Gunar
Musik
Eigenarbeit
& Eigenzeit,
Lust-
gegen Machtpolitik
Biographische
Zugänge zur Philosophie um die Jahrtausendwende
MGM-Digital
Dresden 2024
1.
Auflage 2024
©
Iris Geiger-Musik
& Gunar Musik
MGM-Digital Dresden
ISBN 9798340025975
Umschlaggestaltung
mit den Fotos von Bildern,
die
Ende der 70er und Anfang der 80er
Jahre entstanden sind.
Die
Originale (ÖL und Acryl auf mit ausrangiertem Leintuch bespanntem Pressspan)
wurden aus Platzgründen vor einem Umzug zusammen mit allen
Rohmanuskripten
durch die Karlsruher Müllabfuhr entsorgt.
Potpourri
Präsenz versus Abwesenheitsdressur –
Zeitmaß und Erfahrungsformen der Zeit –
Geistesblitz und Augenblick –
Eigenarbeit und Souveränitätstraining –
Glück des Unvorhergesehenen –
Selbstbezug versus Liebe als Duell –
sozialer Tod, Sex, Macht und Gewalt –
Einsamkeitstraining versus erotische Theorie –
anything goes versus
in-Geschichten-verstrickt –
Erkenntnistheorie, Symbolbegriff und
Signifikantennetz –
Eschatometer versus Transzendenz –
Dynamik der Metastruktur und die Ränder des
Undenkbaren –
Anthropologie, Cyberhypes versus
Katastrophenpädagogik
Einleitung
Wir sind
nicht fertig, vor allen Dingen noch nicht festgestellt. Die Vorstellungen, die
dem menschlichen Wissen und damit dem Repertoire der Selbstdefinition zugrunde
liegen, sind das Ergebnis eines bis in Urzeiten zurückreichenden Lernprozesses.
Wir bauen immer auf einem Wissen auf, das vor uns da war und setzen es fort;
wie die Arbeit am Mythos hat es keinen Anfang, keinen Basistext, noch nicht
einmal unveränderliche Regeln. Mit der Art und Weise wie die Welt erfahren
wird, ändert und akkumuliert sich das Ausmaß an Zeichensystemen, bis sie im
Fortgang in eine immer umfassendere Welt von Symbolen verwandelt wird. Diese
Symbole dienen als Mittel der Orientierung zur Bewältigung der aus der
jeweiligen Wirklichkeit erwachsenden gesellschaftlichen Aufgaben. Traditionen
mögen statische Gemeinschaftssysteme stabilisieren, Halt und Geborgenheit in
einer zeitlich und räumlich begrenzten Blase vermitteln; für eine dem technischen
Wandel unterstehende Zivilisation werden sie zu einem mit der Geschwindigkeit
der Veränderungen wachsenden Risiko. Alle mit der Technik entstandenen Risiken
lassen sich nur mit einer Weiterentwicklung verschiedener Techniken bewältigen,
die Regression eines Zurück-in-die-Geborgenheit-der-Vergangenheit beruht nicht
nur auf der Verleugnung früherer Ausgeliefertheiten,
sie gleicht einem kulturellen Selbstmordkommando. Dennoch spricht nichts dagegen,
alles Verwendbare aus den verschiedensten Vergangenheiten für künftige
Einsichten fruchtbar zu machen.
Die
mythischen Fundamente der Großinstitutionen mögen in den letzten Jahrhunderten
entzaubert und versachlicht worden sein, das uns umgebende Ambiente
transportiert dennoch Symbolwerte, die in viele vergangene Zeiten
zurückreichen. Seit die Spiegelungen der Metaphysik in Gott, Kaiser und Volk an
Macht verloren haben, hält sich das Subjekt als Selbstzweck nur aus, indem es
sich an den unterschiedlichsten Fetischen stabilisiert. Die in Werbung und
Unterhaltung zutage tretenden regressiven Tendenzen mögen zum einen ein
kulturelles Korrelat psychischer Infragestellungen
sein, aber zugleich fungieren sie als Suchpendel eines fortbestehenden Prinzips
Hoffnung. Die Teilnehmer am Fortbildungskurs Menschheit definieren sich im
besten Fall durch die Möglichkeiten, die ihre Zukunft bereit hält; sie sind
bezogen auf das, was sie noch nicht sind. Diese Quelle des mythischen Denkens
liefert noch heute die Funktionen des weltsetzenden Vermögens, durch das
Semiotik und Technik zu Erweiterungen unserer Organausstattung geworden sind.
Die Mängelwesentheorie der philosophischen Anthropologie ist nicht der Weisheit
letzter Schluss; selbst Lacans fundamentalontologische Konstruktion eines
Spiegelstadiums nähert sich eher einem radikalen Konstruktivismus
als einer Befreiung von den Beschränkungen des Imaginären. Die frühkindliche
Kompensation einer fragmentierten Selbstwahrnehmung durch ein narzisstisches
Ich, dessen fiktive Ganzheit durch eine Spiegelung vorgegeben wird, liefert
alles andere eher als die traditionell erwünschte Vorgeordnetheit
der Institution. Gerade die Offenheit des Lernvermögens ermöglicht es, die
Gesetzmäßigkeiten des Lernens zu erlernen und damit einen Kontext zu setzen, in
dem das Lernen des Lernens viele Beschränkungen eines imaginären Ganzheiten verhafteten Lebewesens überwindet: Es ist
überhaupt kein Problem, sich als unfertig und auf Lernvermögen angewiesen zu
erfahren, denn was die Großinstitutionen als Mangel und Unfähigkeit ausgegeben
haben, diente tatsächlich ihrem Machtstreben – während wir es tatsächlich als
Chance begreifen können, wenn wir uns der Inkommensurabilität der Lebendigkeit
nähern. Eine Einzigartigkeit will gefördert und gefordert werden, bis zu einer
gewissen Entwicklungsstufe baut Lob auf, wenn es realistische Ansätze hat. Die
entsprechenden Ziele und Aufgaben müssen Erfolgserlebnisse vermitteln, sonst
beginnt ein latentes Repertoire zu verblassen, bevor es in der Wirklichkeit die
nötigen Anschlüsse findet. Doch die Unvergleichbarkeit
entsteht nicht allein aus einer Optimierung des Wechselverhältnisses von
Lebensaufgabe und Erfolgserlebnis; sie muss mithilfe von Selbstdistanzierungen,
bei denen der Rahmen früherer Identifikationen mit Vorbildern und Mentoren
gesprengt wird, wie eine Kostbarkeit aus dem biographischen Material
herausgearbeitet werden. Kierkegaard assoziierte vielleicht die Arbeit des
Linsenschleifers Spinoza, als er die Formulierung prägte, Inkommensurabilität
müsse wie ein kostbarer Stein zugeschliffen werden.
Bereits auf
frühen Entwicklungsstufen wartete immer wieder das Glück des Unvorhergesehenen.
Der mit dem Schwinden von Instinktresten unterstellte Mangel resultiert
tatsächlich aus einem unspezifischen Überschuss, der das Nichts des
Instinktausfalls durch die Schaffung von Symbolsystemen überbrückt, die die
Zwänge einer genetischen Evolution in der weiteren Entwicklung mit Erfolg
abschotten und durch eine kulturelle Evolution ersetzen. Menschen funktionieren
nicht einfach nach genetisch vorbestimmten Gesetzen, sie müssen schon immer
lernen, sich einfachste Regeln der Welt durch Akkommodation und Assimilation
anzueignen, um dann in weiteren Schritten Korrespondenzregeln zu entwickeln.
