längst zu einem Ärgernis geworden. Beliebige Formalitäten haben die Inhalte überwuchert, Verfahrensregeln die ursprüngliche Aufgabe zugeschüttet – mit dem Resultat, dass persönliche Intrigen, sinnloser Ehrgeiz und gekränkte Eitelkeit die Förderung ihres eigentlichen Auftrags verdrängt haben. Was in der Selbstdarstellung als sachliche Intention zum Guten der Institution ausgegeben wird, ist tatsächlich Taktik, Netzwerktechnik und Diplomatie, um dem eigenen Machtanspruch durchzusetzen. Während die betreffenden Bildungsbeamten auf Kosten der Opferung eines abweichenden Schülers über die Ansprüche ihres Fachs bestimmen wollten und möglichst viele Protagonisten verstrickten, profitieren wir in the long run von der Gesetzmäßigkeit, dass sich nach Sonnemann alle Geschichte, die gemacht werden soll, nur lächerlich macht. Der Gang der Zeit setzt ein Lassen-Können voraus, denn das Machen-Wollen ist im Augenblick der Intention bereits neben der Spur. Die Selbstthematisierung im zeitlichen Standindex des Hier und Jetzt mag die Entdeckung eines Bewusstseins des aktuellen Moments offenbaren, aber mit dieser geht die logische Konsequenz einher, jede Vorstellung eines endgültigen Seins verliere sich in der notwendigen Diskontinuität. Das Jetzt des Augenblicks entzieht sich, ist immer nur im Nachhinein zu reproduzieren; schon deshalb haben Menschen eine derartige Angst vor dem Tod, weil sie dressiert worden sind, sich an die Vorstellung eines endgültigen Sein zu klammern. Doch gerade die manischen Versuche, eine Gewissheit vorauszusetzen, zerstören die Erfahrung eines Jetzt der Erkennbarkeit. Wir sind keineswegs Herren über ihre Zeit, weil die Zeit mehr umfasst, als die der Uhren und Kalender; wo Geschichte geschieht, nimmt sie die Menschen mit. Die unvorhergesehenen und überraschenden Wendungen im wirklichen Leben sind noch viel phantastischer und unwahrscheinlicher als im Film oder Roman – wobei wir damit zu leben haben, dass sie den Kinderglauben der Gerechtigkeit Lügen strafen. Weil Recht und Gerechtigkeit nicht automatisch im Einklang sind, sich in vielen Fällen sogar gegenseitig ausschließen, gehorcht der symbolische Tausch einer eigenwillig ambivalenten Dämonie. Das Recht resultiert aus Konventionen, ist Resultat von Gewohnheitsbildung und politischer Mehrheitsentscheidung, damit aber von allem Gebrauchswert und aller Eigenarbeit abgelöst – es stellt Reste her, die den Siegern zufallen, den Verlierern genommen werden. Von der Berechenbarkeit und Planung der Sanktionen profitieren unzählige Schmarotzer; aufgrund der Verteilungskämpfe ist es kein Nullsummenspiel. Dagegen erweist sich die Gerechtigkeit in einer vollendeten Reziprozität, ihr Wert haftet an dem, was in der Waagschale liegt: Wenn es die durch böse Wünsche oder ausgefuchste Intrigen entfesselte Negation ist, wird ihr Gewicht von Querschlägern oder unerwarteten Rückschlägen aufgewogen. Die Wirkungsgewalt des symbolischen Tauschs beruht auf dem Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und Zuwendung, also auf jener Gesetzmäßigkeit, nach der keine/r weniger oder mehr bekommt, als er/sie zu geben in der Lage ist. Jede wirkliche Gabe, also mit hohen psychischen Besetzungen der Einflussnahme ausgebrütete Zuwendungen, hat einen zeitlichen Bezug, der auf Reziprozität drängt. Folgerichtig sorgt die Negation dafür, dass Leute, die uns nicht interessieren, die kein Bedürfnis freisetzen, uns mit dem zu beschäftigen, was sie gerade an Schmerzen für uns ausbrüten, Gefahr laufen, den ganzen ihrer Impotenz oder Frigidität verdankten Mist zurückzubekommen.

Die Erfahrung eines Glückens des Unvorhergesehenen hat sich für unsere Geschichte als korrelativ zum Begriff des Glücks ergeben. Das Glück als Ganzes gibt es nicht, doch just zu dem Zeitpunkt, an dem es als metaphysisches Versatzstück aufs Panier einer Massenbewegung geschrieben wurde, ob bei Erweckungsreligionen oder politischen Utopien, hat es immer ein gegenwärtiges Elend mit Hilfe ferner Verheißungen legitimiert, dann mit Feindbildern, Sündenbockmechanismus und Opferkult ertragbar gemacht – je größer die geschürten Erwartungen sind, je schneller kippt die frohe Botschaft in ein totalitäres System um. Wie von alleine mündet die in solchen Fällen notwendige Komplexitätsreduktion in den Krieg oder die Selbstzerstörung. Weil die menschliche Kultur mit der symbolischen Arbeit an der Verarbeitung der Erfahrung des Todes einher ging, diesen anzunehmen oder abzuwehren, entstand jene Terrormaschinerie der Kulte, die die Vorstellung ertragbar machte, indem der Tod stellvertretend am willkürlich hergestellten Sündenbock vollstreckt wurde. Wenn für Girard das Begehren erst aus der konfliktuellen Mimetik entspringt, haben nach und nach Vorstellungen des Begehrens die Erfüllung, die Sättigung, die Tat zu ersetzen. Der Verzicht ist real und keine Metapher, der biologische Trieb beim Menschen nicht einfach ausgefallen, sondern das Mobile der hormonellen Antriebe wurde systematisch pervertiert. Verbote dienten als Geilheitsdressuren, die Religionen wurden zu Weltmächten, nachdem die von ihnen instrumentalisierten Ängste die Menschen mit dem Imperativ des schlechten Gewissens und der Selbstverleugnung unterjochten. In den verschiedensten Besessenheiten schlagen sich nicht nur jene gesellschaftlichen Vorbilder oder propagierten Medienfunktionen nieder, die zwar längst nicht einlösen können, was sie uns anempfehlen, aber immerhin für Nebenkriegsschauplätze sorgen, an denen wir uns abstrampeln, um für die wirklichen Aufgaben im Leben keine Zeit oder Kraft mehr zu haben.

Wenn wir eine Vorstellung durch eine andere ersetzen, ist das kein wirklicher Verzicht – auch wenn es so aussehen soll, weil eine der beiden dem Tabu untersteht. Den realen Verzicht fundiert das Prinzip Vorstellung selbst! Dabei müsste man/frau nur die richtigen Geschichten zu erzählen wissen – je größer das Repertoire ist, je wahrscheinlicher finden sich unerwartete Variationen der Verwirklichung von Präsenz. Blumenberg streift einmal in seiner enttäuschenden Anthropologie, die noch den phänomenologischen Arbeitsanweisungen Husserls und Heideggers Tribut zollt, die Privilegien des Sprechens und der Ohren. Damit ist keine Offenbarung gemeint, die gehört werden muss wie die jüdische, vielmehr ein Vorrang der Stimme, die schon immer eine Selbstobjektivierung bewirkt, wenn wir beim Sprechen nicht nur mit den Ohren hören, sondern doppelt, mit Malraux‘ Kennzeichnung viel unmittelbarer, über die Schädelknochen. Doch mir fehlt in diesen Zusammenhängen der Hinweis, wie nahe Heideggers Verknüpfung des Hörens mit der Seinserfahrung dem Gehorchen und der Hörigkeit kommt. Wenn uns der Vorrang des Sehens, der Bezug auf eine abgehobene Sphäre der Ideen und die Aufklärung bereits um die Materialität der Welt beschissen haben, könnte ein Horchen und genaues Zuhören wieder zu einer Bewegung jenseits der Verlichtung der Welt zu körperlichen Intensitäten führen. Doch dieser alternative Emanzipationsgedanke – eben nicht von der Welt und unserer Körperlichkeit, sondern von den über uns verfügenden Institutionen – fehlt bei Blumenberg leider. Die größte Errungenschaft der Menschheit ist nicht die Lebensversicherung, wie das Institutionstheoretiker gerne hätten, sondern ein fast unbegrenztes Lernvermögen. Als er den eingeschränkten Blickwinkel des menschlichen Sehvermögens thematisiert, die Unfähigkeit Gefahren wahrzunehmen, die sich von hinten nähern, zeigt er, wie der Leib nicht nur Zugang des Subjekts zu den Objekten ist, sondern vielmehr das Subjekt zum Objekt für andere Subjekte macht. Über die eigene Sichtbarkeit zu verfügen, sie unter Kontrolle zu bringen, mag ein erster bewusster Schritt der Selbstobjektivierung sein – doch diese Entwicklung endet im Panoptikum, das nach Foucault die lichtdurchflutete Komplettüberwachung in einer Form optimiert, mit der die Subjekte die Kontrolle derart internalisieren, dass sie für ihre Selbstüberwachung zuständig werden, ohne noch über das Ziel der Gewissensinstanz entscheiden zu können. Die Selbstdarstellung mag der Selbsterkenntnis vorausgehen, die Kontrolle der eigenen Sichtbarkeit wird ein Wissen um die Wirkung der eigenen Handlungen auf andere voraussetzen. Zu erschließen und zu modifizieren, wie die eigene Person auf das Gegenüber wirkt, um auf das Tun der anderen einzugehen, auf ihre Erfahrung durch Protzgebärden oder freundliches Entgegenkommen einzuwirken, kann lebenswichtig sein – doch wenn das Als-ob zum einzigen Antrieb der Simulanten der Selbstheit wird, geht der Bezug auf den Anderen vor lauter Selbstbespiegelung verloren. In den Ursprüngen der psychischen Strukturierung des Selbstbewusstseins, das sich für Blumenberg aus der Ausgeliefertheit des Gesehenwerdens konstituierte, steckt noch immer die Katastrophenerfahrung der Savanne, einer in Urwäldern bis dahin ungekannten Sichtbarkeit ausgesetzt zu sein. Die Intersubjektivität als Gefährdung wird erst durch Kommunikationsakte aufgefangen, wobei das Gehör eine symbolisch vorgeordnete Stelle im Orientierungsvermögen einnimmt. Ohren sind in der Lage das Umfeld im 360 Grad-Winkel zu scannen; sie waren nicht auf die Kompensation durch beschränkte und selbstbezogene Vorstellungen angewiesen, ließen damit das Lernvermögen in einem unvorhersehbaren Rahmen expandieren. In solchen Zusammenhängen hätte sich die Nachzeichnung kultureller Umwege über die Konditionierung des Ohrs angeboten, denn es lässt sich als Sinnesorgan nicht schließen. Trabant zeigt, wie Herder mit seiner Entdeckung der erkenntnistheoretischen Grundlagen des Hörens eine wie selbstverständlich gehandhabte, nicht reflektierte Ebene des hörenden Denkens bei Leibnizsches explizit macht. Für die sinnliche Basis ist es bezeichnend, dass Leibniz dreidimensional empfindet. Die Präferenz des Raums in all seinen Dimensionen verweist auf das Sphärische der Klänge, auf ein hörendes Denken. Die Basis allen Erkennens sind sogenannte kleine Wahrnehmungen, also im Wesentlichen akustische Eindrücke – sie liefern das sensualistische Fundament und entscheiden sogar die Frage nach der Einheit des Bewusstseins. Wir nehmen über die Ohren ohne Unterlass wahr, wir können sie nicht schließen wie die Augen, selbst wenn wir schlafen, baden wir noch in Klängen, sei es der Außenwelt, sei es der inneren Bewegungen der Eingeweide, dem Rauschen des Blutes. Die nicht bewusst werdende, ununterbrochene Präsenz dieser Vibrationen und Klänge garantiert tatsächlich eine stabile Selbstwahrnehmung innerhalb der zeitlichen und räumlichen Veränderungen für die Identität. Die kleinen Wahrnehmungen erinnern schon in mancher Hinsicht an die Thematisierung von Zeichenprozessen des Subliminalen und bilden einen Raum, eine Sphäre, die uns als akustische Grunderfahrung umgibt. Die Welt, die akustisch wahrgenommen wird, ist kein Gegenüber, sondern ein Umgebendes, ein Einschließendes und Umfassendes – also kein entgegenstehendes Objekt, keine gegenüberliegende Fremdheit, die uns nur angetan wird. Die kleinen Wahrnehmungen ergeben sich aus den dauernden Einflüssen von Körpern, die uns umgeben, sie sind ein Teil der sphärischen Eindrücke, die für uns alles, also auch das Unendliche umfassen. In den ‚Sphären‘ Sloterdijks wird dieser erkenntnistheoretische Ansatz mit den Einsichten einer historischen Anthropologie bis in die extremsten kulturellen Entwicklungen nachvollzogen. Über die sprachliche Symbolisierung objektiviert, bleiben die Bemühungen um eine Einheit des Bewusstseins nicht mehr im Imaginären des Lacanschen Spiegelstadiums befangen, sondern werden durch ein Sirenenstadium für die sich öffnende Zukunft sensibilisiert. Abgesehen von der bezaubernden bis bannenden Qualität der ursprünglichen Sirene, ist das zentrale Moment des Akustischen die Zeitlichkeit. Wenn sich Leibniz der akustisch wahrnehmbaren Bewegung der Luft zuwendet, wird die zeitliche Dimension des Klangs thematisiert, in ihrem Element weht und konspiriert die Welt. Aus der Mitbewegung, dem Mitatmen alles Lebendigen, erhebt sich die Stimme: Die sich entwickelnde Sprache stellt dank der Konspiration Weltzusammenhänge her, in denen sich ganz immer Sinne Wittgensteins eine Bedeutung durch ihren Gebrauch erklärt.

Schon mit den Erzählungen stellt sich eine Bifurkation ein, die nicht nur in der Lage ist, einen Aufschub zustande zu bringen: die Pest auf Abstand zu halten oder den Zeitpunkt der Hinrichtung zu verzögern, sondern die ganz andere Systemsprünge zu befördern vermag, wenn es keinen Notausgang mehr gibt. Wenn alle Türen zu und vernagelt scheinen, wenn einem das Wasser schon bis zum Hals steht – zaubert ein Witz, eine Pointe, eine nebensächliche, lächerlich einfache aber plausible Bemerkung die Wände weg. Vielleicht steht danach noch die eine oder andere überflüssig gewordene Tür als windschiefe Mahnung im Leeren. Es geschieht etwas, mit dem niemand gerechnet hat, die Mauern zerbrechen, die Fallen versagen – auf einmal schließen einfachste Lebensvollzüge ihren ganz besonderen Sinn auf, der Moment erfährt eine sinnliche Fülle und kräftigende Intensität, die an Wahrheitsgehalt mehr über den inneren Zusammenhalt der Welt transportieren, als die von aller Körperlichkeit abstrahierende Wahrheit. Wenn wir in die Enge getrieben werden, wenn uns der Boden unter den Füßen weggezogen werden soll, müssen wir kapieren, dass wir Davongekommene sind, die eine derartige Wut auslösen, weil sich intrigante Kindergartenspiele plötzlich einer ungreifbaren Macht gegenüber fühlen. Vielleicht ist die Erfahrung, eine Vernichtung durchlaufen und doch überstanden zu haben der Startblock, um das Leben in seinen kleinsten Äußerungen schätzen zu lernen. Was ist das Glück anderes! Wir mussten Intriganten in einer nicht-identifikatorischen Haltung gewähren lassen, bis das Signifikantennetz eine Entscheidung herbeiführte. Die ganze Mühe um Eindeutigkeit und Widerspruchsfreiheit ist ein Resultat der Angstbewältigung. Wer dieser Strategie gehorcht, wird sehr schnell daran arbeiten, die Legitimität der Angst abzusegnen. Dabei ist das Leben ein Resultat von Unwahrscheinlichkeiten, der in alle Richtungen offene Horizont ein Ergebnis unkontrollierbarer Lernsprünge, das uns mögliche Glück vor allem eines des Unvorhergesehenen. Die Energie und die Bedeutsamkeit, die ein gemeinsames Leben tragen, resultieren aus der Fähigkeit, Widersprüche auszuhalten: Die dafür nötige Kraft steckt in den aufzusprengenden Blockaden!

Die Wechselbeziehungen von ‚Eigenzeit‘, Musik und Selbsterfahrung kreisen das Thema ‚Eigenarbeit‘ ein. Eine inspirierte Philosophie sollte uns, wenn ich einer Anregung Agambens folge, wieder mit unserer Rätselhaftigkeit konfrontieren und neue Expeditionen ins Ungewordene und Unerkannte ermöglichen. Die Philosophie hat laut Bohrer  unveränderliche Wahrheiten behauptet, indem bereits ihre Prämissen Zeitlichkeit und Tod ausgegrenzt haben, indem das ‚Jetzt‘ zum Verschwinden gebracht wurde. Der subjektive Faktor jeglichen Bewusstseins von Zeitlichkeit wurde durch den objektiven Faktor einer Zeitdimension jenseits dieser Subjektivität ersetzt. Dabei ist die Trennung von Subjekt und Objekt lediglich das Resultat festgefahrener Gedankenexperimente. Dagegen haben die den technischen Entwicklungen des letzten Jahrhunderts folgenden Theorien längst zu verschiedenen Ansätzen von Wechselwirkungen und Interferenzen geführt. Wenn wir in der Lage sind, uns auf die lebendigen Kräften der subjektiven Erfahrung einzulassen und uns dabei in der Kunst der Selbstdistanzierung üben, kommen hin und wieder Rätsel zustande, mit denen es sich sehr gut arbeiten lässt. Das Glück des Unvorhergesehenen transportiert die Chance, mehr und anderes zu finden oder zu erfahren, als dies unsere Erwartungsmuster und die dahinter arbeitende Komplexitätsreduktion erlauben. Mit Foucault gibt es Momente im Leben, in denen die Frage, ob man anders denken kann als gewohnt, anders wahrnehmen, unabdingbar ist, um überhaupt beobachten und denken zu können. Die kritische Arbeit des Denkens ist eine am Denken selbst: Herauszufinden, wie und bis wohin es möglich ist, anders zu denken, statt nur das zu affirmieren, was bereits bekannt ist. Die Menschheitsentwicklung verdankt sich einer Reihe von Katastrophen, doch das aus dem Geist der Institutionalisierung für den Konservativismus plädierende Argument, nach Katastrophen hätten Restaurationen und Rekonstruktionen einen Vorrang der Dringlichkeit, zieht erst ab dem Status einer erlittenen und nicht ausgehaltenen Saturiertheit, die durch Kriegsbegeisterung und nationalen Größenwahn gründlich verspielt worden ist. Tatsächlich gibt es keinen Grund für eine Weiterentwicklung, wenn alles stimmig und in sich gerundet ist, erst recht keinen, wenn die Angst vor Veränderungen das Realitätsprinzip prägt, wenn jeder Sprung ins Neue und Ungewohnte dem Tabu untersteht. Wenn die aktuelle Problematik kompletter menschheitsgeschichtlicher Fehlentwicklungen in Angriff genommen werden will, müssen wir von einer Homöostase des Elends der Wiederholung zu einer des Glückens des Unvorhergesehenen voran kommen. Der Erlösungsgedanke, der einmal mit dem der Ewigkeit verbunden war, hat sich unerkannt in die gesteigerte Erwartung eines unendlichen Wachstums transformiert – selbst die Alternative einer erfüllten Gegenwart partizipiert am Prinzip Steigerung und Beschleunigung. Doch die Erlösung von den Übeln oder zumindest von einem auf Dauer unbefriedigten Begehren wird ganz sicher nicht mit dem Ehrgeiz eingelöst, aus vorhandenen Systemressourcen mehr herauszuholen. Im Umfeld fremdbestimmter Techniken der Alltagsbewältigung bringt das Kaizen mit der formelhafte Vorsatzbildung ‚Tag-für-Tag-ein-wenig-besser‘ auf einen Nenner, wie wir uns optimal auszureizen haben, weil wir einem fremden Ziel unterstehen, uns also dauernd im Vergleich befinden. Vom Weg, der einen Sinn freisetzt, ist bei dieser Selbstoptimierung schnell nicht mehr die Rede, nur noch vom wirtschaftlichen Erfolg eines Systems, in dem wir zur austauschbaren Variablen verkommen. In gesellschaftlichen Zusammenhängen der Lernresistenz dank neurolinguistischer Programmierung und autoreflexiver Simulation ist die Selbstdistanzierung als Instrument des Verzichts zu empfehlen, denn mit dem Grad der Entfremdung steigt das Lernvermögen. Verzichten wir auf die Einlösung politischer und ökonomischer Heilsbotschaften, die den Zauber uralter Initiationsriten bemühen, wenn sie versprechen, man müsse sich und sein altes Leben nur wegwerfen, um sich in ihren Zusammenhängen neu zu gewinnen. Verzichten wir dank der Selbstdistanzierung auf all das, was wir als Lebenssinnersatz brauchen sollen, um von einem zum nächsten zu hasten, ohne im Haben je einen Sinn zu finden. Die Verunsicherung des modernen Menschen, wie die Sinnentleerung seiner Welt, entspringen nicht der Aufkündigung der propagierten kulturellen Werte, sondern sie sind ein Resultat der Erfahrung, nur mit Talmisicherheiten, falschen Versprechungen und Pseudoalternativen stillgestellt worden zu sein. Es entspricht den Direktiven einer Mikropolitik der Macht, wenn in den Zusammenhängen pluraler Werte und Ideologien über die Zersplitterung der äußeren Wirklichkeit geklagt wird, die mit der Fragmentierung einer inneren Erfahrung einher gehe. Die Menschen sollen den festen Charakter vermissen, sich nach Autoritäten und einem unverrückbaren Weltbild sehnen – dass damit dem Populismus und narzisstischen Priestern der Verlogenheit das Terrain bereitet wurde, hat die Neokonservative bis heute nicht kapiert. Tatsächlich lassen sich Formen der Selbstoptimierung wesentlich besser im Sinne einer Lustpolitik forcieren, die gegen Selbstverblödung und Selbstausbeutung gerichtet ist. Jeder dem Vergleich gehorchende, rivalisierende Antrieb zweigt biographische Energien notgedrungen für den gesellschaftlichen Motor des rasenden Stillstands ab. Dieses schwachsinnige, ökologisch selbstmörderische und oft genug wirtschaftskriminelle System erhält sich durch genau jene Energien am Laufen, die wir für Lustpolitik und Eigenarbeit freisetzen sollten, um aus der beschränkten Zeit und den biographischen Offenheiten jenen Sinn zu entwickeln, der uns mit der Endlichkeit eines einmaligen Lebens versöhnt. Während der realen Arbeit am Verhältnis der Geschlechter machen wir die Erfahrung, dass nichts wirklich planbar ist, dass die Entwicklung in Sprüngen und im Kreis verläuft, dass kein Fortschritt wirklich fort führt und keine Katastrophe das Ende bedeutet. Je besser diese Lernerfolge greifen, je einfacher wird es, sich nicht mehr mit anderen zu relativieren. Jede befriedigende Körpererfahrung überbrückt Abstände und Grenzen, die als gesellschaftlich geworden oder gottgegeben reklamiert wurden. Es braucht Geduld und tägliche Übung: Ab einer gewissen Intensität der Wiederholung erscheint es jedes Mal wieder neu und einzigartig, mit der Zeit steigern Zauber und Unvorstellbarkeiten sogar das Glück des Unvorhergesehenen! In einer Zeit, in der konfliktuelle Verführungen und Zwiste einfach an uns vorbei gingen, ihnen fehlte der Resonanzraum, weil wir Tag für Tag befriedigt waren, begann die Kategorie des Unvorhergesehenen wirklich fruchtbar zu werden. Wenn nur der Weg zählt, Schritt für Schritt, wird hin und wieder das Wunder einer Unvorstellbarkeit erreicht, das tatsächlich die Wiederholungszwänge eines zurückliegenden Elends abarbeitet. Dieses pragmatische Glück wurzelt in ganz real erfahrenen Transzendierungen der Wirklichkeit! Mit den gemeinsamen Rhythmen erreichen wir hin und wieder ein Level, auf dem der andere Körper erfahren wird, als sei er der eigene Körper. Der Sprung in die Unendlichkeit findet dort statt, wo die Entladung verzögert und der Reiz erhöht werden, wo energetische Erfahrungen die Selbstwahrnehmung auf ein Niveau katapultieren, von dem der Körper plötzlich weiß: Das-ist-es, während das Bewusstsein nur staunt und verglüht. Die einzige bleibende Fraglichkeit ist unser Unvermögen, das Geschehen zu reproduzieren – die Präsenz geht ganz schnell wieder verloren. Was gerade noch in einer überbordenden Intensität bestanden hat, kann nur mit der nötigen Geduld bei einer der nächsten erfolgreichen Übung neu erfahren werden.