Damit entstand ein in Affekten verkörpertes Wissen, das die Evolution als
Protoerfahrung transportierte. Jede selektive Mutation, die nicht in einem
Abbruch endete, nicht in Rückschritten versiegte, also jeder Schritt in
Richtung erfolgreicher Veränderungen hat Varianten dieses Wissen in den frühen Verzweigungen des menschlichen
Stammbaums ausprobiert und objektiviert. Nach und nach transportierten
dauerhafte Symbolbildungen Erfahrungen, die ein Wissen des Wissens möglich
machten. Vor allem kam es darauf an, stimmige Routinen nicht mit jedem
Einzelleben wieder von vorne beginnen zu lassen. Mit der Reflexion mag die Weltverhaftetheit vager werden, mit der Selbstreflexion
dieses Wissen abstrakter, doch mit den kulturell objektivierten Erinnerungen
wird es möglich, von fremder Erfahrung zu leben. Ein relativer Verzicht auf die
Authentizität eigener Erfahrungen wird aufgewogen durch Symbolbildungen, die
sich auf das Kommende hin öffnen. Die ursprüngliche Macht des Symbolischen ist
eine der Durchsetzung von Bedeutungen, welche die Wahrnehmung einer sozialen
Welt ausarbeiten. Dieses objektivierte Wissen verwandelt biologische Wesen in
Verkörperungen von Traditionen und Archiven, sorgt zugleich aber dafür, ihre
kulturelle Umwelt immer genauer an die Faktizität der leiblichen
Voraussetzungen anzupassen Mit einer unter den Lebewesen der Erde singulären
Einfriedung des Genbestands, der Stillstellung und Ersetzung einer biologischen
durch eine gesellschaftliche Evolution, wird eine Dimension der Zeitlichkeit
bedeutsam. Sie mag begrenzt sein und in ihrem Ablauf unwiederbringlich, aber
gerade deshalb prägt sie jede menschliche Subjektivität maßgeblich durch ihren
Zukunftsbezug. Menschen leben in Symbolsystemen, die Vergangenes festhalten und
Zukünftiges vorwegnehmen – doch die Zukunft von Vergangenheit und Gegenwart
oder die Vergangenheit von Gegenwart und Zukunft sind nicht nur imaginäre
Effekte, sondern sie hängen immer von der Gegenwart von Vergangenheit und
Zukunft ab. Erinnerungen und Projektionen mögen in einem ersten Schritt
nachahmende Abbilder der Wirklichkeit produzieren, aber sie beginnen die
Außenwelt nicht nur zu verdoppeln, sondern ergreifen die Wirklichkeit, nehmen
sie in Besitz. Erinnerungen und Vorstellungen überformen sie zu einer zweiten
Natur, weil sie schneller und beweglicher, wirklicher als die realen
Verhältnisse werden. In vielen Fällen ist ein Ausschlussverhältnis zu
konstatieren, das heute noch aus der Traumwahrnehmung und den unbewussten
Prozessen erschlossen werden kann: Entweder taucht ein Zusammenhang in der
sinnlichen Wahrnehmung auf oder er steht im Bewusstsein zur Verfügung. Während
die Kapazität der Sinne nachlässt, verwundert es also nicht, wenn Symbolsysteme
die materielle Welt überwuchern. Immaterielle Zeichensysteme ohne Masseträgheit
verfügen über Raum und Zeit, ermöglichen die Produktion von Sinn, indem sie
alle Formen von Empfindungen, Begriffen und Handlungen in Beziehung setzen.
Zeit ist kein objektives Geschehen, aber beileibe auch keine nur subjektive
Erfahrung, sondern beides zugleich als ein dichtes Gewebe von Relationen. Die
Zeitrechnung des Menschen startet mit der Fähigkeit zum Triebaufschub, mit
zunehmenden Distanzen zur Unmittelbarkeit der Weltinsistenz, den zwischen Reiz
und Reaktion eingeschobenen Mittelgliedern, dank denen er sich selbst voraus zu
sein beginnt. Der in diesem Prozess entstehende psychische Apparat hat vor
allem die Aufgabe, die der Präsenz gehorchenden Impulse zu puffern, psychische
Erregungen in Vorstellungen und Bildwelten zu verwandeln. Das impliziert das
Risiko des Verpassens zugunsten von Gewohnheitsbildung und
Institutionalisierung – um im Nachhinein immer wieder die Einstellung auf die
Wirklichkeit anzupassen, um den Anforderungen des Lebens gerecht zu
werden. Seit der aristotelische Himmel
als Uhr den Gang der irdischen Dinge mit dem Gang der Gestirne in Verbindung
brachte, sind Kalender oder Uhr Symbolsysteme für den in Jahrtausenden
gewordenen, immer weiter gespannten Verweisungszusammenhang. Die Zeit wurde verräumlicht, indem Abläufe auf individuellen, sozialen und
nicht-menschlich naturalen Ebenen miteinander
verknüpft worden sind. Die Uhr stellt einen vorstellbaren Rahmen zur Verfügung,
um die Zeit anzuzeigen, indem sie den Gebrauch von Wahrnehmungen, Erinnerungsbildern
und Bedeutungen in spezifisch menschlicher Weise schematisiert – sei es als
mechanische, atomare, chemische oder ökologische Zeitvorgabe. Schon die
Sprache, obwohl sie zur Substantialisierung verführt,
widerlegt die Voraussetzung einer Faktizität der Welt oder einer hart
programmierten Evolution – alle Institutionalisierung von Traditionen des
Verhaltens und des Wissens sind tatsächlich Schutzvorrichtungen, mit denen
evolutionäre Veränderungen der Physis zugunsten einer Evolution von Wissen und
Verhalten abgeblockt werden. In ihrem Medium produzieren wir Sinn, mit dem die
Materialität der Sinnesqualitäten eine Botschaft symbolisiert, die wiederum
Kapazitäten des Verstehens voraussetzt. Indem die Symbolisierung eine
Wahrnehmung oder ein Geschehen objektiviert, wird das Verschwinden des bewusst
werdenden Augenblicks aufgefangen. Die Sprache ist zu einem Fundus geworden, in
dem vieles aufbewahrt und transportiert wird, was jene durch die Evolution der
Sinne bewirkte Komplexitätsreduktion decodieren kann, obwohl die der Ökonomie
gehorchenden Verluste keine schlichte Reproduzierbarkeit gestatten – die
Reduktion wird zum Gegenbegriff der Variation, also zur Herstellung einer
rücksichtslosen Invarianz, die die Vielfältigkeit menschlicher
Wahrnehmungsmöglichkeiten ausschließt. Dagegen unterstehen die Wahrheiten des
Körpers als subliminale Wahrnehmungsweisen der Gunst des Augenblicks. Wenn es
gut läuft, ist ihnen eine Kapazität des Lassen-Könnens zu verdanken. Nur im
Augenblick aktualisiert sich die Vermittlung von Vergangenheit und Zukunft,
wobei die Bewegung des etwa drei Sekunden messenden Spalts zwischen gleich und
geradeeben in gewissen, erleuchteten Augenblicken an der absoluten Bewegung der
Zeit teilhat, die jenseits des Raums zugleich lineare und umkehrbare Prozesse
ausmacht. Wir verfügen nicht über die Vermittlung der Zeiten, selbst wenn wir
die Bewegung des Augenblicks unter extremem Stress angestoßen haben; wir können
uns nur von ihr mitnehmen lassen, ihr tätig oder ausgeliefert folgen. Aus
diesem Grund resultieren viele Fähigkeiten der Präsenz aus körperlichen Vollzügen,
in denen Vergangenheit und Zukunft als reale Verknüpfungen unserer Gegenwart
zum Tragen kommen. Jene Geistesgegenwart, die im Unvorhergesehenen zu Hause
ist, lässt sich nicht drillen oder speichern! Die einem Vorrang der Zukunft
verdankte antizipierte Gewissheit ist mit naturwissenschaftlichen
Instrumentarien nicht fassbar, die Metaphern und Verweisungszusammenhänge
lassen sich nur mit der nötigen Findigkeit beschreiben und erklären. Die
Antizipation imprägniert das Gesamt der uns ergreifenden Ereignisse, entzieht
sich aber, wenn wir die Gewissheit dingfest machen wollen, wird zum Wahnsystem,
wenn sie verabsolutiert wird. In den Spielen der Kombinatorik symbolischer
Markierungen, die die jeweilige Kultur vorgibt, offenbart und verbirgt sich
diese Ganzheit zugleich – selbst in völlig abstrakten Konventionen ist noch ein