Auch im Zeitalter der digitalen Reproduzierbarkeit gibt es ein biologisches Faktum, das bis in die differenziertesten Strukturen des Bewusstseins reicht und den Beweis für die Nichtreproduzierbarkeit der Präsenz erbringt. Wenn es wirklich gut war, geht es nicht noch einmal so, wie es war – wenn es geht, ist es immer wieder unfassbar erstaunlich... Die Liebe ist eine Form des Spiels, bei der der Einsatz das ganze Leben betrifft: Wenn es eine/n erfasst, ergreift es uns noch einmal wie am ersten Tag der Schöpfung! Weil entscheidende Einsichten reifen, wenn die nötige Sättigung eines Mediums erreicht ist und gewisse Prozesse starten, wenn das richtige Gefälle vorbereitet wurde, beginnen dem willkürlichen Zugriff entzogene Gesetzmäßigkeiten der Bedeutsamkeit für einen zu arbeiten. Der entscheidende Sprung im Signifikantennetz ist erreicht, wenn nicht etwa nichts getan, sondern alle Kraft und Einsicht dem Nicht-Tun gewidmet wird. Wenn wir für die Verführungen der Mimesis nicht mehr erreichbar sind und auf keine fehlerhafte Identifikation mehr reinfallen, stellen sich auf einmal glückliche Lösungen ein, an die niemand gedacht hat. Sogenannte Zufälle sorgen plötzlich für Entscheidungen, die derart überraschend sind, dass ständig um Anschlüsse und Einflüsse bemühte Krüppelzüchter nicht mehr mithalten können.

 

 

 


Eigenarbeit und Eigenzeit

 

Erst durch die Aneignung sozial vorgegebener Muster der Selbstregulierung bildet sich ein menschliches Repertoire aus, wobei die Entwicklung individuell ausgeprägter Persönlichkeitsstrukturen in der Regel durch minimale Abweichungen von diesen Mustern zustande kommt. Sei es die Kompensation von Ausfällen oder das Boostern von Sonderbegabungen, wir lernen über den Umweg der Anderen mit unseren Anlagen umzugehen, durch Distanzleistungen aber zu relativ autonomen Personen zu werden. Doch selbst so komplizierte Verfahrensordnungen wie unsere Zeitbegriffe sind an materiellen, organischen Prozessen geworden: Durch eine perpendikuläre Zeit als einfachste, durch taktile und akustische Muster vermittelte Zeiterfahrung intrauteriner Kreisläufe oder deren Überlagerung durch extrauterine psychosoziale Einflüsse auf den mütterlichen Leib. Der Embryo erlebt gemächlich gleichförmige Phasen und solche, in denen das Mutterschiff Stress und Angst überträgt, doch deren Wechsel wird in der Reversibilität als elementarste Zeiterfahrung erfahren. wird Die Verabsolutierung eines linearen Zeitablaufs stellt sich ein erstes Mal als Resultat der irreversiblen Katastrophe des Geburtstraumas ein. Die Eindrücke der ersten neun Monate prägen den Generalbass unserer Wahrnehmung von Strukturen des Raums und Mustern der Zeit, gerade weil diese Gesetzmäßigkeiten unbewusst bleiben, doch sie wandern als indexikalische Impulse der Aufmerksamkeit in den Spracherwerb ein. Die Sprache als gesellschaftliche Metainstitution und als Medium der Sozialisierung geht den notwendigen Lernprozessen bereits immer voraus; sie transportiert Gesetzmäßigkeiten des Lernens und gesellschaftliche Werte. Aber wie sich Sprache in jedem Leben in spezifischer Form individualisiert, entsteht auch ein Repertoire an Auswegen und Neuentdeckungen. Die Muster der Eigenzeit unterlaufen dank eines Übermaßes an Erwartungen und eigenwilligen Selektionen die vorgegebene Botschaft; existenzielle Erfahrungen decken den Widerspruch auf, der daraus resultiert, dass alles als eigen Empfundene erst einmal von außen herrührt, Resultat einer Selbstimmunisierung ist. Aus diesem Grund sind wir schon immer in Geschichten verstrickt, die viel älter sind als unser kurzes Leben. Wir hangeln uns von Interpretation zu Interpretation durch die Welt, die nie nur eine Geschichte ist. Selbst die schnelle audiovisuelle Aneignung von Wirklichkeiten, ihre Umsetzung in Medienrealitäten, ändert nichts an der Tatsache, dass wir anhand der Resultate von Interpretationen Halt und Sicherheit suchen. Die Herstellung einer absoluten Immanenz in der alles gleich nah und zur gleichen Zeit erfahren werden kann, mag eine traditionelle Raumorientierung zu Gunsten einer Achse der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen zurückdrängen. Dennoch ist die Subversion einer in Pseudoalternativen verhärteten Gegenwart immer wieder neu gefragt: Was uns als aktuelle Wahrheit präsentiert wird, muss in unerwarteten Formen der Präsenz verflüssigt werden. Erst wenn die Zeit keine Rolle mehr spielt, sind wir im Hier und Jetzt präsent, entdecken im Augenblick eine informatorische Allgegenwart, haben damit das Problem der Strukturierung und Auswertung jener Datenflut zu lösen, indem Eigeninteresse und Bedürfnis sie erden. Ein entsprechendes Supplement zielen Suchmaschinen im Internet an, mit denen heute Wissensweisen und Einsichten in einem Maß zur Verfügung stehen, wie dies zu Zeiten des langsamen, verbalen und schriftlichen Wissensmanagements in der Gutenberggalaxis nur schwer vorstellbar war. Ein Zugang, der im Nachhinein über die Vorgaben bestimmt und diese modifiziert, ist für die Wissenschaft das erste Mal mit der verzögerten Entscheidung der Quantentheorie aufgetaucht. Auf einmal wurde die Zeit nicht mehr unabhängig vom Wahrgenommen-Werden vorgestellt, das sich in ihr ereignet – tatsächlich ist es möglich zu entscheiden, welchen Weg ein Photon durch die Lochmaske nimmt, nachdem es die Maske bereits hinter sich hat. Die Vorstellung einer linear verlaufenden Zeit, die unabhängig von dem ist, was sich in ihr ereignet, hat sich nicht nur in der Mikrophysik erledigt. Mit der Erfahrung der Supplementarität untersteht das Denken und Erfahren ganz ähnlichen Prozessen. Der nachträgliche Effekt eines Geschehens entscheidet über seine Wirklichkeit. Von allen evolutionären Überlebenstricks des Menschen, sei die wichtigste die Fähigkeit, Zukunftsformen von Verben zu benutzen, betont G. Steiner. Unser Leben hänge von unserer Fähigkeit ab, Hoffnungen zu artikulieren, den Zeitstufen des Futurs unsere Erwartungen, unseren Veränderungswillen anzuvertrauen – in einem von Fortschritt bis Erlösung reichenden Spektrum. Für ihn erzeugt Sprache erst unsere Zukunft, sie ist zugleich Bote aus der Zukunft – doch der aktuelle Status des Gewesenseinwerdens hat viel weitergehende Konsequenzen. Wenn eine uns angehende Wahrheit aus der Zukunft auf uns zu kommt, erspart dies jene vertrocknete Spezialisierung, mit der das Wissen von jeder für den Alltag anwendbaren Erfahrung abgekoppelt wird. Wir müssen nicht mehr tagelang nach einem Zitat suchen, das uns in der Vergangenheit wie ein Raubtier angesprungen hat, um es im richtigen Kontext zu domestizieren, während uns die Welt außerhalb der Texte immer fremder wird. Nachdem es heute nicht mehr nötig ist, das Gedächtnis mit unnützem Ballast zu überfrachten, kann ein waches Interesse sowie die am Umgang mit universalisierten Medien fundierte Allgemeinbildung für das nötige systematische Gespür sorgen. Wissen ist nicht automatisch Macht, denn welches Wissen taugt tatsächlich zu etwas, nachdem es vom Sicherheitsbedürfnis um den Gebrauchswert reduziert wurde! Unsere Lebenszeit muss nicht in den Urwäldern der Spezialbibliotheken auf der Strecke bleiben – aber es ist wichtig, deren archiviertes Wissen in digitaler Form abrufbar zu haben. Wenn uns das Zeitalter der KI etwas bringt, wird es zum Üben dienen, Einsichten, die unseren Erwartungshorizont übersteigen, sind Trainingsgeräte für geistige Spannkraft und Beweglichkeit. Die Vorbehalte der großen Institutionen, die KI erhöhe das Risiko einer Auslöschung der Menschheit, beruhen auf dem impliziten Wissen um die eigene Rücksichtslosigkeit und Inhumanität beim Durchsetzen von Machtansprüchen. Also sollten wir mit der KI die Prinzipien einer anarchistischen Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie trainieren. Jedes komplexe Wesen wird von einer Pluralität von Zeiten konstituiert, die aufeinander subtil und vielfältig einwirken. Wer sich in den jeweiligen Zusammenhängen einredet, selbst zu denken, gehorcht einer Form der Angstbewältigung. Tatsächlich sind wir erst einmal Transmitter und Konverter, die aktuellen Bilder und Redegirlanden denken für uns, wir dienen ihnen als Vehikel; erst ab einer gewissen Kapazität beginnen sie sich an unseren Mühen zu personalisieren. Es ist also keine Besonderheit oder Auszeichnung, für Stimmungen offen zu sein, denn wirkliche Erweiterungen unserer Möglichkeiten resultieren vor allem aus einem Gespür für die zu erwartenden Aufgaben, für daran zu trainierende Fähigkeiten. Erst wenn wir uns mit der nötigen Durchlässigkeit auf ein Repertoire einlassen, kommen wir in die Lage, uns ergreifen zu lassen. Wir beginnen ein Geschehen zu erkunden, indem wir ununterscheidbar in die Gesetzmäßigkeiten eines Weltausschnitts eingehen, wenn wir als dessen Medium in der Lage sind, die Besiedelung der Erwartungsmuster zu regulieren, Kleinigkeiten und Perspektiven zu modifizieren, bis mit der Arbeit an den Besetzungen schon einzelne Details ganz anderes bedeuten. Wir sind, was wir gewesen sein werden, und nur da, wo eine Übersetzung in symbolische Formen möglich ist, gibt es Auswege und eine lebendige Zukunft. Für Kamper transportiert das Symbolische vor- und transindividuelle Momente der Sprache, die eben nicht auf Information und Kommunikation zu reduzieren sind. Doch für das Privileg dieser Erfahrung symbolischer Übertragungen wird uns das Einverständnis abverlangt, das Verstummen, das Sinnlose der Tatsache des Todes zu akzeptieren. Ansonsten greifen jene Verführungen der Mimesis, die schon immer auf jenem identifikatorischen Versprechen beruhen, das Nichts in Schach und draußen zu halten. Gerade der Zwang, ein in sich abgeschlossenes Subjekt zu sein, dient der Nachahmung als Anschlusswert an jene Zeit der bösen Wünsche, die nicht einfach in einem anderen Weltalter hinter uns liegt, deren Motor die Angst antreibt. Oft trieft ein ganzer Kontext vor Neid und Missgunst, oft sind Lebensangst und schlechtes Gewissen die Ventile einer Figuration, in der wir uns verstricken sollen. Eben diese Formen der Ausgeliefertheit und der magischen Erregungsabfuhr greifen auf das in den frühkindlichen Abhängigkeiten erworbene Repertoire von Verhaltensformen und Empfindungsweisen zurück. Neurose ist Institutionsminiatur, die großen Institutionen der Menschheit sind nach dem Vorbild der Religion generalisierte Neurosen, die Parapsychotikern als Schutzschirm dienen. Wie früher die Religion, bestimmen heute die Medien unsere Zugänge zur Wirklichkeit der Erscheinungen, die nicht erst jenseits der Medien wirklich wird, sondern deren Wirklichkeit die der Medien ist. Gerade weil die Realität nicht unabhängig von den biographischen und gesellschaftlichen Erfahrungen besteht, sondern immer erst produziert wird, funktionieren die Wirkungsweisen der Macht nach einem einfachen Schema, das in den Großinstitutionen von der Kirche über das Militär bis zur Wissenschaft perfekt ausgearbeitet worden ist: Wer die Angstbewältigung ankurbelt, benützt uns als Verbündeten gegen uns!

Jede Kultur resultiert aus einer mehr oder weniger virulenten Interferenz der Zeiten, aus einem Durchschuss des präsentischen Bewusstseins mit zumeist unbewussten Wiederholungen. Schon bei Benjamin wurde jene seltsame Dialektik ausgearbeitet, nach deren Gesetzmäßigkeit sich im Allerneusten das Archaische wiederholt. Die Analysen im Kontext des Passagenwerks kennzeichnen das Verhältnis aus Kapitalismus und Konsumismus als Religion durch das Paradox, mit der Regression den Fortschritt anzutreiben. In den geschichtsphilosophischen Thesen wird die verzwergte Theologie zur geheimen Steuerung des historischen Materialismus. In diesen Zusammenhängen ist der Ausdruck Achsenzeit wiederzuentdecken: Kultur als Strom zu interpretieren, der alles Mögliche aus den Gegenden, die er durchquert, mitnimmt, abschleift und zu neuen Formen transformiert. Mag Jaspers Historisierung seit Jahren Korrekturen erfahren, so ist auf jeden Fall wichtig, dass das Zusammentreffen der verschiedensten Traditionen in einer Schwellenzeit ab einer gewissen Sättigung des Mediums zu Sprüngen in den althergebrachten Gewissheiten oder den biographischen Selbsterlebensbeschreibungen führt. Die Schwellen der Digitalisierung funktionieren mangels materieller Reibungsverluste in besonderer Weise synkretistisch. Die Erfahrung einer Zeit, deren galoppierender Charakter verhindert, ihre Wahrheit zu erfassen, ist der Erfahrung entgegenzusetzen, dass diese Wahrheit aus der Zukunft auf uns zu kommt. Nicht nur nachträglich weiß man/frau immer alles besser; wir leben gleichzeitig in der Vergangenheit der Zukunft wie in der Zukunft der Vergangenheit – die Gewichtung hängt vom Stresslevel ab, das wir auszuhalten in der Lage sind, bis die psychischen Besetzungen für einen bifurkativen Sprung gesorgt haben werden. Weil die Geschichte der Religionen, der Phantasmen und Mythen als Vorgeschichte und Tiefenstruktur der heutigen technischen Entwicklungen zu rekonstruieren ist, führt die gegenwärtige Remythologisierung der Technik zu neuen Spielformen religiöser Energien. In den noch nicht der institutionellen Reinigung und Sublimierung unterworfenen Ursprüngen ist das Religiöse und Mythologische immer synkretistisch, ein Patchwork ohne theologische Strenge und ohne hierarchische Absicherung. Als Schema für das Flottierende und Hybride, Ephemere und Metamorphotische, prägt es die Globalisierung und Multikulturalität des Netzes.

Die Zunahme des menschlichen Wissens wird von der Erfahrung begleitet, nach der die damit verbundenen Bereiche des Nichtwissens wesentlich schneller anwachsen, als die Gewissheit, auf der wir für den historischen Augenblick ausruhen wollen. Das könnte immerhin erneut zur Kultivierung jener Weisheit führen, nach der unser Wissen nur der Armatur unserer Sinne hinterher hinkt und zu wenig Wahrheit transportiert. Über Jahrtausende wussten verschiedene Theologien und ihre Schwundstufen an dieser Einsicht zu schmarotzen, um die Machtausübung durch immer kompliziertere Konstrukte zu rechtfertigen, die die Materialität unserer Weltwahrnehmung transzendieren. Dabei beruht diese Materialität auf den Armaturen der Sinne, auf den Repertoires, den komprimierten Archiven, die ihre Funktionen geprägt haben. Nur deshalb ist ein Maximum der uns zugänglichen Wahrheiten aus der Nähe zur Wirkungsmächtigkeit eines Nichts aufzuschlüsseln, das als Ursprung aller Symbolsysteme der Selbstermächtigung der menschlichen Fantasie zugrunde liegt. Der Reiz literarischer Intensitäten des Wissens liefert oft mehr als nur Schwundstufen der ursprünglichen Fiktion von Substanz. In den Randgängen der Signifikanten, den unterschwelligen biomagnetischen Feldern, in den unwillkürlichen Erinnerungen, den Irrgängen einer Metaphorologie usw. gibt es verschiedene Verweisungszusammenhänge, die über die selbst geschaffenen Gefängnisse des institutionalisierten Wissens hinaus führen.

Die Welt erfahren wir mit allen Sinnen, wenn die Erwartungsmuster und die Summe der Kenntnisse, die zu ihnen passen, nicht unter einer Kanonade von Phrasen unwichtig geworden sind. Ansonsten müssen erst Schockerfahrungen jenes dichte Gewebe aus Lebenslüge, Trägheit und Verleugnung aufsprengen; weil sich die lineare Zeiterfahrung als Resultat eines Schocks einstellte, macht sich das Andere der durch Konvention und Unredlichkeit hergestellten Wirklichkeit erst unter dem Einfluss der Katastrophe bemerkbar. Freud hat nicht nur herausgearbeitet, welche Verdrängungskünstler durch die Orientierung an der Normalität entstehen. Er hat mit der Kategorie des Widerstands auch gezeigt, dass der Ich sich nur durch die dauernde Verweigerung einer unzensierten Selbsterkenntnis aushält, Selbstdementierung und trickreiche Verheimlichung der eigenen Motive sind am statistischen Durchschnitt ausgerichtet. Eine Hermeneutik der Selbsterkenntnis müsste die Geschichte der Erzählungen über das Selbst gegen die Widerstände des Ich aufschlüsseln. Was einst unter emanzipatorischen Voraussetzungen Erfolg versprechen sollte, ist mit der Wissenschaft des Bewusstseins zu einem Repertoire konkurrierender Diskurse geworden. Aber gerade weil alle Wahrnehmung, Erfahrung, Erwartung und Entscheidung auf enormen Komplexitätsreduktionen beruht, wird nachvollziehbar, warum die Bedeutsamkeit gewisser Zusammenhänge immer auf Spuren verweist, die die Wirkungen des Subliminalen für viele unserer Entscheidungen aufdecken. Wir sollten also der Verführung durch empfohlene oder naheliegende Vereinfachungen ausweichen, nicht ständig nach den Kurzformen, den Schematismen  und Logos suchen. Statt der für die Prägungsmuster der Normalität üblichen Komplexitätsreduktion ist den Anregungen Kampers folgend die Komplexität durch materielle Nähe zu steigern, durch geschulte Wahrnehmungen und intensive sinnliche Vernetzungen, durch psychedelische Erfahrungen umzuformatieren. Wenn wir nur das zu sehen in der Lage sind, was uns eingetrichtert worden ist, haben wir nicht nur das Leben verpasst, wir werden viel zu bereitwillig einwilligen, wenn über uns verfügt wird. Tatsächlich hat das Selbst im Status der Inkommensurabilität keine eigene Sprache, entweder es lernt nach und nach, sich geschickt in fruchtbare Zusammenhänge einzuschleichen, um alles Brauchbare zu verwenden und damit das durch Sprache vorgegebene Repertoire zu individualisieren und zu bereichern. Oder, wenn dies misslingt oder von vornherein nicht angestrebt war, kommt mit den haltgebenden Klischees und Vorbildern auf die Dauer ein nachgemachter Mensch zustande, dessen Sicherheit nur geliehen ist. Die Sprache wie die das ursprüngliche Repertoire liefernden Mythen wollen individualisiert werden, erst dann sind sie in der Lage, uns für den Wandel der Zeit fit zu machen. Solange sie allerdings die strategische Begeisterung Sorels zu füttern, der politischen Mobilisierung der Massen zu dienen, wird eben diese Individualisierung verpasst, während dessen Mythoskonzeption jeden Wahrheitsbezug ausschließt. Der Mythos wirkt wie eine Maschine, die die unbewussten Energien des Menschen bündelt und in immer neuen Kombinationen vervielfältigt. Seine Bedeutung resultiert aus der Verankerung der Motivation und des Sicherheitsbedürfnisses von Individuen und Gruppen in den Tiefenschichten der menschlichen Geschichte. Doch solch ein Abaissement du niveau mentale befördert nur die Regression – schon deshalb war dem Erbe des Faschismus eine weitverbreitete Skepsis gegenüber Massenbewegungen zu verdanken. Dagegen weisen die großen mythischen Figuren mit den Erzählungen zur Welteroberung und Kulturstiftung auf ein Repertoire von Handlungen hin, mit dem immer wieder neu die Zukunft in Angriff zu nehmen ist. Im Fortgang der Zeit gingen diese Heroen an den freigesetzten Wissensweisen, an der durch Abstraktion und Generalisierung bedingten Stumpfheit und Empfindungsunfähigkeit zugrunde. Was aber nicht heißt, damit seien sie einfach verschwunden, denn kitschige Miniaturen tauchten regelmäßig als Begleitfiguren der Gesetzmäßigkeiten einer Partitur, der Strukturen eines Romans, den Spielereien eines Bastlers oder den Zwängen einer Neurose auf. Mittlerweile haben Film und Fernsehen als latente Sozialtechnologien der Regressionsresistenz ein neues Terrain bereitet; die Begeisterung kann zur Sentimentalität verzwergt ausagiert werden, Aggressivität oder kullernde Tränen sind in einem Urlaub vom rationalen Alltag gestattet, solange das Feuerwerk im Medium des Unernstes abbrennt. Mit zunehmender Digitalisierung besetzen immer mehr mythische Gehalte multimediale Felder, um ihre Verjüngung im Status des Als-Ob zu feiern. Der personalisierte Zukunftsbezug und das Prinzip Hoffnung leben von der Erinnerung an vergangene Entwicklungsstadien; gerade dieses Als-Ob garantiert eine Selbstimmunisierung, mühsam erreichte Fortschritte unterstehen zur Erholung der Regression, weil unser Zukunftsbezug ansonsten zerstört würde. Zugleich entsteht damit aber ein Potential an Überdruss, das gegen Verwaltungsbezüge und Als-Obs gerichtet ist. Ein nachvollziehbarer Wahrheitswert, der zugleich die Gefahr mit sich bringt, mit dem Bedürfnis nach Intensität und Echtheit wieder bei faschistischen Entfesselungskünstlern zu landen, gegen die tatsächlich nur echte Erfahrungen immunisieren.

Mit der Erfahrung einer Fülle des Wirklichen – die sich einstellte, als wir von allen Ressourcen abgeschnitten waren und für die einfachsten Dinge wieder ganz von vorne beginnen mussten – begannen wir zu akzeptieren, dass unsere Aufmerksamkeit bisher nur für einen bedingten, kleinen Ausschnitt ausreichte. Wir mussten uns gegen den Schwachsinn eines Man-erkennt-nur-was-man-kennt auf all das einlassen, was wir angeblich nicht wissen können. Die Präsenz der subliminalen Wahrnehmungen, der nicht bewussten psychischen Aktivitäten, des Denkens, das außerhalb unserer Köpfe abläuft, gestaltet die Verbundenheit des Menschen mit der Welt viel enger, als es die Theoretiker des Ich-denke wahrhaben können. Diese Intensitäten, das objektivierte oder implizite Wissen, die ganze Bandbreite der Sinne, haben wir gewähren zu lassen. Die Winke wollen vernommen, die Zeichen wollen gelesen werden. Dann beginnen die Dinge zu und die Tiere mit einem zu sprechen; wer sich darauf einlässt, erlebt die Materie als einen fortwährenden Informationsaustausch. Selbst in der Verknüpfung der Zeiten prägen gewisse Botschaften unsere Gegenwart, die nicht nur von der Vergangenheit getragen, sondern mit Einsichten aus einer fernen Zukunft geimpft ist, die wir noch nicht wissen können. Im Anfang gibt es nur das Hier, noch fast keinen Zeitbezug, während am Ende das Jetzt die Fülle des gelebten Lebens ist, während das Hier zum Punkt in einem unvorstellbar verzweigten Verweisungszusammenhang geschrumpft sein wird. Gelegentlich mag es intensive Aufenthalte im Jetzt in den Augenblicken der Ekstase geben, doch das instantane Nunc ist ein Privileg der Traumzeit. Dem Entzug von Präsenz entspricht die Verleihung von Bedeutungen an das schwindende Geradeeben. Seltsamerweise konstituiert diese Dialektik von Entzug und Vollzug die Reziprozität der symbolischen Ordnung, in der die Welt im Focus der Bedeutsam­keit für uns verfasst ist.

Jede Konzeption der Zeit entwirft eine Schematik, alle Messung der Zeit stellt immer nur Bilder her, die einer enormen Komplexitätsreduktion unterstehen. Die eigentliche Bewegung jenseits von Linie und Kreis verläuft in endlos sich verzweigenden Wiederholungsschleifen, die niemals den gleichen Fluss darstellen. Das Wechselspiel der Zeiten macht verschiedene Formen der Zeiterfahrung aus, die sich nicht gegenseitig aus dem Feld schlagen. Die vorherrschende Auffassung der letzten Jahrhunderte machte Zeit zum Gegenstand der theoretischen Physik. Seit Galileis Versuchsanordnungen, die oft genug an der Grenze des theoretischen Experiments angesiedelt waren, entstand eine physikalische Zeitkonzeption, die die Selbstdistanzierung des Forschers und einen technischen Ablauf voraussetzte. Schon bei Cusanus hatte sich eine Konzeption verselbständigt, die viele Jahrtausende ephemer war, die sich nur der Not verdankte – die lineare Zeit ist ursprünglich die des Todeslaufs, in ihrer Unausweichlichkeit sitzt noch heute die Agonie. Ihr gegenüber gibt es Zeiterfahrungen, die mit Ewigkeit gesättigt sind, der gelungene Augenblick nicht weniger als die Wiederkehr des Gleichen. Wir haben die mythische Zeit der Epik, die in mächtigen Bildern mit Erscheinungsformen des Göttlichen durchsetzt ist, wie die gemächlich dahin fließenden Zeiten der Chronik, die noch immer Wunder produziert, außerdem die Historie, deren Nutzen von ihren Nachteilen aufgezehrt wird, weil sie das Wunderbare aus der Welt entfernt. Die Moderne war weitgehend ein Resultat männlicher Erfahrung, planmäßiger  Fortschritt ein Resultat der Reduzierung des Realen auf mathematische Rationalität, einen Vektor in der Zeit, der zyklische Rückgriffe und variierende Wiederholungen zunehmend ausschloss. Mit dem Einfluss der industriellen Herstellung von Waren und Produkten verschwinden die sinnproduzierenden Rituale immer mehr oder werden auf Feiertage und Als-Ob-Erfahrungen reduziert, bis die Prosa einer grau gewordenen Alltagserfahrung die Flucht in die Kriegsbegeisterung nahelegte. Während die Materialschlachten eines ersten Weltkriegs jegliche menschenmögliche Erfahrung verhöhnten, die verbliebenen Protagonisten verstummt aus dem Feld zurückkehrten, wurde mit dem Zeitbegriff der Relativitätstheorie das Unvorhersehbare gegenwärtig und die Synchronizität thematisierbar. Mittlerweile gewinnt die zyklische Wiederkehr des Gleichen mit der Kapazität moderner Rechner an Bedeutsamkeit. In ihr sprießen Koinzidenzen, das Simultane ist lediglich durch minimale Unendlichkeiten von seinem Gegenüber getrennt. Dabei war diese blitzartig aufleuchtende Unendlichkeit in der Zeitlosigkeit nicht aus der Welt verschwunden, sondern nur mehr und mehr an den Rand gedrängt worden. In die Zeit des Wunders, den Blitz einer Offenbarung, den mythischen Augenblick einer großen Liebe, sind die Splitter einer unvordenklichen Zeit eingestreut, in der Vergangenheit und Zukunft in einem unendlich vielfältigen Sinn kulminieren. Die lineare Zeit macht den Herrschaftsbereich der kodifizierten Bedeutungen aus, eben weil es Zeit braucht, um eine sinnliche Präsenz in Bedeutung zu überführen, die das Verhältnis zwischen Mensch und Welt verbindlich kodifiziert. Sie mündet in die Zeit des mechanischen Uhrwerks, das die Zeit in Zeitpunkte zerhackt und die der Hemmung unterstehenden Momente auslesbar macht – um den Preis, uns um die Erfahrbarkeit einer unendlich vielfältigen Wirklichkeit zu betrügen. Wenn sich das Vergessen der Interpolationen in der Messbarkeit vollendet, prägt der Tod die Münze der Bedeutung. Gestern war heute noch morgen, wir glaubten unendlich viel Zeit zu haben – aber morgen ist heute schon gestern. Die Jahre gehen unerbittlich und je schneller vorüber, je weniger Neues und Unerwartetes auftaucht, wenn wir nicht im Hier und Jetzt den schöpferischen Funken schlagen.

Das Glück des Unvorhergesehenen hat Teil an jenen Intensitäten, die sich aus einer Unverfügbarkeit heraus ereignen. Jenseits der Rituale der Angstbewältigung und der Gewalt macht uns die Selbstverschwendung, die Lust an der Unverfügbarkeit, das Sicheinlassen auf offene Horizonte, erst einmal fähig, unsere Zukunft zu individualisieren.  Die Plötzlichkeit als spontaner Einbruch anderer Seinsordnungen, die Entgrenzung der persönlichen Gewohnheitsmuster, untersteht keinem Wollen, sondern erwartet ein Gewährenlassen. Dies bringt die Chance mit sich, mehr und anderes zu finden oder zu erfahren, als unsere Erwartungsmuster und die dahinter arbeitende Komplexitätsreduktion erlauben. Eine von dieser Erfahrung inspirierte Philosophie könnte Expeditionen ins Unerkannte ermöglichen, uns mit unserer Rätselhaftigkeit konfrontieren. Wohin es führt, wenn wir für alle möglichen Erfahrungen genau die Erklärung suchen, die unsere Ängste und Zwänge bestätigt, zeigen uns Verschwörungstheoretiker bis zum peinlichen Fremdschämen. Dabei stehen schon die einfachen Erklärungen im Dienste der Komplexitätsreduktion und kleben den Registriert-Bon auf eine Wundersamkeit, mit der wir uns nicht weiter zu beschäftigen haben. Wir sollten uns nicht um unsere Eigenzeit betrügen, nur um den immergleichen Schwachsinn in den verschiedensten Verpackungen zu begehren. Die Offenheit für das uns umgebende Rätsel der Schöpfung benötigt keine Askese, denn mit den geduldigen Übungen des Paars ist die Stillung des Begehrens gegen den Sog der Bildwelten und den von ihnen ausgehenden Geilheitsdressuren leichter als durch Verzichtleistungen zu erreichen: Die Liebe, deren Antrieb nach Simmel die Ergründung des Geheimnisvollen der Individualität ist, erlöst uns von der Suche nach dem Sinn eines Unternehmens, das uns mit dem Tod weitere Sorgen und Mühen erspart. Die Arbeit an der während dieser Übungen freigesetzten inneren Leere, die Verflüssigung verhärteter Gewohnheiten, die Relativierung jeglicher Intention, erspart uns die Täuschung durch Trägheit, Glaube und Indoktrinierung; wir kommen dem Geheimnis der Lebendigkeiten näher, ohne in der Sackgasse der Frage zu landen, was wir damit anfangen können.

Mit diesem produktiven Ansatz der nüchternen Beschränkung auf die Diesseitigkeit der Lebendigkeiten sollte das Verhältnis körperlicher Zeichensysteme zu dem der Zeichen des Geistes betrachtet werden. Es gibt Zeiten, in denen diese beiden Systeme einander durchdringen und solche, in denen sie starr auseinander gehalten werden. Deshalb kongruieren symbolische Repräsentationen der menschlichen Wirklichkeit in einer technischen Welt wesentlich weniger mit der Erforschung der spezifischen Gesetzmäßigkeiten und der in dieser Sphäre des Menschlichen entstehenden Probleme, als mit dem was wir unter Natur verstehen und durch biologische, physikalische und mathematische Modelle erklären. Noch die Unterscheidung von Natur- und Geisteswissenschaften ist das Resultat einer Trennung, die mit Elias das Kunstprodukt einer wissenschaftlichen Fehlentwicklung ist: Ein Hindernis für die Weiterentwicklung der Orientierung auf der Ebene des Wissens und der Integration spezifisch menschlicher Eigenheiten; entsprechend beschränkt und unsicher ist das Wissen, mit dem wir uns in dieser Sphäre zu orientieren versuchen. Die Kluft zwischen Innenwelt und Außenwelt, die sich durch Erfahrungen der Entfremdung in die Subjekt-Objekt-Dichotomie verlängert, führt dazu, die untrennbaren und komplementären Funktionen von Mensch und Natur oder von Mensch zu Mensch auf zwei selbständige, unüberbrückbar getrennte Sphären zu verteilen. Das Entweder-Oder von Objektivität-Subjektivität ist eine Falle, die immer wieder neu als Opferverhalten oder fehlerhafte Identifikation zuschnappt. Jenseits des Mythos ist die Welt außen, das Wissen innen – aber Wissen und Kommunizieren setzen eine Gesellschaft von Menschen und keinen isolierten Einzelnen voraus – das epistemische Arbeitszeug, um mit der Komplexität intensiv vermittelter Wechselverhältnisse umzugehen, liegt jenseits von Abstraktionen und der Fixierung auf generalisierte, abgetrennte Relate. Doch es liegt vor, ist aber selbst zu Zeiten des Internets und der Digitalisierung nicht in die Umgangs- und Erfahrungsgewohnheiten eingegangen. Die Ablösung einer Tradition der mündlichen Wissensübermittlung durch die schriftliche Fixierung eines Wissens, das noch immer durch lautes Lesen vergegenwärtigt wurde, zum Buchdruck und einer durch das leise Lesen eines sich aus der Gemeinschaft zurückziehenden Lesenden, hat Jahrtausende gebraucht. Die Habitualisierung des durch den Computer ermöglichten Wissenserwerbs mag sich Zeit nehmen, doch immerhin ist eine von Peirce konzipierte relationale Semiotik nicht das einzige Instrument einer Wissenskultur jenseits der Gutenberggalaxis. Bereits die Kennzeichnung Außenwelt ist wie die eines Bereichs der Innerlichkeit wenig geeignet, um das Verhältnis von Sprechergemeinschaft und individuellem Sprechen vorzustellen oder das allgemeiner Begriffe zu deren individuellem Gebrauch. Das ‚Objekt‘ ist also immer schon eine Funktion des jeweilig vorgegebenen sozialen Wissensbestands – dabei geht es viel eher um die Gesetzmäßigkeiten des Dazwischen. Der anhand der physikalischen Phänomene Newtons entwickelte kategoriale Apparat, die ihm entsprechenden Formen einer mechanischen Ursache-Wirkung-Kausalität, eignen sich eben nicht zur Erforschung der Verknüpfung aller Integrationsformen unseres Universums, denn darüber hinaus gibt es biologische, soziale und erfahrungsbezogene Integrationsebenen. Notwendig ist tatsächlich eine Erfahrungs- und Wissenskonzeption, die andere rationale Synthesetypen zulässt. Die Vortäuschung einer Spaltung der Wissensgebiete funktioniert nur solange, wie weite Bereiche der menschlichen Erfahrung nicht zur wirklichen Erkenntnis zugelassen werden – in diesen Zusammenhängen greift Kampers Kritik, nach der der Versuch, die Welt durch Zeichensysteme zur Eindeutigkeit zu zwingen und das Leben mit den Vorgaben der Anatomie von Toten zurechtzuschneiden, dem Prinzip der Weltvernichtung folge. Dabei ist die Unterscheidung verschiedener Zeichensysteme wesentlich erkenntnisfördernder, als die einfache von vielen Prozessen abstrahierende Entgegensetzung von Körper und Geist – der von Heraklit inspirierte Ansatz vorgegensätzlicher und vorkonfliktueller Erkenntnis wird durch einen trirelationalen Zeichenbegriff geradezu nahegelegt. Was sich im Prozess der Zivilisation geändert hat, ist das System der Selbstregulation, die Funktion der Zwischenglieder zwischen Reiz und Reaktion, die zunehmenden Puffer zwischen den elementaren Impulsen und dem gelernten Muster ihrer Kontrolle und Zügelung. Sie mögen in manchen Fällen der Reflexion, der kritischen Hinterfragung zugänglich sein, aber in vielen Fällen wurde der zeitliche Lernprozess vergessen und das Resultat, nach dem Vergessen des Vergessens, als natürliches Verhalten empfunden. Dazu gehört vor allem das Unvermögen, sich über den tatsächlichen Charakter der Zeit klar zu werden. Für Elias, der die Geschichte der Menschheit als einen Prozess zunehmender Triebhemmung gekennzeichnet hat, ist die Selbstregulierung eines zeitlichen Schematismus weder eine biologische Vorgabe der Natur des Menschen, noch die eines metaphysischen Apriori, sondern ein schlichtes Sozialisationsprodukt. Das jeweilige Zeitempfinden ist das Ergebnis einer sich unter den zeitgeschichtlichen Vorgaben entwickelnden sozialen Persönlichkeit, damit also der integrierenden Lernprozesse jedes Individuums. Das vergebliche Bemühen um die Lösung eines im Grunde einfachen Verständnisses der Zeitproblematik sei ein gutes Beispiel für die Folgen des Vergessens der gesellschaftlichen Vergangenheit. Wenn Elias sie in der Erinnerung vergegenwärtige, entdecke er sich selbst.