Index auf die Materialität des Weltwissens vorhanden, sonst würden sie nicht
mehr verstanden. Gegenüber der Voraussetzung einer linearen Zeitkonzeption
untersteht die Vergangenheit glücklicherweise Änderungen, wir wären sonst in
ihr eingemauert. Bei jeder erfolgreichen Therapie wirkt unterschwelliges Wissen
aus der Zukunft auf das Hier und Jetzt ein. In vielen Fällen stoßen wir mit
keinen harten Tatsachen zusammen, sondern es tut dann besonders weh, wenn uns
selbsterfüllende Prophezeiungen mitnehmen, nach dem Scheitern aber mit einer
Erkenntnis der Selbstbestrafung konfrontieren. Wie nebenbei hat das
ursprüngliche Prinzip Selbsterhaltung eine Protestnote gegen eine absurde Welt
der galoppierenden Akkumulation zu transportieren, um mit dem Opfer, der
Selbstpreisgabe, das Naturprinzip der Verschwendung zu zitieren. Zu unserer
Orientierung gehen wir von einem Sinn aus, der immer schon hineingelegt worden
sein muss, wenn wir ihn als Sinn entdecken, doch dieses Resultat einer
Vergesellschaftung durch Abstraktion heißt nicht unbedingt, dass es ein uns
entsprechender Sinn ist. Gegen eine Pathologie des Leidens an der
Entmaterialisierung, der irreführenden Kompensation durch die Macht von
Bildwelten, hat Kamper eine Theorie der self-destroying-prophecy
angemahnt. Nachdem in unseren biographischen Zusammenhängen selbsterfüllende
Prophezeiungen an den Schaltstellen von Partnerwahl und gesellschaftlichem
Erfolg durch die Selbstzerstörung eingelöst werden sollten, war die seriöse
Empfehlung, die Einflüsse der familialen Programme dieser Prophezeiungen zu
zerstören, mit der entsprechenden Ernsthaftigkeit zu verfolgen. Zugunsten einer
kreativen Eigenarbeit haben wir nach und nach die Familienabhängigkeiten abgeschrieben,
uns von Idealen und Bezugspersonen getrennt, den gesellschaftlichen Ehrgeiz
trockengelegt und, als die Widerstände gewisser Drehpunktpersonen zunahmen, es
hart auf hart ging, auf ein geregeltes Einkommen verzichtet. Der realistische
Ansatz, eine Kritik der von Sozialisationsagenten über das Denken ausgeübten
Gewalt, indem Heranwachsende immer wieder in dieselben Bahnen rational
begründeter Irrationalismen gezwungen werden, durch eine exakte Fantasie zu
leisten, war allerdings schon zu lange überfällig, damit leider schon wieder
obsolet. Mit den sozialen Medien scheint sich diese Kritik schließlich
erfolgreich auf sich selbst zurückgewendet zu haben, um die verbliebenen
Alternativen ins Imaginäre zu entführen.
Zur
pädagogischen Grundausrüstung sollte die Vermittlung körperlicher Techniken der
Selbstimmunisierung gehören, die einer Verhinderung der blinden Einwilligung
ins Vorhersageverhalten dienen. Die Einbildungskraft als konkrete Synthesis der
Sinne unter den zufälligen Bedingungen des Hier und Jetzt körperlicher
Erfahrungen stellt dem herrschenden Konformismus des gesunden
Menschenverstands, wie der Macht einer verabsolutierten Vernunft, die
Geschichte der feindseligen Trennung von Körper und Geist entgegen, wird damit
zum reflexiven Spiegel der Lebensbedingungen. Gegen dieses explosive Päckchen
Selbsterkenntnis hilft nur die nötige Betriebsblindheit, sonst würden Pädagogen
und andere Sozialisationsagenten der Normalität nicht vergebens auf die Lösung
des mit ihrem Beruf verbundenen Double-binds warten.
Aus diesem Grund liefert ein brutaler Absturz oder eine völlige
Deterritorialisierung in der Biographie über learning-by-doing
den direkten Zugang zu Wahrheiten, mit denen wir unser Leben gestalten können –
und dazu brauchen wir keine Lehrenden oder Führerfiguren, sondern nur
Spielräume, in denen alles Mögliche auszuprobieren ist. Diverse Romane oder
Filme präsentieren überzeugende Weisheiten, allerdings aus dem Mund oder in der
Gestalt von Losern, die bittere Wahrheiten
ausplaudern, mit denen sie nichts mehr anfangen können, weil sie aus ihrer
gewohnten Welt herausgefallen sind – dabei verbirgt sich genau darin ein
Erfolgsrezept. Einst machten die Kirchen ihre Gläubigen durch eine
gebetsmühlenartige Wiederholung plausibler Einsichten unfähig, einfache
Wahrheiten zu beherzigen. Heute sorgt ein Sozialisationsauftrag der Medien
dafür, Konsumenten gegen notwendige Entscheidungen abzustumpfen, weil sie der
Inflation einer ständigen Berieselung unterstehen. Oft genug blitzen dahinter
genau jene Einsichten auf, mit denen wir die Gesetzmäßigkeiten der Ausbremsung
und Ersatzleistung erledigen könnten. In genau diesen Zusammenhängen sollte
eine Selbstimmunisierung ansetzen.
Tatsächlich
setzt die Erfahrung, aus der Welt herausgefallen zu sein, Einsprengsel im Kontinuum
der Zeit frei, die zufällige, keinem Plan gehorchende Begegnungen, damit aber
einen nicht zu lokalisierenden Sprung ermöglichen, der sich für beide
Richtungen des Zeitpfeils ereignet haben wird. Wenn es um die Zeit geht,
scheint die Katastrophe für Kamper unvermeidlich: Der Mensch kann nur Zeit
gewinnen, wenn er unter dem Einfluss eines strange attractors die Fassung verliert, dafür aber den direkten
Zugang zu einem Wissen über Dinge gewinnt, der ihm unter den Vorgaben der
Normalität überhaupt nicht zusteht. Wieder einmal kann ein Sprung innerhalb der
Wissensniveaus für neue Repertoires sorgen, ansonsten verfügt die Zeit über
alle, die keine Zeit mehr zu verschwenden haben. Tatsächlich findet bereits
seit Jahrzehnten eine Umorientierung der menschlichen Wahrnehmung statt,
während der das Grundmodell des wissenschaftlichen Beobachters hinfällig, die
geforderte Distanz dagegen durch körperliche Rhythmen und performative Anverwandlungen ausgehebelt wird. Wir müssen nach der
notwendigen Katastrophe nur über die Kapazität verfügen, wieder auf die Beine
zu kommen – die Energien dazu sind den Strategien jener Intriganten zu
entziehen, denen wir das Ausschlussverfahren verdanken. In letzter Instanz geht
es niemals um richtig oder falsch, noch weniger um Geld und Macht, sondern um
Gerechtigkeit und Sinn. Wir gesunden am Sinn, den ein Kraftwerk der Liebe
vermittelt. Wo Sinn ist, stehen Kräfte zur Verfügung, die für dumpfe Deppen,
denen die göttliche Begeisterung einer ekstatischen Steigerung abdressiert wurde, unvorstellbar sind. Selbst wenn alles
sinnlos erscheint oder erscheinen soll, um uns zu entkräftigen,
verbürgt die körperliche Begegnung einen sinnlichen Sinn, der von Augenblick zu
Augenblick befähigt, in der Erwartung weiter zu machen: Genau so geht es immer
wieder von Neuem. Noch dazu steigern wir während einer mimetischen Anähnelung
die gegenseitige Optimierung, bis in einer energetischen Blase die Ewigkeit in
Momenten komprimiert wird. Seltsamerweise beginnen dann
menschheitsgeschichtliche Symbole auf unsere engere Umgebung oder die
intellektuellen Einflusssphären anziehend oder abstoßend einzuwirken: Als
verkörperten wir einen Status, von dem die einen sehnsuchtsvoll abbekommen
wollen, während die anderen insistieren, dass es sowas nicht geben darf. Wenn
es überhaupt einen Sinn des Lebens gibt, dann äußert er sich bereits in dem wie
selbstverständlichen Streben, über die eigene Beschränktheit hinauszugehen, in
der Auflösung von Grenzen aneinander teilzuhaben. In den Kämpfen, ob
gegeneinander oder gegen fremde, von außen kommende Entkräftigungsversuche,
entsteht eine Geschichte, an der Halt zu gewinnen ist, die nach und nach Formen
vorgibt, ohne uns zu nötigen, auf die gemeinsamen ozeanischen Gefühle zu
verzichten.