In diesen Bereichen des Dazwischen haben wir es mit vermittelnden Zeichensystemen zu tun, auch der warme und reaktionsfreudige Körper ist für die Wahrnehmung nichts anderes als ein Zeichensystem. Das mag erklären, wie viel Geist ein Erröten impliziert, wie viel Reflexion ein Stolpern beinhaltet: Wie Schneider in ‚Liebe und Betrug‘ gezeigt hat, ist im Stottern und Anstoßen die Authentizität der abendländischen Liebe zu Hause, während alle glatte und geschmierte Selbstdarstellung schon dem Betrug zu unterstellen ist. Die Zeichen der Haut unterscheiden sich von Tätowierungen, die ein Signal anstreben, dem die Echtheit des physiologischen Zeichenprozesses fehlt. Immer dann, wenn körperliche Kommunikation und sprachlicher Austausch in eine intensive Wechselwirkung treten, nähern wir uns einer umfassenden Form von Kommunikation. Dabei ist sogar einzuschränken, dass auch ein Schamane simuliert, aber eben nur solange, bis ihn das Geschehen ergreift. Wenn eine/n die Besessenheit reitet, ist die Heiligkeit und glühende Wirklichkeit des authentischen Augenblicks erreicht. Das mag sehr weit von unseren Erfahrungsmustern entfernt liegen, nachdem die institutionalisierten Religionen nur ein substantialisiertes Heiliges zugelassen haben, doch es hat noch immer Teil an unserer Lebendigkeit. Die privilegierten Augenblicke einer umfassenden Kommunikation, die uns mit einer Gesamtheit des Bestehenden kurzschließt, sind das für die Erfahrung der Normalität Ungreifbarste, weil von dieser die Extreme und der Überschwang ausgeschlossen werden. Wenn die Kommunikation den Status des Heiligen streift, klingen in ihr Kittlers ewige Schwingungen des Sinus. Aber selbst in den biographischen Zusammenhängen des 21. Jahrhunderts kann die eine/n ergreifende Erscheinung des Schönen eine Epiphanie des Göttlichen werden: Wenn das Feld des Heiligen zugänglich wird, ist das Schöne nicht allein eine Erscheinung, an der sich das Begehren entzündet, sondern eine Macht, die die Intensitäten des Lebens stimuliert, die außerdem in der Lage ist, enorme Energien freizusetzen. Ob das Schöne sinnliche Erscheinung der Idee genannt werden konnte oder nur im Auge des Betrachter lag, Schönheit zu einem den Vollzug versprechenden Begehrten wurde – in beiden, extrem auseinander liegenden Fällen landet der sinnliche Impuls in der Amygdala, springt dann vom Gefühlskern des Gehirns zum Hippocampus, um als Erlebnis verarbeitet und zu Erinnerungen geformt zu werden – vor allem fördert es eine umfassende Bejahung des Lebendigen mit den dazu gehörenden Widersprüchen und Prüfungen, wenn es uns als Ereignis mit all seinen Erscheinungsformen ergreift. Dagegen resultiert die Schönheit der Macht aus der Kompensation eines persönlichen Unvermögens; sie geht von der Negation aus, stellt eine Veranstaltung der Verleugnung, des Selbstbetrugs und der Unterwerfung dar. Vielleicht möchte ein nachgemachter Mensch mit der Nähe zur Macht ein bisschen von der Begehrlichkeit abbekommen, die die Präsenz des Körpers verbürgen kann, solange die Empfänglichkeit nicht während der Sozialisation ausgebrannt worden ist. Gegen die Schönheit als Promesse du Bonheur – und solange das Glück dann auch nur für Augenblicke stillhält, sind wir sogar bereit dafür zu sterben – steht die Eleganz der Kastraten. Das ist ein Resultat des bis ins Jenseits aufgeschobenen Lustprinzips, hergestellt wird ein totes aber beherrschbares Arrangement. Wenn hässliche Simulanten oder zu kurz gekommene Intrigantinnen wirklich mit den Selbstinszenierungen der Macht zufrieden zu stellen wären, wäre unser soziales Umfeld nicht durch deren neidende Strategien vergiftet worden. Im Übrigen hätte es dann niemals das Skandalon des schönen Wilden gegeben, der manche/n zum Deserteur machte – nicht weniger die Karrieren des weiblichen Geschlechts, das sich den Zugang zur Macht erschlief, um sie dann zu Zwecken zu gebrauchen, die von den ursprünglichen Machtkonstellationen oft wenig übrig ließen. Die Aporien eines Zenon waren ein Höhepunkt der griechischen Dialektik, niemandem gelang es, sie denkend zu widerlegen. Wir wissen mittlerweile, wie einfach eine Widerlegung ohne den Umweg über Russel/Whitehead möglich ist – durch körperhafte Präsenz und durch die energetische Erfahrungswirklichkeit des Paars. Sie ist beileibe nicht als Reihe von Zeitpunkten zu verstehen, wird je lebendiger, ergreifender, je mehr Widersprüche und Fremdheiten unter Funkensprühen in ihr zu integrieren sind. Das Maß und die Intensität liegen dann nicht mehr in einer abstrakten Dauer, sondern in der unendlich stetigen Vertiefung der Präsenz.

Der Begriff Geschlechterspannung, den Heinrich in ‚anthropomorphe‘ als gesellschaftliche Erscheinungsform der Zweigeschlechtlichkeit des Menschen kennzeichnet, beschreibt das Medium zwischen einer biologistischen oder einer soziosexuellen Fixierung auf starre Geschlechterrollen. Wir erfahren Spannungen, die gleichermaßen zwischen den Geschlechtern wie zwischen den frühkindlichen Identifikationsmustern beider Eltern auszutarieren sind – die vor allem aber in der Sexualität zum Vorschein kommen. In der Regel muss ein Individuum gerade deshalb darauf achten, seine sexuellen Konflikte zu kaschieren; sowohl vor den anderen, wie vor sich selbst, müssen sie weitgehend als überwunden oder nichtexistent behandelt werden. Die Spannung wird hinter einer Rolle oder Maske verborgen, weil vor allem die Scham und die Kränkung zu verleugnen sind, nicht beherrschen zu können, was eigentlich beherrscht werden sollte – hinter dieser Frustration steckt die Erfahrung, im eigenen Leben nicht das Sagen zu haben. Faktisch kann sich das Individuum erst als mit sich identisch definieren, wenn es gelingt, sowohl die immanente wie die zwischenmenschliche Spannung in einer Balance auszugleichen. Eine Entschlüsselung des Rätsels der Geschlechterspannung liefert die Kochrezepte für eine gemeinsame Lebenszeit! Gegen den Anspruch inzestuöser Abhängigkeiten und dank der Erotik ins Runde einer Harmonie zu kommen – die die Organisationsform kleinster Gemeinsamkeiten und größter Gegensätze ist, mit der tatsächlich erste Erfahrungen der Authentizität zustande zu bringen sind. Die ‚postmetaphysische Reflexion‘ bringt eine unterschwellige Entwicklungslinie auf den Nenner, die quer zur inhaltsleeren Konvention und den konstruktivistischen Setzungen steht. Eine an den eigenen Erfahrungen wachsende Subjektivität wird von der Achtsamkeit auf Gesetzmäßigkeiten des Leibes geprägt. Im Fortgang seiner Selbstdichtung wächst der Leib in Zusammenhängen, die sprechender und welthaltiger werden. In diesem Register bringen Liebende eine Verausgabung zustande, die dem Organismus mindestens so zusetzt wie eine schwere körperliche Arbeit: Gegen die Nichtigkeit des Aufenthalts in bloßen Vorstellungen gilt es, das Brennglas der Bedeutsamkeit zu fokussieren; das Leben beginnt zu strahlen, wenn es mit Präsenz geladen wird, während die Nichtigkeit und Nebensächlichkeit eines Durchschnittslebens von einem abperlen. Kraft und Bedeutung sind in der Regel auf verschiedenen Ebenen zu situieren. Die Kraft entspringt dem Realen und befeuert das Imaginäre, dagegen werden Bedeutungen im Symbolischen kodifiziert – doch in der indexikalisch auf die Materialität der Welt zurückbezogenen Bedeutsamkeit haben wir eine Vereinigungsmenge, die mit Gefühl und Ähnlichkeit unterfüttert wird. Allerdings sind diese Zuordnungen immer ambivalent, am ehesten noch mit einer Extremwerttheorie nachvollziehbar. Sie lassen sich nicht instrumentalisieren, auch wenn dialektische Tricks sie der Manipulation unterstellen. Das erklärt am besten, warum Energien entweder freigesetzt und verwendet oder aber abgebunden und blockiert werden. Doch in extremen Situationen der Bedrohung und Ausgeliefertheit gibt es einen Punkt des Umschlags, der Bedeutungen wieder in tödliche Kräfte verwandelt. Jenseits narzisstischer Selbstdarstellungen und verwalteter Geschwätzrituale gewinnt das Wort eine Macht, die mindestens so gefährlich sein kann, wie die in den Netzwerken von Bildungsbeamten zirkulierenden Verwünschungen.

Die unabhängig von Idealen oder Abhängigkeiten verkörperte Geistesgegenwart im Hier und Jetzt arbeitet an einer Technik der Selbsterfindung jenseits von Bildwelt und Vorstellung. Gerade weil es nicht darum geht, sich den Anmutungen der anderen anzubequemen, instrumentiert sie die Wahrnehmung des Kontextes. Statt ein idealisiertes Selbstbild nach der über ihren Umweg entstandenen Erwartung zu richten, wird diese Form der Vergegenwärtigung zur Kompetenz für Spuren und Zeichen. Eine erkannte Tücke des Subjekts macht keine Rückkehr zur Abwesenheitsdressur mehr nötig, die einer ursprünglichen Angst vor der Nähe und damit vor der Anwesenheit in dieser Welt gehorcht. Gumbrechts ‚Lob des Sports‘ oder seine Ausführungen zur ‚Präsenz‘ legen nahe, warum gerade die Beherrschung einer Technik und die souveräne Verfügung über die Regeln jenen Raum aufschließen, in dem wir für Augenblicke nur noch im Hier und Jetzt sind, versunken in einer fokussierten Intensität. Was wir besonders gut können, können wir ohne Überlegung, es läuft wie von selbst. Dabei zeigt sich, wie gerade die körperlichen Routinen, die fast reflexartig ausgeführten Vollzüge dafür sorgen, in einer Präsenz zu landen. Und das geschieht eben nicht, wenn wir von fremden Virulenzen erfasst werden oder uns durch Bildwelten verführen lassen, sondern erst dann, wenn es gelingt, durch die nötige empathische Kapazität die Intensitäten eines Geschehens zu teilen, sie zum Erscheinen einer Ganzheit, einer säkularen Wiederverzauberungsstrategie zu steigern: Gefühle vervielfältigen sich, wenn wir sie teilen. Diese einer Epiphanie verdankte Verzauberung führt uns jenseits profaner Sportstadien in noch ganz andere Sphären, wenn wir das symbolische Liebesgebot des abendländischen Kontextes auf den realen Tausch der Gaben komplementärer Geschlechtsanlagen zurückführen. Weil das Liebesgebot in solchen Zusammenhängen einst entstand, stellen wir nicht nur fest, wie die Wirklichkeit heller und mit Energien geladen wird, sondern verstehen ohne zu überlegen, warum eine Logik des Vertrags dem gemeinsamen hormonellen Geschehen gehorcht. Während die sich beim Sprechen selbst bezeichnenden Redenden oft genug umsonst umeinander bemüht sind, weil sie viel zu sehr die Vorstellung beschäftigt, wie sie auf das Gegenüber wirken, setzen Körper Intensitäten frei, die frühere klangliche Prophezeiungen aktualisieren. Die Rhythmen akustischer Nabelschnüre graben den imaginären Zwängen von Vorstellung und Erwartung die Energie ab. Dabei findet keine Einebnung der Unterschiede statt, keine hierarchische Vorgabe der Macht pervertiert die Beziehungsarbeit, sondern im Ringen mit- und umeinander entsteht ein Mobile von Machtbalancen, das nur solange funktioniert, wie jeder in der Lage ist, die Andersheit des Anderen zu akzeptieren. Selbst die Vielschichtigkeit der Rede teilt in den körperlichen Reibungsintensitäten wesentliche Nuancen mit dem hormonellen Geschehen, weil in ihr die materiellen Zugänge zur Welt, also die konkreten Dinghaftigkeiten, die wir als Körper mit der Welt teilen, über den Motor des Begehrens mit den konventionellen Setzungen verschmelzen. Danach ist nichts mehr, wie es einmal als plattes Klischee war. Während einer Zeitlosigkeit, in der Spannung in Glückseligkeit umschlägt, in der wir uns in einer wohlig warmen Einheit mit der Welt befinden, entdeckten wir jene paradiesische Namenssprache wieder, in der es keinen Zweifel gibt, in der noch keine Lüge und Verstellung vorgesehen ist. Namen werden von einem umfassenden Ja getragen, wir bemerken erst im Nachhinein jenes sanfte Lächeln des oh-wie-ist-das-schön.

Die mathesis universalis und die lineare Zeitkonzeption situieren das Gehirn in einem Kanister – als haben wir an der Welt nur durch Bilder teil, die an die Wände einer solipsistischen Zelle projiziert werden. Die Universalisierung der Naturbeherrschung verknüpfte den Willen zum Wissen mit der Zwangsneurose eines Willens zur Macht. Aber erst wenn von der Wirklichkeit des Leibes, von den körperlichen Vergegenwärtigungen abgesehen wird, kommt es zu jenem Krampf, dank dem Wissen Macht zu sein hat. Die Wirklichkeit kausaler Verhältnisse klammert alles aus, was nicht nach dem Vorbild eines Mechanismus funktioniert; sie beliefert Zwangsneurotiker mit Sicherheiten, solange diese nicht über die Tatsache stolpern, dass rücksichtslos erstellte und nach mathematischen Vorgaben definierte Ausschnitte als Bilder der erfahrbaren Welt niemals für die gesamte Wirklichkeit sprechen. Gegen diese Voraussetzung der neuzeitlichen Wissenschaften liefert die erotische Liebe Fundamente aller Formen der Verständigung – sie ist die umfassendste Form, weil sie den ganzen Menschen betrifft und nicht nur irgendwelche Rollenkonzepte: Die Lust ist die einzige Sprache, die beide Geschlechter unmittelbar verstehen. Damit ist der Ansatz zu verabschieden, wir seien in Tanks schwimmende Gehirne, die aufgrund einer prästabilierten Harmonie durch einen mehr oder weniger gnädigen Schöpfer oder die selbsterfüllenden Prophezeiungen systemtheoretischer Konstruktionen immerhin die Illusion durchhalten, eine Kommunikation sei möglich. Nein, die Kommunikation beginnt an den Fingerspitzen, sie ist gegenwärtig in jeder Greifbewegung, in jedem Ergehen der Erfahrung, in jeder sensomotorischen Zuwendung zu einer Umwelt und einem Gegenüber. Das Leben ist ein Experiment – jedes einzelne, wenn nur der Mut zur Verfügung steht, sich auf ein Wagnis einzulassen. Unser Nervensystem, unser Gehirn ist erst einmal Weltbestandteil und dann Produkt einer kulturellen Evolution; jede Bestimmung resultiert aus Formen der Verknüpfung von Sinnesdaten, der Synthese von Zeichensystemen zu Ereignissen. Psychedelische Sinneswahrnehmungen erweisen, dass wir längst nicht so weit von der Materialität der Welt weg sind – die mit den Kenntnissen der Menschheitsgeschichte endlich zu einer befriedeten und bewohnbaren Welt werden sollte –, wie dies die Institutionen des Wissens gerne hätten. Vielleicht hat die Erfahrung des Jeder-frisst-jeden als Gesetz der Evolution nahezulegen, der Sozialdarwinismus sei das Non-plus-Ultra, die daran anknüpfenden Seminardarwinismen gerechtfertigt – dabei ist bereits unsere biologische Existenz dadurch definiert, dass durch die Schaffung einer kulturellen Zone durch Zeichensysteme und Wissensarchive die Ausgeliefertheit einer nackten Existenz gepuffert wurde, womit die Gesetzmäßigkeiten der Evolution auszuschalten waren. Unsere Erfahrungen zeigen, welche anderen, durch Selbstdistanz und Gelassenheit entstehende Vorgehensweisen durchaus erfolgsorientiert sind. Solange es noch ging, die intriganten Interventionen einfach wegzuwischen, überließen wir uns einem interessierten Explorationsverhalten, verschwendeten alles an vorhandenen Werten, übten uns am Verschenken unserer Zeit – es gab ja so viel davon. Wir hatten dadurch Teil an einer archaischen Form des Sozialverhaltens, indem wir ohne Gegenleistung Aufmerksamkeit und Zuwendung verteilten, die Gegenseite also in Schuld verstrickten. Wir irritierten mit dieser sorglosen Form, über uns hinaus zu gehen, manche Delegierten der Intriganten, bis sie die Flucht ergriffen. Irgendetwas konnte nicht stimmen, schließlich wurde über uns verbreitet, dass wir erledigt sein sollten. Die gängigen Theorien sehen das menschliche Verhalten durch die Voraussetzung geprägt, einen Sinn in der Welt zu erwarten – eine Erwartung, die Anähnelungen produziert, damit wie nebenbei eine Sinn-Umwelt schafft, die sich verselbständigt und wiederum positive Verstärkungen der Erwartungshaltung bewirkt. Wenn magisch-mimetische Relationen, die durch Spiegelneuronen in allen Handlungsvollzügen verwurzelt sind, verleugnet werden, weil Erziehung und Verschulung behaupten, das Ich stehe den Objekten einer Welt fremd gegenüber, wird das Vertrauen auf die körperliche Präsenz, das Kommenlassen der Intensitäten des Hier und Jetzt, genau jener Ansatz sein, den der Imperativ der Ausbremsung und Stillstellung außer Kraft setzen soll. Die dazu geforderte Anstrengung, die eigentlich wichtigen Aufgaben gewidmet werden sollte, wird ständig fehlinvestiert, um die Unerträglichkeit der Sedierung durchzuhalten. Schon der Relationsmetaphysiker Whitehead unterstreicht, wie sehr der Körper als Ganzheit das lebendige Organ der Erfahrung sei, womit die reale Struktur der Erkenntnis wahrgenommener Objekte einem schöpferischen Selbstgenuss entspringe und die Abgrenzungen zwischen Subjekt und Objekt beseitige. Die Erfahrung von Beseelungen und Übertragungsphänomenen ist mit Machos Beschreibung des zeremoniellen Tiers eine der Funktionen und Relationen, die nicht zu Besitztümern und Substanzen verdinglicht worden sind, sondern als Wechselwirkungen, als kontagiöse Prozesse der Überschreitung und Anverwandlung erfahren werden.

Für die konventionelle Welt hat schon die Liebe als Experiment gewaltige Folgen – berühmte Theaterstücke oder Romane zeigen, welchen Hass und Neid, welche Zerstörungswut in den gesellschaftlichen Hackordnungen nur die Versuchsanordnung auslöst. Doch wenn ich von der Gewissheit des ‚Gut-dass-es-dich-gibt‘ getragen werde, sind auf einmal die meisten Begegnungen unwichtig, die mich verletzen könnten. Wenn ich mich vorbehaltlos in die Aufgabe investiere, für dieses Du ein angemessenes Leben zu erkämpfen, stehen mir ganz andere Kräfte zur Verfügung, als wenn ich nur an mich denke. Ich muss nicht mehr in Extremsituationen über meinen Schatten springen, sondern bin schneller als der Schatten, im rechten Augenblick nicht mehr an den linearen Zeitablauf gebunden. Ein erster Ansatz, die Vereinigungsmenge von Wahrheit und Liebe in der Beziehungsarbeit zustande zu bringen, findet sich im ‚philosophischen Sperrmüll‘. In den folgenden Jahrzehnten haben wir uns dieser Sisyphusarbeit, die mit Camus als stinnstiftend zu kennzeichnen ist, immer wieder neu gewidmet. Wenn es damals hieß, in der Erfahrung der Liebe seien die Modi der Entgrenzung gegeben und in der Mühe um eine lebenswerte Gegenwart stecke unsere ganze Wahrheit verborgen, waren die beiden Brennpunkte genannt, um die viele späteren Einsichten kreisen. Es musste uns einfach wie­der klar werden, was wir als Kinder einmal gewusst haben: Bei vielen gemeinsamen Tätigkeiten geht es nur nebenbei um den Austausch von Information, sondern vor allem um den Kontakt, die Aufmerksamkeit füreinander, die Kultivierung der Präsenz. Wenn sich das Verhältnis der Geschlechter auf den puren Sex reduzieren ließe, käme die Menschheit ohne Machtspiele und Unterdrückung, ohne Hierarchieprobleme und Kriegsszenarien aus. Doch dazu müssten die Heranwachsenden im rechten Alter lernen, nicht durch schlechte Beispiele und verführerische Bildwelten in den Irrweg der konfliktuellen Mimetik abzubiegen. In der Folge könnte Sex als l’art pour l’art wie nebenbei den Zugang zu einer viel umfassenderen Form von Kommunikation liefern, dank der wir in einer Gegenwart landen, die mit Whitehead die gesamten Verknüpfungen der Zeit bereitstellt, für Momente also eine Ewigkeit. Für Kierkegaard berühren Zeit und Ewigkeit einander in jedem erfüllten Augenblick – allerdings ist im auf ihn folgenden Jahrhundert die Illusion einer erfüllten Zeit unter der massenhaften Produktion von Lebenssinnersatz zerplatzt. Die noch nicht industriell verwerteten Zugänge zum Heiligen finden heute in den Lebenskünsten des Geheimen statt, sind mehr oder weniger zufällige Funde, die von keiner Tradition weiter gegeben werden, weil alles, was die multimediale Reproduktion in Dienst nimmt, breitwalzt und abnudelt, zugleich entwertet wird. Kostbare Funde gehen mit der Geschichte ihrer Entdecker wieder verloren, was sie vielleicht sogar für künftige Generationen rettet. Gegen diese kulturelle Entwicklung befördern hormonell unterfütterte Versuche die Wahrnehmung eines kategorialen Nichtbegriffs in unserem Leben. Was einmal unter der absoluten Kategorie der Substanz postuliert wurde, hat sich als Zerstörung jenes Energiefelds erwiesen, aus dem die Einzigartigkeit und Unvergleichbarkeit des menschlichen Lebens Kraft bezieht. Alle Normalität produziert eine Schwerkraft, aus der narzisstische Selbstbespiegelung und Machtspiele der Rivalität resultieren, deren Spannungen wir als Lebendigkeit empfinden sollen. Dagegen können wir uns jenseits aller narzisstischen Selbstermächtigungsversuche an die/den Geliebte/n verlieren, um erst durch die/den Andere/n zu den Wahrheiten des Selbst zu finden. Der immer vom Selbsthass angetriebene Eigendünkel wird über diesen Umweg von sich selbst erlöst, wenn vollendete Intensitäten die Dominanz des Blicks und damit das Herrschaftsbedürfnis löschen. Völlig erledigt, in einem Status des harmonischen Verklingens, lassen wir wie selbstverständlich Geschichten gewähren; mit der Zeit macht diese Erfahrung des Nichts subliminale Gesetzmäßigkeiten offenbar, bis sie in Erfahrung verwandelt an uns teilhaben. Wir befinden uns dann jenseits des durch das Christentum vorgegebenen Triebverzichts, jenseits jener Kompensationsfunktion der protestantischen Ethik und der ihr gehorchenden bürgerlichen Künste, die die Entfremdung noch tiefer einschrieben, indem sie versprachen, ihre Überwindung innerhalb einer gesellschaftlichen Nische konsumierbar zu machen. Wenn Bolz beschreibt, wie das nichtfestgestellte Tier Mensch durch Institutionen, die ihm den Umweg zu sich selbst weisen, festgestellt wird, streift er mit der Entfremdung durch die Institution eine wichtige Gesetzmäßigkeit. Aber es ist tatsächlich nicht die Institution, sondern die Entfremdung, die mehr aus den Menschen herausholt, als anfänglich angelegt ist, denn die Entfremdung optimiert das Lernvermögen je mehr, je länger wir sie aushalten. Wer von einer Institution konsumiert wird, spart sich vielleicht den Kurzschluss der Freiheit als Selbstverwirklichung, doch die psychologischen Gesetzmäßigkeiten, die den Abhängigkeiten innerhalb einer Institution zu verdanken sind, die Machtspiele und Rivalitäten von Stillgestellten, der sekundäre Narzissmus des dauernden Vergleichs mit anderen, emanzipieren auf keinen Fall von der Psychologie der Selbsteinschätzung: Sie reduzieren diese lediglich zu einem Ventil der Subalternitätsdressur. Das Wahre, das Schöne, das Gute treten dann nur unter Qualen in der Innerlichkeit des selbstdisziplinierten Subjekts zu einer Einheit zusammen – was den Wahnsinn einer psychischen Bombenstruktur erklärt. Die Lustpolitik des Wahren und Schönen setzt eine andere Bildungsfunktion frei, die eine Form des Guten jenseits von Rivalität, Geilheitsdressur und Ersatzbefriedigung in der körperlichen Vereinigung ermöglicht, während Grenzen überschritten werden. Aus der Perspektive jener explosiven Psyche darf es die wahre Schöne genauso wenig geben wie den schönen Klugen – sonst wäre ein Zerspringen zu befürchten. Diese sprachlichen Spielereien mögen Metaphern für einen weltgeschichtlichen Sprung in der Schüssel sein, in der die Wahrnehmungs- und Wissensweisen männlichen und weiblichen Erfahrens auseinanderdrifteten – die Vertreter/innen einer pseudoalternativen Emanzipation der Geschlechter plädieren dann für das asexuelle Verhältnis einer klugen Frau an der Seite eines begabten Mannes. Mit dem Ergebnis: Schön ist die Lüge und wahr ist der Tod! Das Schöne und das Wahre werden hier zu Gegensätzen nach der Vorgabe Feminin versus Maskulin, als müsste sich erst noch erweisen, warum es tatsächlich nur Mischungsverhältnisse gibt. Unter solchen Vorzeichen der Verleugnung ist die machtgierige Frau, die sich für die Wahrheit zu ereifern scheint, nicht weniger paradox, wie der effeminierte Mann, der in klassizistischer Manier als Simulant des Wohlwollens posiert. Beide versuchen sich innerhalb der Bildungsinstitution an einer scheinhaften, auf dem Opfer der realen Befriedigung basierenden Versöhnung: Sie inszenieren die in Schönheit gekleidete Wahrheit, weil sie ihren Vollzug verpasst haben.  