Man/frau muss sich nur scheiße genug fühlen und
völlig am Ende sein: Körpereigene Drogen machen aus Elend und Ausgeliefertheit
wie schon seit Jahrtausenden das Sprungbrett eines neuen Glaubens – und wenn es
der Glaube an göttliche Kräfte ist, die wir in den Grenzerfahrungen freisetzen,
die Welt ist voller Götter. Diese Einsicht scheint so bedrohlich, dass alles,
war nur in die Nähe einer Ahnung kommen könnte, während der Sozialisation des
Realitätsprinzips ausgeschlossen wird. Die Unterhaltungsindustrie arbeitet
systematisch an der Symbolisierung dieser endorphinen
Ventile, um Umsätze freizusetzen und zugleich ihre Irrealisierung zu befördern
– die dem Realitätsprinzip untersteht, eine multimediale Inflation der Wünsche
und Sehnsüchte hat für die alltägliche Erfahrung nur wenig von der Kraft übrig zu
lassen, die sie spenden könnten. Wo es allerdings möglich ist, den
umfassendsten und sinnleersten Signifikanten auszuwerfen, das Geld, kann es in
einem ganz anderen Maße möglich sein, Sinn und Harmonie für die beschränkte
Zeit eines eigenen Lebens zu stiften: Noch im verlogensten
Pathos überwintert ein Restbestand der Geheimnisse des Lebendigen. Die
ursprüngliche Stimmigkeit, dass etwas sitzt und passt, dass es ineinander
greift, liefert die notwendige Voraussetzung, damit es besser flutscht. Die
sich ergebenden Harmonien sind die Grundlage aller späteren Sinnentwürfe. Als
uns die Gewalten einer mimetischen Verfolgerkausalität
abwürgen wollten, galt es die Spannung urweltlicher Kräfte zu halten,
Assoziationsmuster spielen zu lassen, bis die Neuronen die nötigen Fortschritte
ihrer Selbstorganisation durchlaufen hatten und Geistesblitze zündeten. Diese
Blitze verdanken wir keinen göttlichen Gefilden mehr, sondern einer Überreizung
der selbstverstärkenden Resonanz verschiedener Subsysteme des Nervensystems, dem
energetischen Aufschaukeln biomagnetischer Level. Nur ein befriedigter und mit
sich einiger Körperbezug ist in der Lage, solche Kräfte zu akkumulieren, ohne
die Energie in Kurzschlüssen abzufahren. Wenn alles auf dem Spiel steht, können
auf einmal Kleinigkeiten bedeutsam werden – wer dann die Spannung nicht hält,
fliegt raus wie eine zu schwach gewählte Sicherung. Also heißt es
üben, täglich üben, damit die Gelassenheit erhalten bleibt, immer wieder üben:
Je mehr Vorstellungen und Projektionen verschwinden, je leichter fällt es, die destruktiven Kräfte
der Intrige im Vollzug wieder in genitale Energien zurück zu verwandeln.
Frustration und Triebverzicht sollen uns beherrschbar machen; wer seine
wertvollste Kraft in Wut und Ressentiment investiert, merkt nicht, wie gerade
damit in den Zeiten der Informalisierung herrschende
Abhängigkeiten aufrecht erhalten werden. Unser Motor der Lebensfreude will
gespeist werden, dann wird es jeden Tag wieder neu und unvorstellbar, wobei der
Nebeneffekt eines Blankpolierten Spiegels nicht zu vernachlässigen ist. In den
zitierten Hierarchien braucht es ein Ruhe und
Stärke verleihendes Kraftfeld erfüllter Befriedigung, nur wenn wir einander in die
Lage versetzen, in uns zu ruhen, prallen die bösen Wünsche einfach
ab. Ein Blankpolierter Spiegel sorgt dafür, die Annahme zu verweigern, Vernichtungsimperative
an die Absender zu retournieren. In gesegneten Augenblicken konnten wir sogar
beobachten, wie Krüppelzüchter erschrecken, wenn sie mit den eigenen Bosheiten
konfrontiert werden.
Menschen
brauchen das Gefühl, sich im Fokus einer Aufmerksamkeit zu befinden, sie wollen
für jemanden eine Bedeutung haben – selbst die magische Verfolgerkausalität
wird für eine Neuformatierung nach der Erfahrung eines sozialen Todes sorgen,
wenn wir in der Lage sind, die negativen Einflüsse nicht zu bekämpfen, sondern
für uns zeugen und arbeiten zu lassen. So wie die
Etymologie mit dem Sinn auf den Weg
verweist, wird dieser als Weg zu einem Ziel, das den nötigen Antrieb freisetzt.
So wie in der Sprachphilosophie der Sinn durch den Kontext bestimmt wird, in
dem ein bedeutsamer Gegenstand steht, beginnt uns das Netzwerk der Intrige mit
einer Bedeutsamkeit zu versehen, die die Einflüsse von Professoren und die Ranghöhe von Ministern tangiert. Die Professoren liefen Gefahr, ihrem System des
Machterwerbs unter dem Einfluss einer elaborierten Lustpolitik die Nötigung des
Dazulernens anzutun – aber dazu fehlte
den Protagonisten, die sich auf verbalerotische und andere von Blumenberg empfohlene
Ersatzleistungen kapriziert hatten, stimmigerweise
das Vermögen. Dagegen versteckten sich die beiden beteiligten Minister hinter
der ZEIT und einer Unternehmensberatung, die den Auftrag bekam, die
Effektivität der Stuttgarter Geisteswissenschaften zu bestätigen. In diesen
Zusammenhängen hat sich für uns die Erfahrung eines Glücks des
Unvorhergesehenen ergeben. Wenn alles so kommt, wie es geplant worden ist,
verlängern sich nur hilflose Hörigkeit und herrschende Unfähigkeit. Wenn alles
immer so bleiben soll, wie es war, wenn alles so geplant werden muss, dass sich
nichts ändern soll, hat dies mit den Prinzipien einer kulturellen Evolution,
die aus der Wiederholung die abweichende, erfolgsversprechende Variante
herausfiltert, nichts mehr zu tun! Apologeten der Institution, die häufig genug
verkappte oder getarnte Kinderschänder sind, sollten sich immer wieder einmal
die Frage stellen, warum das Inzesttabu ein Motor der kulturellen Entwicklung
der Menschheit war, während sie sich aus absurden Gründen an verewigten
Verwaltungsvollzügen festhalten. Jene Bedeutsamkeit, die einmal die Fundamente
ihres Wirkungsbereichs gesetzt hatte, ist längst zu einem Ärgernis geworden.
Beliebige Formalitäten haben die Inhalte überwuchert, Verfahrensregeln die
ursprüngliche Aufgabe zugeschüttet – mit dem Resultat, dass persönliche
Intrigen, sinnloser Ehrgeiz und gekränkte Eitelkeit die Förderung ihres
eigentlichen Auftrags verdrängt haben. Was in der Selbstdarstellung als
sachliche Intention zum Guten der Institution ausgegeben wird, ist tatsächlich
Taktik, Netzwerktechnik und Diplomatie, um dem eigenen Machtanspruch
durchzusetzen. Während die betreffenden Bildungsbeamten auf Kosten der Opferung
eines abweichenden Schülers über die Ansprüche ihres Fachs bestimmen wollten
und möglichst viele Protagonisten verstrickten, profitieren wir in the long run
von der Gesetzmäßigkeit, dass sich nach Sonnemann alle Geschichte, die gemacht
werden soll, nur lächerlich macht. Der Gang der Zeit setzt ein Lassen-Können
voraus, denn das Machen-Wollen ist im Augenblick der Intention bereits neben
der Spur. Die Selbstthematisierung im zeitlichen Standindex des Hier und Jetzt
mag die Entdeckung eines Bewusstseins des aktuellen Moments offenbaren, aber
mit dieser geht die logische Konsequenz einher, jede Vorstellung eines
endgültigen Seins verliere sich in der notwendigen Diskontinuität. Das Jetzt
des Augenblicks entzieht sich, ist immer nur im Nachhinein zu reproduzieren;
schon deshalb haben Menschen eine derartige Angst vor dem Tod, weil sie
dressiert worden sind, sich an die Vorstellung eines endgültigen Sein zu klammern.
Doch gerade die manischen Versuche, eine Gewissheit vorauszusetzen, zerstören
die Erfahrung eines Jetzt der Erkennbarkeit. Wir sind keineswegs Herren über
ihre Zeit, weil die Zeit mehr umfasst, als die der Uhren und Kalender; wo
Geschichte geschieht, nimmt sie die Menschen mit. Die unvorhergesehenen und überraschenden Wendungen
im wirklichen Leben sind noch viel phantastischer und unwahrscheinlicher als im
Film oder Roman – wobei wir damit zu leben haben, dass sie den Kinderglauben
der Gerechtigkeit Lügen strafen. Weil Recht und Gerechtigkeit nicht automatisch
im Einklang sind, sich in vielen Fällen sogar gegenseitig ausschließen,
gehorcht der symbolische Tausch einer eigenwillig ambivalenten Dämonie. Das
Recht resultiert aus Konventionen, ist Resultat von Gewohnheitsbildung und
politischer Mehrheitsentscheidung, damit aber von allem Gebrauchswert und aller
Eigenarbeit abgelöst – es stellt Reste her, die den Siegern zufallen, den
Verlierern genommen werden. Von der Berechenbarkeit und Planung der Sanktionen
profitieren unzählige Schmarotzer; aufgrund der Verteilungskämpfe ist es kein
Nullsummenspiel. Dagegen erweist sich die Gerechtigkeit in einer vollendeten
Reziprozität, ihr Wert haftet an dem, was in der Waagschale liegt: Wenn es die
durch böse Wünsche oder ausgefuchste Intrigen entfesselte Negation ist, wird
ihr Gewicht von Querschlägern oder unerwarteten Rückschlägen aufgewogen. Die
Wirkungsgewalt des symbolischen Tauschs beruht auf dem Bedürfnis nach
Aufmerksamkeit und Zuwendung, also auf jener Gesetzmäßigkeit, nach der keine/r
weniger oder mehr bekommt, als er/sie zu geben in der Lage ist. Jede wirkliche
Gabe, also mit hohen psychischen Besetzungen der Einflussnahme ausgebrütete
Zuwendungen, hat einen zeitlichen Bezug, der auf Reziprozität drängt. Folgerichtig
sorgt die Negation dafür, dass Leute, die uns nicht interessieren, die kein
Bedürfnis freisetzen, uns mit dem zu beschäftigen, was sie gerade an Schmerzen
für uns ausbrüten, Gefahr laufen, den ganzen ihrer Impotenz oder Frigidität
verdankten Mist zurückzubekommen.
Die Erfahrung
eines Glückens des Unvorhergesehenen hat sich für unsere Geschichte als
korrelativ zum Begriff des Glücks ergeben. Das Glück als Ganzes gibt es nicht,
doch just zu dem Zeitpunkt, an dem es als metaphysisches Versatzstück aufs
Panier einer Massenbewegung geschrieben wurde, ob bei Erweckungsreligionen oder
politischen Utopien, hat es immer ein gegenwärtiges Elend mit Hilfe ferner Verheißungen
legitimiert, dann mit Feindbildern, Sündenbockmechanismus und Opferkult
ertragbar gemacht – je größer die geschürten Erwartungen sind, je schneller
kippt die frohe Botschaft in ein totalitäres System um. Wie von alleine mündet
die in solchen Fällen notwendige Komplexitätsreduktion in den Krieg oder die
Selbstzerstörung. Weil die menschliche Kultur mit der
symbolischen Arbeit an der Verarbeitung der Erfahrung des Todes einher ging,
diesen anzunehmen oder abzuwehren, entstand jene Terrormaschinerie der Kulte,
die die Vorstellung ertragbar machte, indem der Tod stellvertretend am willkürlich
hergestellten Sündenbock vollstreckt wurde. Wenn für Girard das Begehren erst
aus der konfliktuellen Mimetik entspringt, haben nach und nach Vorstellungen
des Begehrens die Erfüllung, die Sättigung, die Tat zu ersetzen. Der Verzicht
ist real und keine Metapher, der biologische Trieb beim Menschen nicht einfach
ausgefallen, sondern das Mobile der hormonellen Antriebe wurde systematisch
pervertiert. Verbote dienten als Geilheitsdressuren, die Religionen wurden zu
Weltmächten, nachdem die von ihnen instrumentalisierten Ängste die Menschen mit
dem Imperativ des schlechten Gewissens und der Selbstverleugnung unterjochten.
In den verschiedensten Besessenheiten schlagen sich nicht nur jene
gesellschaftlichen Vorbilder oder propagierten Medienfunktionen nieder, die
zwar längst nicht einlösen können, was sie uns anempfehlen, aber immerhin für
Nebenkriegsschauplätze sorgen, an denen wir uns abstrampeln, um für die wirklichen
Aufgaben im Leben keine Zeit oder Kraft mehr zu haben.
Wenn wir eine Vorstellung durch eine andere
ersetzen, ist das kein wirklicher Verzicht – auch wenn es so aussehen soll,
weil eine der beiden dem Tabu untersteht. Den realen Verzicht fundiert das
Prinzip Vorstellung selbst! Dabei müsste man/frau nur die richtigen Geschichten
zu erzählen wissen – je größer das Repertoire ist, je wahrscheinlicher finden
sich unerwartete Variationen der Verwirklichung von Präsenz. Blumenberg streift
einmal in seiner enttäuschenden Anthropologie, die noch den phänomenologischen
Arbeitsanweisungen Husserls und Heideggers Tribut
zollt, die Privilegien des Sprechens und der Ohren. Damit ist keine Offenbarung
gemeint, die gehört werden muss wie die jüdische, vielmehr ein Vorrang der
Stimme, die schon immer eine Selbstobjektivierung bewirkt, wenn wir beim Sprechen
nicht nur mit den Ohren hören, sondern doppelt, mit Malraux‘ Kennzeichnung viel
unmittelbarer, über die Schädelknochen. Doch mir fehlt in diesen Zusammenhängen
der Hinweis, wie nahe Heideggers Verknüpfung des Hörens mit der Seinserfahrung dem Gehorchen und der Hörigkeit kommt. Wenn
uns der Vorrang des Sehens, der Bezug auf eine abgehobene Sphäre der Ideen und
die Aufklärung bereits um die Materialität der Welt beschissen haben, könnte
ein Horchen und genaues Zuhören wieder zu einer Bewegung jenseits der Verlichtung der Welt zu körperlichen Intensitäten führen.