Dem frühen, noch unentschiedenen Entwicklungsstatus, den diese Simulanten der Selbstheit kultivieren, entspricht eine Verliebtheit, die der familialen Homöostase des Elends gehorcht. Erst die durch Identifikationen bewirkte Eingeschlossenheit in eine imaginäre Welt, die Lebenslüge und Verzicht zu kaschieren hat, bringt jene Besessenheiten durch Bilder des eigenen Begehrens hervor. Das als Verliebtheit codierte Begehren, geliebt zu werden, beinhaltet den narzisstischen Machtanspruch, das Objekt des Begehrens habe die Zufälligkeit meiner Existenz als Einschränkung seiner Möglichkeiten zu akzeptieren. Doch das Ich, das sich auf den Schwingen der Hormone in einer Position der Absolutheit situieren möchte, ist tatsächlich nur ein erbärmlicher Statthalter der Gesetzmäßigkeiten einer Sozialisation, die es der Selbsthaltung des Familiensystems unterwirft. Weil unter diesen Vorgaben keine erfüllende Erotik zu erwarten ist, ersetzt der Sexualneid schnell einen mehr oder weniger mechanischen Sex. Dieser Substitution ist die Behauptung zu verdanken, sogenannte Sexsüchtige versuchten die innere Leere zu übertönen – eine Argumentation, die bis auf Pascal zurück geht, der notierte, dass alles Unglück der inneren Leere der Abwesenheit Gottes zu verdanken sei: Gott erfülle die Zeit. Wer ihm diesen Raum nicht einräume, versuche die empfundene Hohlheit durch Hektik und Betriebsamkeit zu übertönen, durch Zerstreuung zu vergessen. Dabei dient in Zeiten, in denen das Geld zum Gott der westlichen Welt geworden ist, der Zwang, andere Menschen zum Masturbieren zu verwenden, viel eher den Versuchen, die Affenhorde des inneren Monologs zum Schweigen zu bringen. Jene Argumentation ist auf dem Mist des Triebverzichts gewachsen und zeugt vor allem vom Mangel an geschlechtlicher Erfahrung. Was für einen Pascal der Abgrund der Verworfenheit war, wird für den Adepten östlicher Weisheiten zum Gipfel der Erleuchtung – im Westen hat der Kapitalismus als Religion dagegen als therapeutische Nische den von Bohrer auf den Nenner gebrachten ‚Poetischen Nihilismus‘ geprägt. Unter dem Druck von Institutionen und gesellschaftlicher Entwicklung hatte eine ästhetische Wissenschaft der Zeiterfahrung  keine Chance, woraus eine komplette Verleugnung jeglicher ästhetischer Stimmungen der raumzeitlichen Orientierung resultierte. Anstelle einer kontemplativen Konzentration auf reine Gegenwärtigkeit entstanden Klagen über ihr Verpassen; Gegenwart sei immer erst im Nachhinein, in ihrer Abwesenheit zu erfassen, weiche ansonsten aber der Simulation. Doch gerade die entgegengesetzte Geistesbewegung, die Kultivierung der inneren Leere und des Verlusts der gewohnten Vorstellungsrepräsentanz kann in ein Tun um des Tuns willen münden, in eine Erfahrung um der Erfahrung willen. Wer völlig in einer Tätigkeit aufgeht, selbstvergessen mit den Routinen verschmilzt, die der Materialität eines Gegenstands gehorchen, den Gesetzmäßigkeiten einer Situation entsprechen, folgt vor allem den vorindividuellen Impulsen der Mimesis. Gruppenbindende Erfahrungen verweisen das Ich auf die Zuschauerbank, sportlicher oder kriegerischer Ehrgeiz mag zu einer infinitesimalen Annäherung an die Unmittelbarkeit der Präsenz taugen, während die Übung am Sex pur mit den nötigen Routinen noch ein wenig näher an die Punktualität des Jetzt herankommt. Während mich Lacans Aussage, es gebe kein Verhältnis der Geschlechter, immer gestört hat, konnte ich mich mit der Formulierung anfreunden, eine begrenzte Realität wird immerhin durch die Existenz des Sex attestiert. Schließlich beginnen alle großen Veränderungen mit Kleinigkeiten. Unter der richtigen Voraussetzung verabschiedet ein Bewusstwerden der notwendigen inneren Leere das Subjekt von allem Tun-als-ob, von allen besessenen Zielvorstellungen, verwandelt also den Zwang einer dauernden Beschleunigung in Richtung Zukunft zurück in ein konvulsives Moment von Präsenz. Im Gegensatz zu diesem Eintauchen in den Augenblick potenzieren alle Arten Süchtige die Abwesenheitsdressur, um die Angst vor dem anderen Geschlecht, die Angst vor dem Tag, im Endeffekt die galoppierende Angst vor der Angst zu bewältigen – doch jede Angstbewältigung bestätigt hinterrücks immer die Angst. Dieser metaphysische Zwang ist vor allem ein Resultat von Körperverleugnung und Askese, verdankt sich dem Tabu auf dem Geschlecht, also der Unfähigkeit, göttliche Energien zu inkarnieren und damit zu verwirklichen. Alle ideologischen Überbauten modellieren die Menschen, wie Onfray plausibel zusammenfasste, mit dem Zugriff auf körperliche Bedürfnisse, damit sie sich ihrer eigenen Kräfte entledigen. Die mit Familie, Schule und Kirche verbundenen Ideale des Wissens, der Religion und der Moral haben die Körper gefügig gemacht: Je mehr man Menschen entsexualisiert, desto besser funktionieren sie – sie haben mit zusammengebissenen Zähnen zu besitzen, zu akkumulieren, zu konsumieren, während sie eigentlich lieben, genießen und jubeln sollten. Die Reduzierung der Sinnlichkeit auf eine gesellschaftlichen Imperativen unterworfene Genitalität diente der Abwesenheitsdressur, die die Monogamie in eine Qual von Einfallslosigkeiten verwandelte, die Treue zum Sprungbrett zwanghafter Seitensprünge machte und tatsächlich nur eines garantierte: Die staatliche Erpressung dauernder Zeugungen. Vom schwachsinnigen Imperativ der Fortpflanzung profitieren Großinstitutionen und Diktatoren, während Paare die Erfahrung machen, dass die Gelegenheiten gemeinsamer körperlicher Erfahrungen mit jedem Kind minimierter werden. Es gibt wirklich genug Elend auf der Welt, das nur durch die Nachproduktion von Kanonenfutter und Kirchgängern nicht zu rechtfertigen ist. Dem stehen vereinzelte erotische Erfahrungsformen gegenüber, die nicht nur das Leben adeln, sondern Gemeinsamkeiten befördern. Jenseits des Abbaus von Spannungen, der Förderung von Gesundheit und Lebendigkeit, dem Erleben der eigenen Geschlechtlichkeit, die schon allein für sich sprechen, gibt es den zweisamen Weg der Teilhabe an einer Macht der Schönheit, damit eine erotischen Reinigung von allem nur Spirituellen. Wir haben die Chance, diesen Zugang des gegenseitigen Erkennens für eine qualitativ höhere Sphäre der Kommunikation zu erobern, die alles Geschwätz, alle eitlen Selbstdarstellungen oder konfliktuellen Vergleiche überflüssig macht. In diesem Zusammenhang ist Max Benses wissenschaftstheoretisches Postulat: ‚Warum man Atheist sein muss‘, für die Beziehungsarbeit zu reaktualisieren und zu totalisieren. Religionen blockieren diesen Weg, weil ihre Rechtfertigung als Institution in einer perversen Verkehrung gerade von Ersatzbefriedigung und Fetischismus abhängt – sie brauchen die Schuld, bringen das schlechte Gewissen systematisch hervor, um ihren Herrschaftsanspruch durchzusetzen. Nach Foucault übt die Macht, die niemand wirklich besitzt, die gerade von den kleinsten biographischen Momenten organisiert wird, ihre Zugriffe auf die Lebenswirklichkeit der Körper über die Sexualität aus. Von der Beichte zur psychoanalytischen Sitzung sublimieren Geständnistechniken, die der Form religiöser Abstraktionen einer Sünde des Fleisches folgen, sexuelle Energien in gesellschaftliche Anpassungsleistungen und politische Konformismen. Die aufgedeckten Zugriffsformen dieser Macht machen deutlich, warum die Sexualität eine funktionelle Grundlage jeder institutionalisierten Gewalt ist. In der Sünde des Fleisches kehrt, wenn gewisse Einsichten eines Pascal gegen den Strich gebürstet werden, ein inverser Gott der Liebe wieder. Die Kirche als abstrakt wuchernde Perversion körperlicher Verzichtleistungen verlötete Sexualneid und Herrschsucht zu einer Schematik für alle späteren Institutionen. Das Urteil der Sünde irrealisiert eine im Verhältnis des reziproken Begehrens der Geschlechter begründete Gerechtigkeit. Diese Verstörung des symbolischen Tauschs begründet die historisch entstandene, überformende und vergewaltigende Machtausübung. Menschliche Sexualität ist jene grundlegende Funktion, die wie selbstverständlich in den Jahrhunderten den Angelpunkt religiös legitimierter Machtmechanismen bedienen konnte, weil diese ursprünglich erst aus ihr hervorgegangen sind – der Tausch von Fleisch gegen Sex oder die Tempelprostitution sind frühe Stadien der Differenzierung. Nur aus dem Grund war es für uns möglich, mittels regelmäßiger körperlicher Übungen, die sich selber trugen und keinen Vergleich nötig hatten, wie nebenbei institutionelle Besitzansprüche auflaufen zu lassen. Die Krüppelzüchter wollten, dass wir uns mit ihnen beschäftigten, uns mit ihnen relativierten – wir wussten Schöneres, widmeten uns körperlichen Intensitäten, die keine Götter neben sich dulden. Wir hatten überhaupt keinen Grund, die der Frustration gehorchenden Todeswünsche und Vernichtungsdirektiven zur Kenntnis zu nehmen, die meisten bemerkten wir nicht einmal; unbesehen wurde die Annahme verweigert, also gingen sie wieder an die Absender zurück. Viele der infamen Strategien, üblen Nachreden und ausgekochten Schweinereien wurden traten erst Jahre später ins Bewusstsein, als wir liegengebliebene Zeitdokumente nachträglich in stimmigen Text verwandelten. Jeder Durchgang legte mehr Fäden frei, deren Verknüpfung ein absurdes, von Bildungsbeamten ausgeklügeltes Wahnsystem greifbar machte.

In den Kleinkriegen institutioneller Abhängigkeiten haben wir für jede minimale Chance hart und selbstverleugnend zu arbeiten, ohne trotz aller Mühe und den besten Voraussetzungen einen Ruhe spendenden oder Kraft gebenden Erfolg zu sehen – wir unterstehen einem fremden Zweck, sind nur ein Material, das abgenutzt und ersetzt wird. Gegenüber dieser sinnlosen Erfahrung von Welt verwandelt die erotische Einswerdung sich in eine Überfülle an Sinn, die Augenblicke momentaner Unendlichkeiten aber zur Rechtfertigung all der Mühen. Wirkliche Lustpolitik stellt die innere Leere willentlich her, arbeitet an der Löschung eines Wustes an Vorstellungen, brennt die imaginären Ängste in einem sich verschwendenden Feuerwerk ab. Erst die Reibungen und Widerstände, mit denen uns der/die Andere auf den Leib rückt, mit denen die Sehnsüchte einer imaginären Einheit auf einmal als Belästigung oder Bedrohung erscheinen, machen den Schritt zur authentischen Erfahrung der Liebe möglich. Doch weil wir Menschen träge sind, immer wieder auf ursprüngliche Prägungsmuster regredieren, wird diese Erfahrung durch einen dauernden Kampf geprägt, den nur ebenbürtige Partner aushalten. Was dem weiblichen Teil der Menschheit seit Jahrtausenden angetan wird, ist entsetzlich – schon deshalb müssen wir uns vor Negationen hüten, die bis in die aktuellen Emanzipationsanstrengungen Vernichtungszwänge transportieren. Im Ringen zwischen physischer Gewalt und psychischer Manipulation wirken hinterhältige Tricks eines Systems von Behinderungen nach, die die besten Vorsätzen aushebeln: Oft dienen ihnen die damit verknüpften Enttäuschungen als besonders fiese Einfallpforten.

Mit Ortega y Gassets Abhandlung ‚Über die Liebe‘ ist an die biomagnetische Resonanz der Schönheit zu erinnern. Gegen die Reduktion ihrer Wirkungsmacht auf die Projektionen des Subjekts – Schönheit liege nur im Auge des Betrachters – oder auf die wahnhaften Zustände der Verliebtheit, die beide der Komplexitätsreduktion gehorchende Besessenheiten sind, widmete er sich der Spekulation, nach der die Liebe eine Gewalt der Kosmologie ist, eine Kraft der Optimierung und Veredelung innerhalb der Gattungsgeschichte. Mittlerweile hat die Paläoanthropologie erwiesen, wie der Geschlechtsverkehr seit jener Zeit, als die hormonell bedingte Brunst ausfiel, für die Frau nicht einfach ein Mittel zur Fortpflanzung, sondern über die Familiarisierung der Männchen ein wesentlicher Aspekt der Kultur geworden ist. Die Vermenschlichung der animalischen Sexualität ergab sich aus Veränderungen im weiblichen Körper. Solange ihre Sexualität ein Antrieb der menschlichen Gesellschaft blieb, waren tatsächlich Frauen spirituelle Inspirationsquellen der Menschheit – später war ihnen diese Rolle nur noch als Musen oder femmes fatales gegönnt. Ein operationaler Umgang mit dem eigenen Geschlecht, die damit möglich gewordenen Abstände von Zwang und Notwendigkeit, das Spiel der Schönheit mit Reiz und Verführung, lieferten entscheidende Anstöße der menschlichen Bewusstseinsentwicklung. Was immerhin die verdrängten Ursprünge der Misogynie erklärt: Kein Mensch kommt diesseits der Verleugnung über die anfängliche Dividualität hinweg, Anhängsel einer übermächtigen Frau gewesen zu sein – die überzeugtesten Frauenhasser finden sich beim weiblichen Geschlecht. In der Regel versteckt sich die Verleugnung hinter einer Idealisierung der Mütter, doch die Erfahrung weiblicher Magie wird noch heute von verstümmelten Machtbesessenen als bedrohlicher Schatten der Ausgeliefertheit erfahren. Das ist einer der wesentlichen Gründe, warum wir uns noch so um eine/n Partner/in bemühen mögen und trotzdem immer wieder verzweifeln. Solange es nicht gelingt, über uns hinauszugehen, um uns in der Vereinigung zu gewinnen, können wir die Traumen vergangener Generationen nicht an den Versuchen hindern, uns zum Scheitern zu verurteilen. Aber wir können aus den den Kommunikationsdefiziten verdankten Aggressionen und Frustrationen über den Umweg der Schreibe die notwendigen Schlussfolgerungen ziehen – wir lesen objektivierte Klagen, Resignationsanweisungen und Wutanfälle gemeinsam und bearbeiten die Texte, bis sie stimmig sind und keine geheime Familienregie mehr verbergen. Aus diesem Grund ist in unseren Texten immer wieder von der Liebe als Duell die Rede. Wenn uns die gesellschaftliche Entwicklung mittlerweile tradierte Verbindlichkeiten erspart, mag damit Lernverhalten und Flexibilität forciert werden, was sicher ein Gewinn ist. Doch nach Nitzschke übersteigt die Koordination zweier hochindividualisierter Lebensentwürfe die psychischen Fähigkeiten durchschnittlicher Menschen. Bevor wir uns den Verlustanzeigen auf der Rückseite gesellschaftlicher Fortschritte widmen, sollte vielleicht erst einmal festgestellt werden, woran es bei solchen durchschnittlichen Menschen mangelt! Solange die Koordination zwischen zwei Einzelgängern – Dickschädel mit enormer Frustrationstoleranz gegen verwöhnte Tochter aus gutem Hause, die eine ausgeprägte Intelligenz mit der Egozentrik großer Schönheit verbindet, noch dazu pflegen beide ganz verschiedene Interessen – über eine lange Phase von 17 Jahren unter Duellbedingungen gelingt, weil der Sex stimmt, sollte es den Durchschnittsmenschen nicht schwerer fallen, solange sie ihre Mitgift der Natur in Ehren halten. Wenn ein psychisches Unwetter knallt und wehtut, kommen wir den in unserem Selbstverständnis tabuisierten Einsichten oft sehr nahe – gegen den Schmerz nackter Wahrheiten raufen wir uns im Bett wieder zusammen. Trotz der behaglichen Erschöpfung dürfen wir dann nicht vergessen, die unter der Haut brennenden Einsichten zu bearbeiten, solange sie noch zu schmieden sind – die Protokolle füllen Aktenordner. Als kulturell verankertes Ritual hatte das Duell einmal die Funktion, die unter der Wahrnehmungs- und Bewusstseinsschwelle drängenden Affekte aus einer stummen, ungreifbaren Sphäre auf eine kommunizierbare Ebene zu transportieren. Wenn die Gegner sich als ebenbürtig und satisfaktionsfähig anerkannten, war ein Duell in der Lage, die Folgen unsichtbarer Wunden und Ehrverletzungen in ein öffentliches Schauspiel zu transformieren. Diese Objektivierung bewirkte Distanzleistungen und damit Chancen, die Affekte zu bändigen, während ihnen das Duell eine sichtbare und kommunizierbare Gestalt verlieh. Noch heute gehört es zu den erstaunlichen Konventionen der maskulinen Selbstdefinition, dass Männer wegen Kleinigkeiten prügelnd aufeinander losgehen, um sich nach einer rücksichtslosen Verausgabung zu verbrüdern. Ähnliches funktioniert über den Umweg der kreativen Schreibe auch zwischen den Geschlechtern, solange wir uns nicht auf glatte Konventionen oder die in der Familien vereinbarten Lügen zurückziehen – doch wer wäre unter solchen Voraussetzungen noch satisfaktionsfähig! Die Sehnsüchte und Tricks, die Selbstdarstellungen und Verführungen, die zu einer insgeheim erhofften Beziehung führen sollen, minimieren von Anfang an die Bereitschaft, sich auf eine erfüllenden Arbeit an den zu Beginn noch minimalen Gemeinsamkeiten einzulassen. Wer auf das Klischee vertraut, ein gemeinsames Leben gelinge ganz von allein, wenn nur die Richtigen aufeinander treffen, findet sich mehr oder weniger schnell frustriert und mit den traditionellen Erwartungen alleine gelassen. Die der Sozialisation verdankten und in den Medien als gesund und normal kolportierten männlichen und weiblichen Selbstbilder werden eine/n in den meisten Fällen mit dem Misslingen konfrontieren. Wenn Hegel die Liebe als das Erkennen beschreibt, das sich im anderen erkennt, als einen Doppelsinn, in dem die beiden sich unterscheiden, indem sie sich gleich setzen und die Entgegensetzung in die Gleichsetzung umschlägt, sieht er von den Gesetzmäßigkeiten der beiden Familiensysteme ab, an deren Fäden die beiden zappeln. Die Liebe ist eben nur im Imaginären das Resultat der Versöhnung eines vorausgegangenen Konflikts, die Reziprozität erst einmal nur ersehnt und projiziert, wenn sich die beiden voneinander Getrennten als nicht mehr Getrennte, als Einige fühlen, weil das Lebendige auf das Lebendige zu antworten scheint. Es ist die Prosa des Alltags, in der die Konflikte aufbrechen, der auf die Dauer kein träumendes Schmachten und idealisierendes Projizieren standhält. Selbst nach dem günstigen Zufall einer intensiv einschlagenden, biomagnetisch fundierten Verliebtheit stoßen zwei biographische Weltsysteme aufeinander. Die wirklichen Konflikte entstehen erst hier, weil in ihnen auf den meisten Erwartungsfeldern ganz verschiedene Prämissen gelten, die in mindestens drei zurückliegenden Generationen geprägt worden sind. So werden sich Misserfolgsgeheimnis und Partnervermeidungszwang – die oft den Magnetismus als Angstbewältigung erst freisetzen – bereits in den hoffnungsvollen Anfängen einer blauäugigen Liebe in den verschiedensten Verkleidungen an ihrer Leistungsfähigkeit messen. Der von zurückliegenden Verzweiflungen befeuerte Neid oder die früheren Versagungen gehorchende Missgunst leben in den tödlichen Umarmungen der Familie erneut auf.