Doch dieser alternative Emanzipationsgedanke – eben nicht von der Welt und
unserer Körperlichkeit, sondern von den über uns verfügenden Institutionen –
fehlt bei Blumenberg leider. Die größte Errungenschaft der Menschheit ist nicht
die Lebensversicherung, wie das Institutionstheoretiker gerne hätten, sondern
ein fast unbegrenztes Lernvermögen. Als er den eingeschränkten Blickwinkel des
menschlichen Sehvermögens thematisiert, die Unfähigkeit Gefahren wahrzunehmen,
die sich von hinten nähern, zeigt er, wie der Leib nicht nur Zugang des
Subjekts zu den Objekten ist, sondern vielmehr das Subjekt zum Objekt für
andere Subjekte macht. Über die eigene Sichtbarkeit zu verfügen, sie unter
Kontrolle zu bringen, mag ein erster bewusster Schritt der Selbstobjektivierung
sein – doch diese Entwicklung endet im Panoptikum, das nach Foucault die
lichtdurchflutete Komplettüberwachung in einer Form optimiert, mit der die
Subjekte die Kontrolle derart internalisieren, dass sie für ihre
Selbstüberwachung zuständig werden, ohne noch über das Ziel der
Gewissensinstanz entscheiden zu können. Die Selbstdarstellung mag der
Selbsterkenntnis vorausgehen, die Kontrolle der eigenen Sichtbarkeit wird ein
Wissen um die Wirkung der eigenen Handlungen auf andere voraussetzen. Zu
erschließen und zu modifizieren, wie die eigene Person auf das Gegenüber wirkt,
um auf das Tun der anderen einzugehen, auf ihre Erfahrung durch Protzgebärden
oder freundliches Entgegenkommen einzuwirken, kann lebenswichtig sein – doch
wenn das Als-ob zum einzigen Antrieb der Simulanten der Selbstheit wird, geht
der Bezug auf den Anderen vor lauter Selbstbespiegelung verloren. In den
Ursprüngen der psychischen Strukturierung des Selbstbewusstseins, das sich für
Blumenberg aus der Ausgeliefertheit des Gesehenwerdens
konstituierte, steckt noch immer die Katastrophenerfahrung der Savanne, einer
in Urwäldern bis dahin ungekannten Sichtbarkeit ausgesetzt zu sein. Die
Intersubjektivität als Gefährdung wird erst durch Kommunikationsakte
aufgefangen, wobei das Gehör eine symbolisch vorgeordnete Stelle im
Orientierungsvermögen einnimmt. Ohren sind in der Lage das Umfeld im 360
Grad-Winkel zu scannen; sie waren nicht auf die Kompensation durch beschränkte
und selbstbezogene Vorstellungen angewiesen, ließen damit das Lernvermögen in
einem unvorhersehbaren Rahmen expandieren. In solchen Zusammenhängen hätte sich
die Nachzeichnung kultureller Umwege über die Konditionierung des Ohrs angeboten,
denn es lässt sich als Sinnesorgan nicht schließen. Trabant zeigt, wie Herder
mit seiner Entdeckung der erkenntnistheoretischen Grundlagen des Hörens eine
wie selbstverständlich gehandhabte, nicht reflektierte Ebene des hörenden
Denkens bei Leibnizsches explizit macht. Für die sinnliche Basis ist es
bezeichnend, dass Leibniz dreidimensional empfindet. Die Präferenz des Raums in
all seinen Dimensionen verweist auf das Sphärische der Klänge, auf ein hörendes
Denken. Die Basis allen Erkennens sind sogenannte kleine Wahrnehmungen, also im
Wesentlichen akustische Eindrücke – sie liefern das sensualistische Fundament
und entscheiden sogar die Frage nach der Einheit des Bewusstseins. Wir nehmen
über die Ohren ohne Unterlass wahr, wir können sie nicht schließen wie die
Augen, selbst wenn wir schlafen, baden wir noch in Klängen, sei es der
Außenwelt, sei es der inneren Bewegungen der Eingeweide, dem Rauschen des
Blutes. Die nicht bewusst werdende, ununterbrochene Präsenz dieser Vibrationen
und Klänge garantiert tatsächlich eine stabile Selbstwahrnehmung innerhalb der
zeitlichen und räumlichen Veränderungen für die Identität. Die kleinen Wahrnehmungen
erinnern schon in mancher Hinsicht an die Thematisierung von Zeichenprozessen
des Subliminalen und bilden einen Raum, eine Sphäre, die uns als akustische
Grunderfahrung umgibt. Die Welt, die akustisch wahrgenommen wird, ist kein
Gegenüber, sondern ein Umgebendes, ein Einschließendes und Umfassendes – also
kein entgegenstehendes Objekt, keine gegenüberliegende Fremdheit, die uns nur
angetan wird. Die kleinen Wahrnehmungen ergeben sich aus den dauernden
Einflüssen von Körpern, die uns umgeben, sie sind ein Teil der sphärischen
Eindrücke, die für uns alles, also auch das Unendliche umfassen. In den
‚Sphären‘ Sloterdijks wird dieser erkenntnistheoretische Ansatz mit den
Einsichten einer historischen Anthropologie bis in die extremsten kulturellen
Entwicklungen nachvollzogen. Über die sprachliche Symbolisierung objektiviert,
bleiben die Bemühungen um eine Einheit des Bewusstseins nicht mehr im
Imaginären des Lacanschen Spiegelstadiums befangen, sondern werden durch ein
Sirenenstadium für die sich öffnende Zukunft sensibilisiert. Abgesehen von der
bezaubernden bis bannenden Qualität der ursprünglichen Sirene, ist das zentrale
Moment des Akustischen die Zeitlichkeit. Wenn sich Leibniz der akustisch
wahrnehmbaren Bewegung der Luft zuwendet, wird die zeitliche Dimension des
Klangs thematisiert, in ihrem Element weht und konspiriert die Welt. Aus der Mitbewegung, dem Mitatmen alles
Lebendigen, erhebt sich die Stimme: Die sich entwickelnde Sprache stellt dank
der Konspiration Weltzusammenhänge her, in denen sich ganz immer Sinne
Wittgensteins eine Bedeutung durch ihren Gebrauch erklärt.
Schon mit den Erzählungen stellt sich eine Bifurkation
ein, die nicht nur in der Lage ist, einen Aufschub zustande zu bringen: die
Pest auf Abstand zu halten oder den Zeitpunkt der Hinrichtung zu verzögern,
sondern die ganz andere Systemsprünge zu befördern vermag, wenn es keinen
Notausgang mehr gibt. Wenn alle Türen zu und vernagelt scheinen, wenn einem das
Wasser schon bis zum Hals steht – zaubert ein Witz, eine Pointe, eine
nebensächliche, lächerlich einfache aber plausible Bemerkung die Wände weg.