Die Geschichte eines Verhältnisses der Geschlechter ist, um Joyce zu variieren, ein Albtraum, aus dem es zu erwachen gilt. Immerhin haben uns körperliche Erfahrungsformen mit einem latenten Prinzip Hoffnung ausgestattet, denn solange dieses Duell sexuell überformt wird, liefert uns die geduldige und regelmäßige Übung die Gelegenheiten, den Wust an Negationen und Verwünschungen in lustvolle Entladungen erotischer Gewitter umzuleiten. Nicht der tolle Job oder das Bankkonto, nicht das künftige Häuschen oder die fröhliche Kinderscharr stillen auf die Dauer unsere Suche nach dem Lebensglück. Vor allem macht guter Sex glücklich, alles Weitere sind, wenn es weiter geht, sublimierte Folgeerscheinungen. Wie nebenbei bewahrte uns der actus purus gegenüber den institutionellen Auswirkungen von Stress und inszenierter Ausgeliefertheit zugleich vor der letzten Gefahr eines Überdrusses am immergleichen Partner. Für die allgemeine Befriedung eines Verhältnisses der Geschlechter, damit für eine Befreiung beider Geschlechter von den Hypotheken der Vergangenheit, bedürfte es tatsächlich eines fundamentalen Umbaus aller Gesetzmäßigkeiten, aus denen die großen Institutionen entstanden sind. Wir brauchen ein lustvolles Geschehen, das die Liebe wach und aufmerksam erhält, weil sie das Kraftwerk des Selbst befeuert, das Bewusstsein erweitert, die Aufmerksamkeit füreinander freisetzt und damit die energetische Kapazität ankurbelt. Entscheidend ist eine Beziehung zwischen Gleichen, die sich nicht gleichen, ein symbolischer Tausch, der Reibungsenergien freisetzt und für ein energetisches Spektakel sorgt, demgegenüber dem Narzissmus die Luft ausgeht. Ab einer gewissen Spannung springen die Funken über; mit der nötigen Übung wird eine Ranghöhe erreicht, die Geistesblitze freisetzt. Im besten Fall sind wir zu selbsterfüllenden Prophezeiungen in der Lage, mit deren Hilfe die biographischen Verwicklungen in Aufgaben münden, die fast von allein zu einer Lösung finden. Es ist eben nicht nur Bions Katastrophe, die Verzweiflung oder die extreme Ausgeliefertheit, die zum Wirkungsgeschehen Schneller Brüter führen: Ein die körpereigenen Drogen befördernde Spiel mit den Partialobjekten kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Eben weil der Tod der Spieleinsatz des symbolischen Tauschs ist, kann der Sex, wenn es darauf ankommt, als l’art pour l’art und kleiner Tod das Duell in der Beziehungsarbeit außer Kraft setzen. Die Liebe, wenn sie zündet, ist das umfassendste Kommunikationsgeschehen, das wir uns vorstellen können – alles andere ist nur Überleitung, Ersatz oder Verzicht. Die Liebe wird zu einem sozialem und gesellschaftlichen Körperkunstwerk, einem Vermittlungsgeschehen erster Ordnung – noch dazu ist sie ein Generator, der ein wenig mehr Qualitäten der Kraft und Güte in die Welt zu bringen in der Lage ist. Es ist die durch körperliche Erfahrungsweisen vorgenommene Beweisfigur, dass wir uns nur über den Umweg des anderen in unserer Lebendigkeit gewinnen und die Auswirkungen weit über die individuellen Versuchen hinaus gehen, eine haltbare Ordnung herzustellen. Der biographische Standindex des Ich-Hier-Jetzt wird dann authentisch, wenn der Ich sich hingibt, sich auf ein Geschehen einlässt, während dem das Hier und Jetzt zum maßgebenden Medium wird. Das erklärt, warum die Simulanten der Selbstheit eine derartige Wut des Vergleichs und der Rivalität nötig haben, um über Umwege an Intensitäten teilzuhaben. Zwar an schlechten, an solchen der Qual und der Bosheit, doch das scheint immer noch besser, als im ausbruchssicheren Gefängnis der Selbstdarstellung zu verkümmern.

 

Seit Freud zeigen verschiedenste Untersuchungen, auf welche Weise die Familie als Keimzelle des Staates die individuellen Lernschritte im Sinne der gesellschaftlichen Vorgaben einschränkt und kanalisiert. Die Techniken einer psychischen Veränderung durch veränderte Bewusstseinszustände konkurrieren mit dieser Normierung, wenn sie die gewohnt gewordenen Wahrnehmungs- und Zuordnungsweisen verweigern und löschen oder modifizieren. Fraglich wird vor allem die Vorgabe einer Wirklichkeit, die die familiale Homöostase prägte und die dank ihr reproduziert wird. Der Bruch mit den vorödipalen Erfahrungsformen erweist sich als wichtigste Schaltstelle, denn die mnemotechnischen Gründe der Ohnmacht verdanken wir dem Mutterbezug. Der darauf aufbauende, nach dem Vorbild des Vaters entworfene Modus vivendi und die einhergehenden Versagungen, Verleugnungen und Kompromissbildungen mögen nicht weniger zum tragbaren Gefängnis des Ichs taugen – aber es ist sinnlos, sich an ihnen abzuarbeiten, solange die Machtmechanismen der psychotischen Entdifferenzierung nicht ausgehebelt wurden. Jede große Liebe steht in einer absoluten Konkurrenz zu jener primordialen Strukturierung, durch die das Selbst ein Teil der Mutter und diese Einheit der Vorhof des Purgatoriums ist. Wir hatten nicht das Glück, Produkte einer ‚good enough mother‘ zu sein, die ihr Baby in die Lage versetzt, selbst mit dem Denken anzufangen, um schließlich durch die Verinnerlichung eines 'denkenden Objekts' autonom zu werden. Sondern unsere Erfahrung resultierte aus ihrem Besitzanspruch – an eben dieser Schaltstelle hatten wir die Anschlüsse zu kappen, mit dem sich Institutionen in unbarmherzige Übermütter verwandeln. Wir waren ein unter Schmerzen und Ängsten entstandenes Erzeugnis dieser Mütter, also ihr Eigentum: Eine Prothese, mit der sie dachten, sich das Leben auf Kosten unserer Lebendigkeit und Leidensfähigkeit erträglicher zu gestalten. Schon deshalb fürchteten sie von Anfang an die Möglichkeit einer/s Konkurrentin/en, arbeiteten schon vor der Zeit mit aller Kraft an der Diffamierung und Verwünschung – aber aus eben diesem Grund waren wir später hellhörig, allergisch gegen die Vereinnahmung durch religiöse, politische oder wissenschaftliche Systeme. Alle fehlerhafte Identifikation programmiert die Unfähigkeit, sich für Anderes oder den/die Andere/n zu öffnen, sie behindert echte Lebensfreude, macht zu eigenem Denken und Empfinden unfähig, von der Offenheit für eine nichtinstrumentalisierte Liebe ganz zu schweigen. Während einer Probezeit von siebzehn Jahren wurden die Sozialisationsagenten verschiedener Institutionen zu den späten aber wichtigsten Verbündeten dieser Mütter einer Liebe als Duell und damit zu erbitterten Feinden unserer Beziehungsarbeit. Wir verdanken ihnen im Resultat alles, was wir zustande gebracht haben – die in der selbstvergessenen Verliebtheit sistierte Liebe wäre spätestens am Schmerz der Ernüchterung durch die Prosa des Alltags eingegangen, während ihr die dauernde Infragestellung jene Dauer sicherte, die nach und nach für ein stabiles Repertoire gegenseitigen Vertrauens sorgte. Die Besitzansprüche dieser Mütter und der ihnen folgenden gesellschaftlichen Mächte erwiesen sich dank körperlicher Vollzüge als nichtig; weil es rund lief und flutschte, blieben wir nicht an der Frage nach dem Sinn des ganzen Unternehmens hängen. Der Imperativ des Folge-mir-nach war ohne Mühe einfach zu übergehen; diese Ignoranz der Identifikationsforderungen tat den Krüppelzüchtern bereits weh,  die Rechtfertigung ihres Konformismus bekam Risse. Ohne unser Zutun wurden die ausgeheckten Intrigen und die vor Wut über eine mangelnde Resonanz resultierenden Verwünschungen durch eben diesen als Spiegel wirkenden Mangel in ihrer Bosheit erledigt: Annahme verweigert, zurück an die Absender.

In den Nachwirkungen der Gewalten des frühen Mutterbezugs sind Reminiszenzen an archaische Erdzeitalter lesbar. Saner liefert plausible Schlüsse zur Unterstreichung der Vermutung, der Mythos von der todesbezwingenden Kraft von Liebe und Musik sei älter als der männerrechtliche Systemwechsel der Kultur, den der Orpheus-Mythos dokumentiert. Dieser hat Anregungen einer altsumerischen Sinnstiftung aufgenommen, die auf einem Wettstreit der göttlichen Schwestern Liebe und Tod beruht, aber durch die Macht der Musik ihres jüngeren Bruders und Jugendgeliebten Frühling für die Liebe entschieden wird. Die Totengöttin kann den Liedern voller Sehnsucht und Schmerz, den sprießenden Säften und schießenden Trieben Frühlings nicht wiederstehen. Entscheidend an dieser Konstellation eines Wiedergeburtsmythos ist das Geschehen zwischen weiblichen Mächten – ohne die Verschwisterung von Liebe und Tod gäbe es keine Erneuerung im Reich des Seienden. Die schamanistische Reise in die Unterwelt gestaltet eine Wiederkehr aus dem Reich der Toten durch die Macht der von der Liebe durchdrungenen Musik. Im Ischtar-Mythos verstummt die Gewalt der Kämpfe zwischen Liebe und Tod; er endet heiter, ohne alle Tragik, weil der Liebe weiblicher Göttinnen männliche Säfte assistieren. Die Töne einer durch die Liebe beseelten Stimme gehen mehr zu Herzen als bloße Worte, besänftigen selbst den Zorn einer Todesgöttin, deren Jugendgeliebter Frühling ebenfalls war. Die einen Menschen ergreifende Musik übersteigt wie die Schönheit die Kraft der Worte, stiftet eine Welt jenseits der Antagonismen und Zwiste. Dagegen modifizieren die klassischen Versionen des Orpheus-Mythos das Ergebnis durch den unaufhebbaren Antagonismus von Liebe und Tod, nichts weist mehr auf ihre Verschwisterung hin. Musik oder Kunst werden umso ergreifender, umso mehr sie sich der vergeblichen Liebe, der Trennung und Abwesenheit der Geliebten widmen, geraten zum wehmütigen oder schwülstigen Surrogat des realen Vollzugs. Bohrer hat die ‚ästhetische Negativität‘ als Ausweichbewegung gekennzeichnet, die eine aus verpassten Vereinigungen der Liebenden resultierende Melancholie in ästhetisches Pathos und die Wollust des dargestellten Schmerzes transformiert. Mit dem Erhebungsmotiv der abendländischen Lyrik werden Geliebte umso begehrenswerter, umso unerreichbarer sie sind; mit der romantischen Liebe hat sich der Liebeswunsch im schmachtenden Begehren derart zu verzehren, dass jede Erfüllung nur mit Enttäuschungen aufwarten kann, ihr aus diesen Grund regelgerecht ausgewichen wird. Und die Regel der Entmaterialisierung ist uralt: Orpheus wird im noch jungen Patriarchat bereits durch die Versuchung, den Logos zu transzendieren, zu den Verzichtleistungen der kulturschwulen Vereinigung geführt, die schließlich mit der Vernichtung des Heros endet. Die Rettung Eurydikes misslingt aufgrund des kontrollierenden Blicks zurück – für Lacan ein Beispiel für die notwendige Verfehlung des Anderen, denn das Auge will beherrschen, dieser narzisstische Machtanspruch ist ein Resultat der Mutterabhängigkeit, betrifft aus diesem Grund gerade das geliebte Objekt. Orpheus‘ Versuch, unter Verzicht auf die weibliche Welt mit Jünglingen ein der sublimierten Kunst Apollons gewidmetes Leben zu gestalten, nimmt ein tragisches Ende durch orgiastische Frauen, den Dionysos begleitende, rasende Mänaden. In diesem gedoppelten Scheitern könnte eine Bedienungsanleitung aufgeschlüsselt werden, wie die Spätfolgen eines Kampfes der Geschlechter zu bearbeiten sind. Vorerst ist hier nur zu unterstreichen, warum dem Sänger der apollinischen Musik ein dionysisches Schicksal bereitet wird. Der Vater aller Gesänge hatte ein verfeindetes Doppelreich von apollinischen und dionysischen Energien harmonisch zu organisieren – maximale Gegensätze in einer Harmonie zu vereinen, macht tatsächlich den Reiz und die Kraft großer Kunst aus. Was unauflösbar in Gegensatz und Streit verflochten bleibt, wird sich allerdings unbarmherzig gegen jeden Orpheus wenden, der sich für nur eine der beiden Seiten entscheidet.

Dieses verfeindete Doppelreich taucht als tragische Kleinkunst mit den verschiedensten Verkleidungen in der bürgerlichen Familie wieder auf, um die Sozialisation in ein den Nachwuchs gefährdendes Blendwerk der Lebenslüge zu verwandeln. Die Präsenz der zeitlichen Erfahrung wird bereits zum Nachher der sekundären, selbst der Genuss liegt nicht mehr im aktuellen Genießen, sondern wird im Nachhinein zur bewussten Reproduktion, womit die Erinnerung nicht mehr als Bewahrerin der Präsenz fungiert, sondern diese bereits der Zensur unterstellt.  Wenn Zuwendung nicht von Abweisung unterschieden werden kann, das Gute zugleich das Schlechte ist, wird alles Erstrebenswerte zugleich höchst bedrohlich und das Geschenk des Lebens zur Eintrittskarte in eine lebensgefährliche Strafexpedition. Die Konzeption solcher grundlegender Double-binds führte Bateson zur Thematisierung der Sprünge von einem Kontext in den umfassenderen Kontext dieses Kontextes. Innerhalb eines Systems sind dessen Widersprüche nicht aufzulösen, erst die Perspektive von außerhalb macht es möglich, sich der bannenden Macht seiner Zwänge zu entwinden. Mit dieser theoretischen Ausrüstung waren die Erfahrungen der Zersplitterung von Gewissheiten und der Notwendigkeit einer Bewusstseinserweiterung bereits in ein Verhältnis setzen, während wir den Einwirkungen einer Katastrophenpädagogik ausgesetzt waren. Einigen Büchern verdankten wir Anregungen, um diese Erfahrung positiv zu kodieren und mit ihr eine Beschleunigung unseres geistigen Wachstums zu verbinden. Die Erfahrung des sozialen Todes führte folgerichtig auf die Konsequenzen eines Lernens in der Katastrophe: Konkrete Schritte wurden in der ‚Katastrophenpädagogik‘ dokumentiert. Den Kundigen springt die nahe Verwandtschaft von Katastrophe und Kairos an! Der günstige Augenblick will ergriffen werden, schon die Griechen gingen davon aus, dass im Falle des Verpassens die Katastrophe droht. Nachdem einer/m alle Sicherheit genommen wurde, gingen die über Jahre aufgebauten Selbstverständlichkeiten unter den einkesselnden Invektiven einer Intrige zu Bruch; ob ein sorgsam gepflegtes Wissensrepertoire oder die gewachsenen Routinen der Verfahrensabläufe beim Jobben, sie wurden systematisch irrealisiert. Weil sexualgestörte Bildungsbeamte unseren Lebensalltag mit Hilfe einer Meinungsmaschinerie unterminierten, die von der Flüsterpropaganda, über gehässigen Tratsch, bis zu in den Medien lancierten Irrealisierungen reicht – legten uns die mit den täglichen Routinen verbundenen kleinen Erfolge des Widerstehens nahe, die Intensitäten einer elaborierte Sexualität als Schutzschild aufzubauen. Gegen die durchsichtigen Versuche dauernder Frustrationen und Subalternisierungen erweist sich ein System von lustvollen Belohnungen umso wirkungsmächtiger, umso mehr es sich in ein Ja zur eigenen Lebendigkeit verwandelt, also mit den affirmativen Gesetzmäßigkeiten des Lebens eins wird. Dieses Ja mag als elementarer Ausdruck des Selbsterhaltungswillens beginnen, doch wenn gemeinsame Orgasmen in messianischer Präsenz münden, wird die Ewigkeit im erfüllten Augenblick komprimiert. Was zählt all der Schwachsinn, wenn wir am Schöpfungsmythos teilhaben, die Vertreibung aus der Bedürfnislosigkeit des Paradieses immer wieder für ein Nu rückgängig machen. Erst auf der Rückseite der Erfahrung eines enormen Vernichtungsimperativs wurden Annäherungen an spezifische Erfahrungen des Widerstehens möglich, deren Darstellung im Nachhinein nur durch sprachliche Superlative möglich ist. Die Zertrümmerung erlernter Kategoriensysteme und gewachsener Identifikationslinien lieferte die Voraussetzung, um magische Gesetzmäßigkeiten der Mimesis aufzuschlüsseln. Zudem waren mit Bions Erklärung, warum und wie katastrophische Veränderungen zur Normalität der Bewusstseinsentwicklung gehören, die Nachstellungen und bösartigen Einkesselungen zu einer Selbstimmunisierung umzubiegen. Mit der Konzeption der Katastrophe als Stimulans des Lernverhaltens bauten wir einen effektiven Verteidigungswall gegenüber den psychotischen Verwünschungen auf. Wie von alleine stellten die Routinen unserer Lustpolitik eine gesunde Instrumentalisierung der Paranoiadressur zur Verfügung. Ein psychotisches Risiko, das die Schritte zueinem höheren Niveau psychischer Integration begleitet, wird von kreativer Eigenarbeit entschärft, lustvolle Praktiken kehren den Opferkult um; die Botschaft jedes Orgasmus schreibt als universale Bejahung ins Körpergedächtnis ein, wie lebenswert das Leben ist. Wir gingen von einer Optimierung des Lernvermögens aus, dachten nicht einmal daran, die Waffen zu strecken oder uns aufzugeben, übten das Aufschreiben und Durcharbeiten. Die delegierte, den mimetischen Energien der Übertragung gehorchende Verzweiflung, die körperlichen Erregungen und energetischen Entladungen, der damit verbundene Stress verwandelten sich in kreative Gesten und entblößende Ausdrücke, in sprachliche Zeugungsakte und lautstarke Wettstreite von Zitatmaschinen: Was uns an bösartigen Signalen und niederträchtigen Botschaften zugespielt wurde, lieferte den Code, um spielerisch hinter das Wahnsystem zu kommen, unter ihm durch zu tauchen und über seine Mittel zu verfügen, weil es nur in Anführungsstrichen zum Zug kommen konnte. Wir gehorchten den Ansprüchen kultureller Größen, die uns auf ein bisher unerreichtes Level transportierten, weil sie uns vernichten wollten – um deren Regeln zu objektivieren. In der Schreibe wurden die Todeswünsche mortifiziert, die Machtworte dank der orgiastischen Steigerung unserer Beziehungsarbeit entkräftet, der von ihnen ausgehende Bann durch den energetischen Schutzschirm der Ekstasen gebrochen.