Vielleicht steht danach noch die eine oder andere überflüssig gewordene Tür als
windschiefe Mahnung im Leeren. Es geschieht etwas, mit dem niemand gerechnet
hat, die Mauern zerbrechen, die Fallen versagen – auf einmal schließen einfachste
Lebensvollzüge ihren ganz besonderen Sinn auf, der Moment erfährt eine sinnliche
Fülle und kräftigende Intensität, die an Wahrheitsgehalt mehr über den inneren
Zusammenhalt der Welt transportieren, als die von aller Körperlichkeit
abstrahierende Wahrheit. Wenn wir in die Enge getrieben werden, wenn uns der
Boden unter den Füßen weggezogen werden soll, müssen wir kapieren, dass wir
Davongekommene sind, die eine derartige Wut auslösen, weil sich intrigante
Kindergartenspiele plötzlich einer ungreifbaren Macht gegenüber fühlen.
Vielleicht ist die Erfahrung, eine Vernichtung durchlaufen und doch überstanden
zu haben der Startblock, um das Leben in seinen kleinsten Äußerungen schätzen
zu lernen. Was ist das Glück anderes! Wir mussten Intriganten in einer
nicht-identifikatorischen Haltung gewähren lassen, bis das Signifikantennetz eine
Entscheidung herbeiführte. Die ganze Mühe um Eindeutigkeit und
Widerspruchsfreiheit ist ein Resultat der Angstbewältigung. Wer dieser
Strategie gehorcht, wird sehr schnell daran arbeiten, die Legitimität der Angst
abzusegnen. Dabei ist das Leben ein Resultat von Unwahrscheinlichkeiten, der in
alle Richtungen offene Horizont ein Ergebnis unkontrollierbarer Lernsprünge,
das uns mögliche Glück vor allem eines des Unvorhergesehenen. Die Energie und
die Bedeutsamkeit, die ein gemeinsames Leben tragen, resultieren aus der
Fähigkeit, Widersprüche auszuhalten: Die dafür nötige Kraft steckt in den
aufzusprengenden Blockaden!
Die
Wechselbeziehungen von ‚Eigenzeit‘, Musik und Selbsterfahrung kreisen das Thema
‚Eigenarbeit‘ ein. Eine inspirierte Philosophie sollte uns, wenn ich einer
Anregung Agambens folge, wieder mit unserer
Rätselhaftigkeit konfrontieren und neue Expeditionen ins Ungewordene
und Unerkannte ermöglichen. Die Philosophie hat laut Bohrer unveränderliche Wahrheiten behauptet, indem
bereits ihre Prämissen Zeitlichkeit und Tod ausgegrenzt haben, indem das
‚Jetzt‘ zum Verschwinden gebracht wurde. Der subjektive Faktor jeglichen
Bewusstseins von Zeitlichkeit wurde durch den objektiven Faktor einer
Zeitdimension jenseits dieser Subjektivität ersetzt. Dabei ist die Trennung von
Subjekt und Objekt lediglich das Resultat festgefahrener Gedankenexperimente.
Dagegen haben die den technischen Entwicklungen des letzten Jahrhunderts
folgenden Theorien längst zu verschiedenen Ansätzen von Wechselwirkungen und
Interferenzen geführt. Wenn wir in der Lage sind, uns auf die lebendigen
Kräften der subjektiven Erfahrung einzulassen und uns dabei in der Kunst der
Selbstdistanzierung üben, kommen hin und wieder Rätsel zustande, mit denen es
sich sehr gut arbeiten lässt. Das Glück des Unvorhergesehenen transportiert die
Chance, mehr und anderes zu finden oder zu erfahren, als dies unsere
Erwartungsmuster und die dahinter arbeitende Komplexitätsreduktion erlauben.
Mit Foucault gibt es Momente im Leben, in denen die Frage, ob man anders denken
kann als gewohnt, anders wahrnehmen, unabdingbar ist, um überhaupt beobachten
und denken zu können. Die kritische Arbeit des Denkens ist eine am Denken
selbst: Herauszufinden, wie und bis wohin es möglich ist, anders zu denken,
statt nur das zu affirmieren, was bereits bekannt ist. Die
Menschheitsentwicklung verdankt sich einer Reihe von Katastrophen, doch das aus
dem Geist der Institutionalisierung für den Konservativismus plädierende
Argument, nach Katastrophen hätten Restaurationen und Rekonstruktionen einen
Vorrang der Dringlichkeit, zieht erst ab dem Status einer erlittenen und nicht
ausgehaltenen Saturiertheit, die durch Kriegsbegeisterung und nationalen
Größenwahn gründlich verspielt worden ist. Tatsächlich gibt es keinen Grund für
eine Weiterentwicklung, wenn alles stimmig und in sich gerundet ist, erst recht
keinen, wenn die Angst vor Veränderungen das Realitätsprinzip prägt, wenn jeder
Sprung ins Neue und Ungewohnte dem Tabu untersteht. Wenn die aktuelle
Problematik kompletter menschheitsgeschichtlicher Fehlentwicklungen in Angriff
genommen werden will, müssen wir von einer Homöostase des Elends der
Wiederholung zu einer des Glückens des Unvorhergesehenen voran kommen. Der
Erlösungsgedanke, der einmal mit dem der Ewigkeit verbunden war, hat sich
unerkannt in die gesteigerte Erwartung eines unendlichen Wachstums
transformiert – selbst die Alternative einer erfüllten Gegenwart partizipiert
am Prinzip Steigerung und Beschleunigung. Doch die Erlösung von den Übeln oder
zumindest von einem auf Dauer unbefriedigten Begehren wird ganz sicher nicht
mit dem Ehrgeiz eingelöst, aus vorhandenen Systemressourcen mehr herauszuholen.
Im Umfeld fremdbestimmter Techniken der Alltagsbewältigung bringt das Kaizen mit der formelhafte Vorsatzbildung ‚Tag-für-Tag-ein-wenig-besser‘
auf einen Nenner, wie wir uns optimal auszureizen haben, weil wir einem fremden
Ziel unterstehen, uns also dauernd im Vergleich befinden. Vom Weg, der einen
Sinn freisetzt, ist bei dieser Selbstoptimierung schnell nicht mehr die Rede, nur
noch vom wirtschaftlichen Erfolg eines Systems, in dem wir zur austauschbaren
Variablen verkommen. In gesellschaftlichen Zusammenhängen der Lernresistenz
dank neurolinguistischer Programmierung und autoreflexiver Simulation ist die
Selbstdistanzierung als Instrument des Verzichts zu empfehlen, denn mit dem
Grad der Entfremdung steigt das Lernvermögen. Verzichten wir auf die Einlösung
politischer und ökonomischer Heilsbotschaften, die den Zauber uralter
Initiationsriten bemühen, wenn sie versprechen, man müsse sich und sein altes
Leben nur wegwerfen, um sich in ihren Zusammenhängen neu zu gewinnen.