Der unmittelbaren Zukunft traten wir mit geschärften Sinnen und einem reflexartig funktionierenden Reaktionsvermögen entgegen, nachdem die Trägheitsmomente der Selbstdefinition, der Bedarf an Halt und Sicherheit, von der Intrige gesprengt worden waren. Sie sollte uns vernichten, zerstörte aber nur jene Teile des psychischen Apparats, in denen wir den Auftraggebern ähnlich waren. In klar definierten Funktionszusammenhängen sind holographische Wahrnehmungen und psychedelische Erfahrungen in der Regel unerträglich. Tatsächlich ist eine Psychonautik des freien Falls die Voraussetzung für Repertoireerweiterungen des Lernens auf einer kontextuell übergeordneten Ebene. Auszuhalten war eine Neuformatierung, weil die induzierten Spannungen sexuell kodiert und erotisch umgesetzt werden konnten. Zeitweilig landeten wir wieder im freudigen und sorglosen Staunen der Kindheit, unsere faktische Welt veränderte sich ständig, auf nichts war mehr Verlass, aber zugleich stürmten ständig neue, unerhörte Erfahrungen auf uns ein, die unglaublich viel Zukunft transportierten. Faktizität bedeutet vor allem die ständige Unterminierung der Besitzstände des Bewusstseins durch Kontingenz. Was unsere Sozialisation durch stabile Ausbremsungen verstellt hatte, weil wir uns für allen möglichen Scheiß, für den wir nicht verantwortlich waren, verantwortlich fühlen sollten, hatte der Ansturm der institutionalisierten Nichtung liquidiert. Die Erfahrung diverser Zustände von Selbstlosigkeit war zu nutzen: Zukunft ist in allen Religionen identisch mit einem Neuwerden.

In der Wahrheit sein heißt, die Welt als Ganzes zu empfinden – nicht etwa zu wissen. Das Bewusstsein kann nur dem hinterher hinken, was sich in der Wahrnehmung für einen Moment ganz klar und wahr anfühlt. Das Ergebnis liegt jenseits der Schwundstufe eines der rigorosen Trennung von Körper und Geist verdankten Wahrheitsbegriffs, der die Wahrheit auf eine Funktion von Sätzen reduziert. Eine frühe Ahnung ist in der Seelenvorstellung der Antike aufbewahrt, nach der die Seele am Intelligiblen teilhat, aber über das Begehren in der Materialität der Welt verwurzelt ist. Für Platon ist die Seele eine Relation ohne substantiellen Eigensinn, sie lebt in einem Feld der Teilnahme an der Idee, wie später für Benjamin der Name an der Idee teilhat. Dieser bruchlose Bezug zwischen Idee und Name, zwischen Sein und Heißen kann mit Lübbe onomatopoetisch oder etymologisch fundiert werden: Entweder was ist, heißt wie es ist oder umgekehrt, was ist, ist wie es heißt. Im einen Fall reicht der Bezug von den sinnlichen Gleichklängen bis zur unsinnlichen Ähnlichkeit, im anderen Fall fasst er eine Entwicklungsgeschichte zusammen – beides aber sind Anverwandlungsweisen des seelischen Geschehens. Noch Benjamins Thematisierung der Aura  als ‚einmaliger Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag‘ taucht die Begegnung des Ich mit einem Gegenüber in eine numinose Epiphanie, hüllt den Gegenstand für einen unwiederbringlichen Augenblick in ein Räume und Zeiten verbindendes Netz der Bedeutsamkeit. In Präsenzkulturen war die Seele das Organ für Ganzheiten; eine Resonanz dieses Repertoires findet sich noch im Zeitalter der Repräsentation in Leibniz‘ Konzeption der Monade. Das Christentum ging anders als Platon von einer wesenhaften Seele aus, um die Voraussetzung für eine Abrechnung beim Jüngsten Gericht zu schaffen und den Sinn damit ans Ende zu binden. In der Folge dieser religiösen Zwangsvorstellung ist die Polarität Körper/Seele stimmig, noch in einer Welt der Abwesenheitsdressur wird die Seele für Psychoanalytiker – die immerhin die Angst vor der Nähe auf den Nenner brachten – zum schattenhaften Ersatz für eine Beziehung von Körper zu Körper. Gegen die der Beschwörung von absoluten Wahrheiten verdankten Gottesvergiftung der Präsenz könnte die Unmittelbarkeit der inneren Anschauung, wie sie bei Kant auf die Konzeption einer unendlichen Raumvorstellung bezogen war, aktualisiert in unzensierten und nicht gepufferten Formen der Wahrnehmung einer unerträglichen Präsenz der unvermittelten Selbsterfahrung des Göttlichen entsprechen. Unter LSD der Urgewalt der Mimesis zu begegnen, im Zentrum der Milchstraße dem Schöpfer die Hand zu schütteln, währenddessen ohne Unterschied zu spüren, was jedes Geschöpf erfährt, aber dabei so nah dran zu sein, als sei es das Selbst. Zugleich zu sein, was zerfleischt und vernichtet und was zerfleischt und vernichtet wird, damit als Teil dieser Welt im Werden an der Potentialität eines kreativen Chaos zu wachsen. Diese Perspektive der Wiederkehr einer Empfänglichkeit für göttliche Energien legt nahe, dass mit der Wiederkehr der Religiosität beim späten Heine kein Widerspruch zur Kritik an der Herrschaft der Pfaffen oder dem Interesse der Mächtigen an der Verdummung zu vermelden ist. Mit der Wiedereinsetzung eines schöpferischen Gottesbegriffs schien ihm eine auf Sinnlichkeit und unmittelbare Wahrnehmung begründete Existenz möglich, ohne wahnsinnig zu werden; der Zweifel an der Existenz Gottes stelle dagegen die Anerkennung des Todes im Leben dar, mit der alles Vergängliche dem Nichts verfallen würde. Diese aus der Angstbewältigung resultierende, resignierende Anerkennung, die Bedingungen der Möglichkeit der eigenen Existenz niemals in der Hand gehabt zu haben, ist ein spätes Resultat des paranoiden kartesischen Denksystems. Wenn wir uns auf körperliche Lebensvorgänge einlassen, vielleicht sogar lernen, uns von assoziativen  Zusammenhängen indirekter Botschaften, von subliminalen Wahrnehmungen führen zu lassen, wird die Resignationsanweisung der Gutenberggalaxis, über die Bedingungen von Möglichkeiten grübelnd unwiderruflich abzustürzen, nicht der Weisheit letzter Schluss bleiben.

Je nach Konstitution wird das Metaprogrammingsystem des psychischen Apparats ein unermessliches Nichts außerhalb des Selbst entdecken oder der Unendlichkeit eines im Selbst kulminierenden Verweisungszusammenhangs gewahr werden. In beiden Fällen ist Musik ein Gegengift gegen das Namenlose – sie berührt die Seele, wird zur Tafelschrift der Götter, wie Henry Miller in einem seiner delirierenden Bandwurmsätze formuliert hat. Die Dinge dieser Welt verfügen nicht über die nötige Selbstgegenwart, sondern sind nur als Erscheinungen präsent. Wenn es nicht durch menschliche Artefakte objektiviert wird, läuft das aus der Wahrnehmung bezogene Wissen schnell ins Leere: Musik ist in ganz spezifischer Weise in der Lage, die Vergänglichkeit der sinnlichen Wahrnehmung zu überwinden, also auf Dauer zu stellen, was sonst dem Verschwinden ausgeliefert wäre. Miller wies sogar auf die ständige Vermischung der Erfahrung der Musik mit dem Geschlechtlichen hin. Für Steiner transportiert uns die biomagnetische Magie der Musik in ein unmittelbares Erleben jener Energie, die das Leben ist; sie verwirklicht eine Beziehung erlebter Unmittelbarkeit der greifbaren, mit intellektuellen Mitteln nicht ausdrückbaren, primären Gegebenheit eines sich selbst bestätigenden Gutheißens der Gegenwart. Diese Kennzeichnung erinnert stark an Lacans Jouissance – das reine, intensive Genießen ohne Referenz, die Erfahrung einer erfüllten Zeit und restlosen Gegenwart. Musik ist nicht nur organisiertes Zeitempfinden, sie schiebt verschiedene Ebenen der Zeit ineinander, macht uns durch die Resonanz in unserem Körper mit Umrissen und Spuren einer Gegenwart vertraut, die dem Bewusstsein und der Rationalität unserer Jetztzeit sehr weit voraus gegangen sind. Die Anfänge des menschlichen Bewusstseins wurden von einer unvorstellbar lange Periode unergründlicher Verknotungen von Wundern und Schrecklichkeiten beschrieben, die nach und nach als Erfahrungsformen im Umfeld von Instinktresten kondensierten. Anklänge an frühere Geborgenheiten der Höhle gegenüber der Ausgeliefertheit der Savanne, an intrauterine Glücksgefühle und Panikattacken, prägten Empfindungformen, die mit dem Raumbezug das Verhältnis zwischen Musik und Erotik auf einen Nenner bringen – wir sind in einem Geschehen drin, werden getragen von einer Woge, die eine Resonanz freisetzt, die eine tiefer als Wille und Bewusstsein liegende Ebene anspricht, mit der das Verlöschen des Ichs nicht mehr zu fürchten, sondern herbeizusehnen ist. Das Hier und Jetzt beginnt punktuell zu werden, in gewissen Momenten gerinnt der Augenblick unter dem Einfluss von Intensitäten zu einer Ewigkeit, es findet ein Sprung aus der Zeit heraus statt – an einer schmalen Grenze zwischen Feuer und Eis, am Punkt des Umschlags der Gegensätze, in der Atemlosigkeit der Erfahrung, ein Teil des Göttlichen zu sein, beginnen wir bedeutsame Zusammenhänge unserer Welt immer wieder neu zu erfinden. Vermutlich entsprangen Gottesbegriff und fixierte Bedeutung am selben Ort und zur gleichen Zeit den Bedeutsamkeiten überbordender Intensitäten, die heute noch im Orgasmus freigesetzt werden. Die in konventionalisierten Zeiten als Verschmelzung von Anschauung und Begriff erfahrene Einheit der zeitlichen Verschränkung in einem erfüllten Augenblick mögen auch Techniken der Trance bewerkstelligen, mit monotonen Rhythmen arbeitende Tänze oder tantrische Gymnastik, exzessive Atemübungen und rituelle Gebete. Die Intensitäten des Hier und Jetzt, des von Lacan angezielten vollen Sprechens, verkörpern nach wie vor jene göttlichen Energien, die vor längst vergangenen Zeiten die Intention geprägt haben, gegen leere Konventionen ein pulsierendes Symbol zu setzen, Herzkraft an Bedeutsamkeit in feinste Äderchen der Jetztzeit und Geistesgegenwart zu pumpen. Während das Symbol als unbegrenzter und keiner Formalisierung unterstehender Verweisungszusammenhang der Singularität einer individuellen Äußerung gerecht wird, zeigt die überzeugende Argumentation Steiners, dass alle wesentlichen Aspekte der menschlichen Existenz durch eine Verifikationstranszendenz gekennzeichnet sind – während uns die Musik bereits in unserem alltäglichen Leben mit einer Logik des Sinns vertraut macht, die eine andere ist, als die der Ratio. Seine Zurückweisung des Dekonstruktivismus setzt einiges von dessen produktiven Potential frei, gerade weil eine exakt definierte linguistische Analyse und Theorie wenig dazu taugt, die Kluft zum Prozess des Verstehens zu überbrücken. Keine Formalisierung oder genetische Beschreibung ist in der Lage, die einzelnen phonetischen, lexikalischen und syntaktischen Komponenten eines Satzes in eindeutige und beweisbare Beziehungen zur Bedeutung dieses Satzes zu setzen. Schon ein Wort, mehr noch ein Satz, bedeutet innerhalb eines Gewebes inkommensurabler Assoziationsfelder immer mehr, als dies systematische Inventarisierungen der Formalisierung vorgeben. Borges hat einmal nahegelegt, die exakte Karte eines Landes müsste wesentlich größer und umfassender als das zu erfassende Land selbst sein, um dessen universellem Repertoire gerecht zu werden. Der aus den Tiefenschichten der Geheimlehre stammende Symbolbegriff vertraut auf den Reichtum an Denotationen, Konnotationen, impliziten Bezugnahmen auf Ausdruck und Körperhaltung, die dort den Ton angeben, wo man sagt, was man meint, wo man meint, was man sagt. Steiner geht von einem Status vor dem durch die Naturwissenschaften bedingten, historischen Bruch des Kontaktes zwischen Wort und Welt aus. Nostalgisch bezieht er sich auf einen den Logos umfassenden Horizont relevanter Werte, der die Bedeutung der Bedeutung aller sprachlichen Äußerungen entspricht und der das von sprachbegabten Menschen bewohnte Universum ausmacht. Die Naturwissenschaften setzten mit dem Bruch zwischen Wort und Welt nach und nach die Erkenntnis der Unmöglichkeit einer Wissenschaft des Sinns oder einer Theorie der Bedeutung durch; ihnen war die Erkenntnis zu verdanken, dass eine Übersetzung der Materialität der Welt in die Vielfalt der Sprachen unrealistisch sei. Doch diese Wahrheit wurde dank der Verflüchtigung ihres Gegenstands durch theoretische Physik und Quantentheorie bereits wieder relativiert – auch die Naturwissenschaften haben es in den Fundamenten nur mit Metaphern und Interpretationen zu tun. Mit der Mustererkennung leistungsstarker Computer wird sogar ein ursprünglicher, unterhalb der semantischen Ebene über syntaktische Bedeutsamkeiten wirkender Symbolbegriff angenähert. Keine ewigen Ideen, kein vorgegebenes Wesen des Menschen, sondern die statistische Verteilung von Verweisungszusammenhängen liegt bereits in der Entwicklungspsychologie dem Lernen von Bedeutungen zugrunde. Anhand der Faszination, die die das Geheimnis des Menschlichen transportierende Musik ausübt, kommen wir über Topologie und Ähnlichkeit zu Mustern von Rhythmen, die vielleicht längst vor der Logoszentrierung für die Erfahrbarkeit von Regelhaftigkeiten gesorgt haben. Nicht nur die Psychoanalyse greift auf mythische Erklärungsmuster zurück, auch die jenseits der Subjekt-Objekt-Dichotomie angesiedelte Rechenkapazität eines dritten Seinsbereichs des Dazwischen beginnt diese Muster immer feiner und präziser nachzuahmen. Vielleicht mag das Zeitalter der Semiotik in den Anfängen noch auf einer ontotheologischen Kompensation des Verlusts religiöser Absicherungen beruht haben, doch nachdem erwiesen wurde, dass alle Zeichensysteme selbstorganisierend immer nur auf Zeichensysteme bezogen sind, sollte klar werden, über welche Freiheit wir wirklich verfügen. Bewusstsein, Bedeutung und freier Wille sind emergente Phänomene, die einer selbstverstärkenden Resonanz der Rückkopplungsschleifen zwischen verschiedenen Ebenen des Zeichengebrauchs zu verdanken sind. Bereits in den Schulen sollte das dumpfe Auswendiglernen und Pauken von Formeln und Gesetzmäßigkeiten ergänzt werden durch ein Lernen, das den Routinen von unendlich dicht vernetzten Neuronen angemessen ist. Einst lernten wir die entsprechenden Muster in unseren ersten Lebensjahren erkennen, haben mit einer ungeheuren Geschwindigkeit die Plastizität unseres Gehirns für den Spracherwerb, die Erfahrung der fundamentalen emotionalen und sozialen Bedeutsamkeit verwendet – Disziplinierungen, das Stillsitzen, die monomane Konzentration auf vorgegebene Regeln und Konventionen, die Verschulung der besten Jahre des Lernens haben unserer Gehirn in einen abgedämmten Käfig eingesperrt. Tatsächlich leben wir in einer selbstregulierenden Welt der Zeichensysteme, es gibt keine andere für uns. Das unzugängliche Ding-an-sich Kants kann kein Ordnungskriterium sein, denn für eine Katze erscheint es unter anderen Voraussetzungen als für einen Hund, und weil es sich für uns in anderen Bahnen bewegt, als für eine Schildkröte, entspricht die Institutionalisierung des Lernens einer dauernden Sedierung. Wir transzendieren keine materielle Wirklichkeit mit der Sprache zugunsten einer wirklicheren Welt, sondern diese Zeichensysteme sind unsere wirkliche Welt, deren magische und kategoriale Unendlichkeit unserem Entwicklungspotential entsprechen könnte. Gerade der Status der Bedeutsamkeit schließt nach der Erosion der Ontotheologie der Bedeutung Freiheitsspielräume eines Multiversums der von Menschen handhabbaren Zeichenwirklichkeiten auf, von denen hinterherhinkende Leser oder Fernsehzuschauer mit der Zeit durch schlichte Unterhaltung lernen. Vom Computer bis zum Smartphone haben wir mittlerweile Kontakte zu neuronalen Netzwerken, die nach den Vorgaben einer phylogenetischen Geschichte des Lernens aufgrund von Mustererkennung arbeiten und sich semantischen Lernprozessen annähern, indem sie auf der Basis ständiger Rückmeldungen von Irrtümern den Algorithmus ihres Lernens verbessern – diese externalisierten Formen des Denkens werden auf die Strukturierung des menschlichen Gehirns zurückwirken und die Vernetzung zwischen den Neuronen in einer Weise verändern, die mit den pädagogisch-hermeneutischen Programmen des 19. Jahrhunderts immer weniger kompatibel sein wird. Nichts anderes legt uns heute in verschiedenen Arbeitsverhältnissen bereits das Plädoyer für eine offene Fehlerkultur nahe: Fehler sind wichtig, kein Grund für Strafen oder Verleugnungen, denn sie liefern Anregungen und Techniken für Verbesserungen. Wenn häufig genug eingewandt wird, wie wenig der Mensch mit der Erfahrung der Horizonterweiterung umzugehen vermag, wie Selbstzerstörung und Opferverhalten von der zusätzlichen Freiheit erlösen sollen, ist auf die Optimierung der Körpererfahrung und deren Selbstheilungskräften zu verweisen. Außerdem sollten die Institutionen, die sich mit der Verstümmelung von Lust- und Explorationsverhalten hervorgetan haben, als abschreckende Beispiele zu kennzeichnen sein.

Mit Reiche liefert die Symbolbildung den Schlüssel zur Verabschiedung der populären Geistlosigkeit eines starren Gegensatzes zwischen ererbten oder kulturell erworbenen Fähigkeiten. Durch das Symbol tritt ein zeitlich erlebtes Drittes zwischen diese Funktionen von Bedeutungsträgern: Dessen identifikatorische Mimetik situiert sich zwischen angeborenem und kulturell erworbenem Verhalten. Eine symbolgesteuerte Identifikation über Imagines, Introjekte, Repräsentanzen kann im psychoanalytischen Verständnis wie genetisch gesteuertes Verhalten nicht mehr verlernt, vergessen oder gelöscht werden. Damit wird die biologische Ordnung nicht eliminiert, aber vielfältig durchbrochen, denn mit der Entwicklung der Symbolfunktion entsteht ein Repertoire, jedem Sachverhalt eine fast beliebige Bedeutung zu verleihen. Im Rahmen einer ‚Geschichte der Einbildungskraft‘ hat Kamper unterstrichen, dass ursprünglich weder im Stoffwechsel mit der Natur, noch im symbolischen Austausch der Geschlechter per se Zwänge verbunden waren. Erst das planvolle Absehen von den Gesetzmäßigkeiten des Austauschs und des Stoffwechsels zugunsten der Akkumulation von Macht, der missbräuchlichen Konventionalisierung von Äquivalenten ursprünglicher Gebrauchswerte, vereinseitigte die entstehenden Lasten. Wert und Besitz verwandelte sich unter dem Sog der Abstraktion in einen stetig wachsenden Schuldzusammenhang. Das mittlerweile offensichtliche Geheimnis unserer Zivilisation lautet, aus jeder positiven Errungenschaft eine Verwünschung zu machen, jeden kulturellen oder technischen Fortschritt in eine Falle zu verwandeln. In der menschlichen Geschichte wird nie gefunden, was gesucht wurde, niemals erreicht, was das Ziel aller Anstrengungen ist, weil das Richtige nicht intentional oder instrumental angestrebt werden kann, solange die Negation der körperlichen Vollzüge dafür sorgt, sich selbst ständig im Weg zu stehen. Sowohl ritualisierte Verschwendung wie zwanghaftes Opferverhalten als magische Praktiken, diese Schuld abzutragen, reichen vom Potlatch bis zum Weltkrieg, unterstehen aber mehr oder weniger gesteigerten Verleugnungen der körperlichen Vollzüge. Ordnungen des Überflusses oder der Knappheit unterscheiden sich in jedem Fall durch die Prämie einer konkreten Realität, die in der Fähigkeit einer vom menschlichen Körper nicht abzulösenden Symbolbildung begründet, aber vor allem aber mit dessen lebendiger Zeit verbunden ist. Aus diesem Grund sind entscheidende Funde oder Entwicklungen nur indirekt über Umwege gelungen – in solchen Zusammenhängen ist das Glück des Unvorhergesehenen zu lokalisieren. Was uns an Schönem, Tragischen oder Wunderbaren begegnet, gibt unserem Leben nach Bataille einen Sinn, der aus einem erschütterten Moment der Aufmerksamkeit hervorgeht. Die Entfremdung unserer Gewohnheitsmuster rettet uns vor einer auf die Dauer untragbaren Leere, setzt die seltenen Chancen frei, die nicht den Gesetzmäßigkeiten der großen Zahl gehorchen. Alle Reduktionen auf einen gemeinsamen Nenner, alle Urteile, die dem Durchschnitt entsprechen, bringen lediglich belanglose Resultate zustande, schließen den Wert all dessen aus, was nur Resultat einer seltenen Chance sein kann. Abstraktionen, die erst aus einer nötigen Fülle an Durchschnittswerten resultieren, sorgen für ein Übergewicht des Toten. Nur die Produktivität der das Symbol fundierenden körperlichen Einbildung hält jenes fragile Mobile menschlicher Repertoireerweiterungen durch singuläre Geistesblitze in Bewegung, verhindert das Zusammenfallen von ökonomischer und symbolischer Vergesellschaftung.

Im kulturellen Kontext finden wir eben nicht nur den Ansatz, eine biologische Frühgeburt mangels Instinktrepertoire durch institutionell vorgegebene Prothesen in einen stabilen Käfig von Gewohnheitsbildungen und Traditionen einzuschließen – sondern auch das Potential, ein virtuell vorhandenes Lernvermögen aufzurüsten, bis es sich über Distanzleistungen auf einem Niveau des bewussten Lernen des Lernens einrichtet. Ab einem gewissen Level sprengt diese Lernkapazität den Imperativ der von Stellvertretung und Delegation geforderten psychischen Verzichtleistungen, von denen Institutionen ihre Kraft ableiten. Während Bataille von einer existenziellen Souveränität ausgeht, auf die es bei einer personellen, sich selbst überschreitenden Subjektivität allein ankommt, ist der institutionalisierte Souverän im Herrschaftsbereich durch Delegierte omnipräsent – auch wenn er lediglich ein inzuchtgeschädigter, lebensunfähiger Krüppel sein mag. Aus der Perspektive Blumenbergs ist der Mensch jenes Wesen, das alles selbst machen will, aber so viel wie möglich delegieren muss, um vieles zu können und zugleich zu bedauern, fast nichts mehr selbst zu tun. Damit ist das Prinzip Souveränität für das Individuum allerdings gestrichen; wenn es auf der Delegation beruht, verwandelt es sich in eine Funktion der Steuerung. Die anthropologische Wurzel des Staates wird nach den Vorgaben jener institutionalisierten Souveränität dargestellt. Sie resultiere aus der Fähigkeit des Menschen zur Umformung der eigener Handlungen in eine actio per distans, indem andere im Auftrag für ihn handeln – das Bedauern über die Entwicklung vom Stein oder Speer zum Auftragskiller liefert dem entzauberten Polytheismus eines Blumenberg ganz nebenbei ein Potential für das Repertoire von Utopien. Tatsächlich demaskiert aber jede Neurose als Institutionsminiatur eine Institutionalisierung, die als Notprogramm zur Kompensation von biologischen Ausstattungsmängeln definiert worden ist, um als Zwangsveranstaltung von Bremsvorrichtungen die Multifunktionalität unseres Lernverhaltens in Schach zu halten. Schließlich lehnt sich jeder Delegationsversuch gegen die Einsicht auf, einen Augenblick der Erfahrung nur als unwiederbringlich zu erleben ist. Wer die Gegenwart als Anwesenheit denkt, verpasst diese bereits, denn dieses vom Vollzug abgelöste Denken ist eine Distanzleistung, die nach Steiner traurig macht; das Ergebnis ergibt sich erst zu spät, im Nachhinein: Das heißt, abwesend gewesen zu sein. Natürlich ist es stimmig, Risiken des Lebens auf Delegierte zu verlagern, wenn die Angst vor Endlichkeit und Tod den Motor des Machtstrebens befeuert. Doch was ist das Machtstreben anderes als der Verzicht auf eine reale Erfüllung in Verbindung mit dem bis zum Exzess ausgelebte Trost der Ersatzbefriedigung. Anstelle einer Macht über andere sollte erst einmal die selbstvergessene Hingabe an den Augenblick geübt werden. Erst die in unwiederholbaren Augenblicken erfahrene Endlichkeit führt jenseits aller Delegation in die Präsenz eines Ethos der Lebendigkeit und versöhnt uns mit der eigenen Sterblichkeit.

 

In den ‚erkenntnistheoretischen Grundlagen der Ästhetik Walter Benjamins‘ ist für die Authentizität des Hier und Jetzt eine Symbolerfahrung entscheidend, in der Darstellung und Dargestelltes in einem Nu verschmelzen. Je nach Vorbildung und Konditionierung stützen sich die Spezialisten entweder auf einen theologischen oder auf einen historisch-materialistischen Ansatz Benjamins, um aus seinen Texten Schlussfolgerungen im entsprechenden Korsett zu präsentieren. Dabei ist der entscheidende Trick, den Bereich des Dazwischen aufzusuchen. Nicht nur im Leben saß er zwischen allen Stühlen, auch die theoretischen Fundierungen hat er als Relationsmetaphysiker zwischen extremen Gegensätzen sorgfältig ausgewählter Zitate verankert, um Wahrheiten in ihrem oszillierenden Zwischenraum aufzusuchen. In der ersten der Thesen über den Begriff der Geschichte deutet sich an, wie jene Mas­se von Gedanken und Bildern zu organi­sieren sei, mit denen er sich ein Leben lang beschäftigte. Ein dafür typisches dialektisches Bild liefert von Kempelens Schachautomat, bei dem eine Puppe hinter dem Schach­brett saß, während sie von einem darunter verborgenen Zwerg, einem Meister des Schachspiels, gelenkt wurde, der jede Partie gegen das menschliche Gegenüber entschied. Auf die Philosophie übertragen gewinnt immer die Puppe: also der historische Materialismus, weil sie es ohne weiteres mit jedem aufnehmen kann, wenn die Theologie in ihrem Dienst steht – dieses Beziehungsgefüge hat Sternberger einmal als Abgrund der Macht gekennzeichnet. Tatsächlich sind beides lediglich Repertoires einer Extremwerttheorie: Nach Maßgabe des erkennt­nis- und sprachtheoretischen Ansatzes werden Verspannungen durch Zitatzusammenhänge hergestellt. Jedem Schachspiel liegt ein Regelkanon zugrunde, von dem auszugehen ist, wenn Ausgang und Verlauf der Partie tatsächlich verstanden werden wollen. Wenn de Saus­sures für die Linguistik das Zusammenspiel der sprachlichen Einzelheiten mit einer Partie Schach verglich, weist dies mit dem Blick auf Benjamins Beschäftigung mit der Sprache auf alles, was das Spezialistenkorsett in Form bringen oder verleugnen möchte. In beiden Fällen liegt ein System von Werten vor, deren Modifikationen mit jedem Zug zu beobachten sind. Wenn die Bewegung einer einzigen Figur die Gesamtheit des Relationsgefüges verändert, ist gleich­zeitig die Gesamtheit des Relationsgefüges die Repräsenta­tion der Stellung dieser Figur in ihrer Einzigartigkeit: Die Singularität eines biographischen Zusammenhangs resultiert nicht etwa aus einer solipsistischen Abkapselung, sondern aus einer intensiv durchdrungenen Vernetzung aller entscheidenden Einflusssphären der Biographie. Eine Partie Schach wird zur modellhaften Verwirkli­chung dessen, was die Sprache in ihrer natürlichen Form darstellt. Das dialektische Bild Benjamins beschreibt als Momentaufnahme einer Performation, warum weder Theologie noch historischer Materialismus, sondern die über diesen Clinch herrschenden medialen Gesetzmäßigkeiten des Dazwischen die Entwicklung steuern. Was für den Analytiker die Träume des Individuums, sind für Benjamin Moden und Künste, Architektur und Technik – er verfolgt Beziehungen, die Gesetzmäßigkeiten zwischen ihnen nahelegen. Als wir ins Abseits befördert werden sollten, blieb als Ausweg nur die pragmatische Umsetzung dieser intellektuellen Spielerei, um die nötigen Kräfte immer wieder neu für uns freizusetzen. Unsere selbsternannten Gegner ließen der Ausarbeitung einer machttheoretischen Sprachesoterik keine Zeit mehr; doch es ging weiter, weil wir das Göttliche im Orgasmus zu befördern wussten, um für Augenblicke Geistesblitze zu bewohnen, in denen sich Jetzt und Ewigkeit kreuzten. Das Es als Raum der reinen Bewegung gilt der Psychoanalyse als Reaktor von Symbolisierungen jenseits der Unterscheidung von positiven und negativen Strebungen; der Trieb als Antrieb setzt selbst Geschlechtsdifferenzen zwischen Betragsstriche – für Lacan sind Triebe das Echo der körperlichen Resonanz des erfahrenen Sprechens. Eine ganze Reihe von Zitatzusammenhängen musste erst einmal helfen, auf einen möglichen Nenner zu bringen, was uns dabei geschah, hatte zu übersetzen, in Worte zu fassen, was anfangs nur energetische Wirkungen waren: Höre die heiligen Schwingungen, fließe mit dem Strom. Gehe über dich hinaus, wenn du dich finden willst, aber setze nie voraus, schon fertig zu sein. Verschwende dich, investiere alles was dir an Möglichkeiten zur Verfügung steht, komme soweit es geht von dir weg, um für die Unendlichkeit eines Augenblicks vom Geheimnis göttlicher Energien ergriffen zu werden. Nichts ist festgestellt, die Magie des Namens transportiert Schöpfungen in einen tristen und alternativlosen Alltag, das richtige Wort im rechten Augenblick haut Umzingelungen weg. Alles ist in Bewegung, wenn du an nichts haftest; wenn die Gewohnheitsmuster gesprengt werden, beginnst du an der Schöpfung der Welt mitzuarbeiten. Wenn du dann noch lachen kannst, wirst du bemerken, wie selbst die einem geltenden Bosheiten als Zuwendungen zu kodieren sind, weil der Vernichtungswunsch eine derartige libidinöse Besetzung verrät, dass sich die investierten Energien verwenden lassen – bis ein geisteswissenschaftliche Netz aus Abhängigkeiten und Verbindlichkeiten beim Namen Musik bereits zu vibrieren beginnt. Nach Kamper bewirken gerade die erlittenen Grausamkeiten die nötige Sensibilisierungen für entscheidende Grundrisse der Welt. Du bist kein abhängiges Geschöpf der Götter, sondern diese sind ein Resultat deiner Reinheit und Kraft. Der Selbstvergottung mancher Mystiker/innen ist vielleicht die größte Wahrheit abzulauschen, die Wesen aus Fleisch und Blut noch auszuhalten im Stande sind. Es mag schon vor dir göttliche Gewalten gegeben haben, weil es schon immer Leidenschaften gab, aber Hormone allein sind keine Auszeichnung – auch wenn jeder Mangel ihrer Wirksamkeit als böser Fluch erfahren wird. Götter mögen als ewige Objekte Relationen im Sinne Whiteheads sein, doch für die Realisierung von Aphrodite oder Hermes sind die jeweils Lebenden zuständig, ihre positive Wirksamkeit beruht auf der lebensbejahenden, die konfliktuelle Mimetik ins Schweigen befördernde Kanalisierung der Ein- und Ausflüsse von Leidenschaften. Bereits im Schweigen, das die Musik transportiert, entsteht jener Raum im Kleinen noch einmal, in dem die Leidenschaften dem Namenlosen die Ingredienzien einer Semantik abringen. Die angemessene Reaktion auf das Geheimnis von Helenas Schönheit und die Woge des Eros in ihren Schritten ist nach Steiner nicht Reden, sondern Schweigen. Gerade weil die Musik gestaltete, materialisierte Zeit ist, verklärt sie unseren Bezug zum Hier und Jetzt auf der Erde.

Mit Ch. Schmidt ist für eine Abschweifung weit in die Vergangenheit bis zu Damon zurückzugreifen. Sokrates‘ Lehrer stellte sich die Frage, was unserer Seele geschehe, wenn wir Musik hören und bereitete damit Antworten vor, die im Laufe der folgenden Jahrtausende virulente Argumentationsfiguren in die Welt entlassen haben. Bereits für Platon verschränkt die Wesensverwandtschaft von Zeit und Musik das Ästhetische mit dem Theoretischen, vermittelt die Zeit des Lebendigen mit der Ewigkeit der Idee. Zeitmaß und Wohlklang dringen unvermittelt in den Hörenden ein, schon deshalb zieht Platon die Mündlichkeit aller schriftlichen Unterweisung vor. Die Verknüpfung des Ästhetischen mit dem Intelligiblen ist für ihn der Grund, warum die Sterblichkeit kein Argument ist! Jenseits aller Glaubenssysteme, versetzt in einen Zusammenhang medialer Weltvermittlung, hören wir in einer Hifi-Anlage, wenn wir zu hören verstehen, wie sich göttliche Gewalten verkörpern. Anthropologen und Musikhistoriker stufen die Musik als Urkunst ein, die Magie des Tönens und Horchens ist noch früher anzusiedeln, als die von Urbild oder Urwort. Die Seele, die wie alles Lebendige in ständiger Bewegung ist, überlagert sich mit der Bewegung der Musik, die zur Stimme der uns umgebenden Welt wird – hier entsteht jene Magie der Resonanz von Rhythmen und Klängen, mit denen wir auf die Welt zurückwirken. Beide Bewegungen generieren Kräftepfeile, die wiederrum Anlagen der Seele wachrufen, ihre musikalische Potenz freisetzen. Dieses Wechselspiel aus Horchen und Klingen verbindet uns mit Harmonien, die nie nur ein Verhältnis von Tönen sind, sondern der Klang jenes kosmischen Gefüges, der als Bewegung in Maß und Ordnung selbst Musik ist, ein Werk göttlicher Energien. Entscheidend für dieses Gefüge ist, wie die Menschen den Göttern ähnlich werden, wenn sie glücklich sind, wenn sie sich gemeinsamen Rhythmen hingeben. Die Musik lädt zur Teilhabe an der Harmonie des Kosmos ein, Liebende erfahren das musikalische Maß als Gabe: Ihre Körper werden zu Musikinstrumenten, die sich immer feiner abstimmen, sich in der beseelten Selbstvergessenheit dem Bereich der Weisheit nähern. Als Liebende verwirklichen sie nach Kittler die Gegenwart des Göttlichen, indem sie diesem ähnlich werden. Wenn sich eine Resonanz einstellt, wird die von der Suche nach Harmonien getragene Seelenbewegung vor nichts Halt machen, was sie vom Erspüren und Verknüpfen immer neuer Verwandtschaften im gemeinsamen Leben abhalten würde.

Rhythmus und Taktilität, subliminale Wahrnehmung und Verweisungszusammenhang, historischer Standindex und die Kapazität, die nötigen Verknüpfungen herzustellen, bestimmen über die Gegenwart des Geistes! Ausgangspunkt einer jeden Geistesgegenwart ist der Leib – mit der körperlosen Stimme, kann ich über hunderte von Kilometern Geld in Bewegung setzen, Geld ist nur ein, wenn nicht der inhaltsleerste Signifikant, doch was die Stimme am Anfang der Kette einspeist und am Ende an Umsatz herauskommt, mit und außer dem Container Information, hat sehr viel mit dem zu tun, wie ich mich als körperliches Wesen fühle, was ich an Körperspannung über den Draht bringe. Wenn ich kurz zuvor einen befriedigten Status der Bedürfnislosigkeit erreicht habe, spritzt ein biomagnetischer Impuls durchs Telefon, der ein starkes Das-will-ich-auch-Begehren freisetzt – es braucht dann keine Rhetorik mehr, um einen Vertragsabschluss anzustoßen. Das androgyne Tier mit den zwei Rücken ist seit Vorzeiten die Metapher für die Erfahrung der Präsenz des Göttlichen in der Welt. Wenn es bei Platon heißt, die Götter hätten aus Eifersucht dafür gesorgt, eine ursprüngliche menschliche Einheit aufzutrennen, illustriert dies ex negativo die Beschreibung eines Status der Vollkommenheit, der für uns erfahrbar macht, wie sich das Göttliche durch eine intensive emotionale Besetzung in der Welt verwirklicht. Das erfordert eine Form der Askese, die nicht auf Verzicht und Versagung beruht, sondern auf der Übung des wechselseitigen Aufbaus eines immer höheren Spannungsvolumens – es geht eben nicht allein. Am Anfang mag es so aussehen, als sei alles darauf angelegt, einen zum Scheitern zu bringen oder zur Verzweiflung zu treiben. Vielleicht ist die Liebe als Duell schon eine erste Chiffre der Transzendenz – es müssen nur noch übermächtige Gegner auf den Plan treten, es müssen Anlässe gegeben sein, damit der familienbedingte, interne Antagonismus zur Einheit auf einem höheren Niveau verschmilzt und dann die Bewährung an der Welt dessen Nachfolge antritt. Man oder frau kann den Stress nicht einfach wegficken, sonst bleibt nur übrig, in der Selbstzerstörung letzte Spannungen abzufahren – wir wollen nämlich gar nicht frei von Spannungen sein, wir wollen nur immer wieder in die Lage kommen, sie in einer Weise genussvoll freizusetzen, die das Gefühl bestätigt, Grenzen zu überschreiten und ein beschränktes Leben zur Unendlichkeit hin zu öffnen. Wenn die Turbulenzen im Unendlichen nicht mehr an den Pforten der Wahrnehmung zerschellen, vernehmen wir in den Vibrationen der Echtzeit, wie die lebendige Welt erst in der gegenseitigen Anerkennung der körperlichen Präsenz und des Begehrens entsteht. Die vielbeschworene Wirklichkeit der Phrasen und festgestampften Überzeugungen erweist sich als zwanghafter Schatten des Körperpanzers in den Köpfen von Impotenten und Simulantinnen. Natürlich können die in den von der Institution vorgegebenen Rivalitätsstrukturen geprägten Bildungsbeamten predigen, die ewige Liebe dauere zusammen mit der vorausgesetzten strengen Exklusivität heute nur noch drei Monate, weil der Himmel leer sei. Doch in vielen Fällen haben sie sich mit einer Realität abgefunden, die durch eifersüchtige Institutionen geprägt worden ist. Tatsächlich beruhigt oder befriedigt alle Ersatzintensitätenvermittlung in einer stillgestellten Welt nie so umfassend, dass es genug ist. Der Konsum hat sich zur umfassenden Ersatzhandlung für den Mangel an Befriedigungsfähigkeit entwickelt – der Ersatz oder die Kopie ist aber nicht in der Lage, das Original einzuholen. Es ist noch nicht einmal gesagt, dass dieses Original überhaupt in jedem Weltausschnitt erreichbar ist – wer sich an Simulation und Surrogate gewöhnt hat, wird bereits dessen Möglichkeit ablehnen. Kennzeichnend ist auch, wie wenig eine Gesellschaftskritik denen hilft, die in der Lage sind, sich alles Mögliche zu leisten, denn gerade die Selbstverständlichkeit sorgt außer einem minimalen Kick dafür, nichts wirklich dabei empfinden. Aus diesem Grund holen verkrampfte Strategien des Machterhalts mehr aus dem nachgemachten Leben raus, ohne auf die der Reduktion verdankten Sicherheit zu verzichten. Es ist ein Teufelskreis, dabei lassen die unendlich gefährlichen und verwirrend schönen Energien, die außerhalb der befriedeten und sterilen Räume mit Blitzen spielen, zwar nichts von unseren gewohnten Vorstellungen übrig, machen aber unter günstigen Bedingungen erahnbar, welche Wirkungsmächte das kosmische Geschehen prägen. Sie mögen sogar ein Gefühl dafür vermitteln, warum wir nicht nur Marionetten sind, sondern Teilhaber dieser Mächte sein können. Das liefert nebenbei eine einfache Erklärung, warum wir während des Sozialisationsgeschehens hinter dem kulturellen Lattenzaun weggesperrt werden, um dort mit Peinlichkeitsriten und Geilheitsdressuren, mit Kleiderordnungen und Benimmregeln geknebelt zu werden: Wir könnten sonst nämlich zu zaubern beginnen. Das Signum des Göttlichen zeigt sich in der vom Begehren bewirkten Verklärung selbst, in dem Sog, der für jene Präsenz sorgt, in der niemand für gewisse Augenblicken nicht über sich hinausgehen will. Die institutionelle Stellvertretung Gottes scheint dagegen aus einer willkürlichen Interpolation hervorzugehen, die das Oszillieren der Extreme übersieht und vom Zusammenfallen der Gegensätze ausgeht. Auch das ist eine Destillation im Prozess der Zivilisation, mit der handhabbare Spiritualisierungen an die Stelle energetischer Potenzen gesetzt werden. Es ist immer wieder die gleiche Basisentscheidung: Lasse ich die Welt zu, gewähre den weit über ein einzelnes Lebewesen hinausgehenden Energien die Raumzeit – oder versuche ich unter dem Zwang der Angstbewältigung den Prozess zu unterbrechen, das Begehren zu sublimieren, um dann vereinzelte Kräfte für mich arbeiten zu lassen, aus Momentaufnahmen eines Kaleidoskops Artefakte des Machtwillens zu machen.