Verzichten wir dank der Selbstdistanzierung auf all das, was wir als
Lebenssinnersatz brauchen sollen, um von einem zum nächsten zu hasten, ohne im
Haben je einen Sinn zu finden. Die Verunsicherung des modernen Menschen, wie
die Sinnentleerung seiner Welt, entspringen nicht der Aufkündigung der
propagierten kulturellen Werte, sondern sie sind ein Resultat der Erfahrung,
nur mit Talmisicherheiten, falschen Versprechungen und Pseudoalternativen
stillgestellt worden zu sein. Es entspricht den Direktiven einer Mikropolitik
der Macht, wenn in den Zusammenhängen pluraler Werte
und Ideologien über die Zersplitterung der äußeren Wirklichkeit geklagt wird,
die mit der Fragmentierung einer inneren Erfahrung einher gehe. Die Menschen
sollen den festen Charakter vermissen, sich nach Autoritäten und einem
unverrückbaren Weltbild sehnen – dass damit dem Populismus und narzisstischen
Priestern der Verlogenheit das Terrain bereitet wurde, hat die Neokonservative
bis heute nicht kapiert. Tatsächlich lassen sich Formen der Selbstoptimierung
wesentlich besser im Sinne einer Lustpolitik forcieren, die gegen
Selbstverblödung und Selbstausbeutung gerichtet ist. Jeder dem Vergleich gehorchende,
rivalisierende Antrieb zweigt biographische Energien notgedrungen für den
gesellschaftlichen Motor des rasenden Stillstands ab. Dieses schwachsinnige,
ökologisch selbstmörderische und oft genug wirtschaftskriminelle
System erhält sich durch genau jene Energien am Laufen, die wir für Lustpolitik
und Eigenarbeit freisetzen sollten, um aus der beschränkten Zeit und den
biographischen Offenheiten jenen Sinn zu entwickeln,
der uns mit der Endlichkeit eines einmaligen Lebens versöhnt. Während der
realen Arbeit am Verhältnis der Geschlechter machen wir die Erfahrung, dass
nichts wirklich planbar ist, dass die Entwicklung in Sprüngen und im Kreis
verläuft, dass kein Fortschritt wirklich fort führt und keine Katastrophe das
Ende bedeutet. Je besser diese Lernerfolge greifen, je einfacher wird es, sich
nicht mehr mit anderen zu relativieren. Jede befriedigende Körpererfahrung
überbrückt Abstände und Grenzen, die als gesellschaftlich geworden oder
gottgegeben reklamiert wurden. Es braucht
Geduld und tägliche Übung: Ab einer gewissen Intensität der Wiederholung
erscheint es jedes Mal wieder neu und einzigartig, mit der Zeit steigern Zauber
und Unvorstellbarkeiten sogar das Glück des
Unvorhergesehenen! In einer Zeit, in der konfliktuelle Verführungen
und Zwiste einfach an uns vorbei gingen, ihnen fehlte der Resonanzraum, weil
wir Tag für Tag befriedigt waren, begann die Kategorie des Unvorhergesehenen
wirklich fruchtbar zu werden. Wenn nur der Weg
zählt, Schritt für Schritt, wird hin und wieder das Wunder einer Unvorstellbarkeit erreicht, das tatsächlich die
Wiederholungszwänge eines zurückliegenden Elends abarbeitet. Dieses
pragmatische Glück wurzelt in ganz real erfahrenen Transzendierungen der
Wirklichkeit! Mit den gemeinsamen Rhythmen erreichen wir hin und wieder ein
Level, auf dem der andere Körper erfahren wird, als sei er der eigene Körper.
Der Sprung in die Unendlichkeit findet dort statt, wo die Entladung verzögert
und der Reiz erhöht werden, wo energetische Erfahrungen die Selbstwahrnehmung
auf ein Niveau katapultieren, von dem der Körper plötzlich weiß: Das-ist-es,
während das Bewusstsein nur staunt und verglüht. Die einzige bleibende
Fraglichkeit ist unser Unvermögen, das Geschehen zu reproduzieren – die Präsenz
geht ganz schnell wieder verloren. Was gerade noch in einer überbordenden
Intensität bestanden hat, kann nur mit der nötigen Geduld bei einer der
nächsten erfolgreichen Übung neu erfahren werden.
Auch im
Zeitalter der digitalen Reproduzierbarkeit gibt es ein biologisches Faktum, das
bis in die differenziertesten Strukturen des Bewusstseins reicht und den Beweis
für die Nichtreproduzierbarkeit der Präsenz erbringt. Wenn es wirklich gut war,
geht es nicht noch einmal so, wie es war – wenn es geht, ist es immer wieder
unfassbar erstaunlich... Die Liebe ist eine Form des Spiels, bei der der
Einsatz das ganze Leben betrifft: Wenn es eine/n erfasst, ergreift es uns noch
einmal wie am ersten Tag der Schöpfung! Weil entscheidende Einsichten reifen,
wenn die nötige Sättigung eines Mediums erreicht ist und gewisse Prozesse
starten, wenn das richtige Gefälle vorbereitet wurde, beginnen dem
willkürlichen Zugriff entzogene Gesetzmäßigkeiten der Bedeutsamkeit für einen
zu arbeiten. Der entscheidende Sprung im Signifikantennetz ist erreicht, wenn
nicht etwa nichts getan, sondern alle Kraft und Einsicht dem Nicht-Tun gewidmet
wird. Wenn wir für die Verführungen der Mimesis nicht mehr erreichbar sind und
auf keine fehlerhafte Identifikation mehr reinfallen, stellen sich auf einmal
glückliche Lösungen ein, an die niemand gedacht hat. Sogenannte Zufälle sorgen
plötzlich für Entscheidungen, die derart überraschend sind, dass ständig um
Anschlüsse und Einflüsse bemühte Krüppelzüchter nicht mehr mithalten können.
Eigenarbeit und
Eigenzeit
Erst durch die Aneignung sozial vorgegebener Muster der Selbstregulierung
bildet sich ein menschliches Repertoire aus, wobei die Entwicklung individuell
ausgeprägter Persönlichkeitsstrukturen in der Regel durch minimale Abweichungen
von diesen Mustern zustande kommt. Sei es die Kompensation von Ausfällen oder
das Boostern von Sonderbegabungen, wir lernen über
den Umweg der Anderen mit unseren Anlagen umzugehen, durch Distanzleistungen
aber zu relativ autonomen Personen zu werden. Doch selbst so komplizierte Verfahrensordnungen
wie unsere Zeitbegriffe sind an materiellen, organischen Prozessen geworden:
Durch eine perpendikuläre Zeit als einfachste, durch taktile und akustische
Muster vermittelte Zeiterfahrung intrauteriner Kreisläufe oder deren
Überlagerung durch extrauterine psychosoziale Einflüsse auf den mütterlichen
Leib. Der Embryo erlebt gemächlich gleichförmige Phasen und solche, in denen
das Mutterschiff Stress und Angst überträgt, doch deren Wechsel wird in der
Reversibilität als elementarste Zeiterfahrung erfahren. wird Die Verabsolutierung
eines linearen Zeitablaufs stellt sich ein erstes Mal als Resultat der
irreversiblen Katastrophe des Geburtstraumas ein. Die Eindrücke der ersten neun
Monate prägen den Generalbass unserer Wahrnehmung von Strukturen des Raums und
Mustern der Zeit, gerade weil diese Gesetzmäßigkeiten unbewusst bleiben, doch
sie wandern als indexikalische Impulse der
Aufmerksamkeit in den Spracherwerb ein. Die Sprache als gesellschaftliche
Metainstitution und als Medium der Sozialisierung geht den notwendigen Lernprozessen
bereits immer voraus; sie transportiert Gesetzmäßigkeiten des Lernens und
gesellschaftliche Werte. Aber wie sich Sprache in jedem Leben in spezifischer
Form individualisiert, entsteht auch ein Repertoire an Auswegen und
Neuentdeckungen. Die Muster der Eigenzeit unterlaufen dank eines Übermaßes an
Erwartungen und eigenwilligen Selektionen die vorgegebene Botschaft;
existenzielle Erfahrungen decken den Widerspruch auf, der daraus resultiert,
dass alles als eigen Empfundene erst einmal von außen herrührt, Resultat einer
Selbstimmunisierung ist. Aus diesem Grund sind wir schon immer in Geschichten
verstrickt, die viel älter sind als unser kurzes Leben. Wir hangeln uns von
Interpretation zu Interpretation durch die Welt, die nie nur eine Geschichte
ist. Selbst die schnelle audiovisuelle Aneignung von Wirklichkeiten, ihre
Umsetzung in Medienrealitäten, ändert nichts an der Tatsache, dass wir anhand
der Resultate von Interpretationen Halt und Sicherheit suchen. Die Herstellung
einer absoluten Immanenz in der alles gleich nah und zur gleichen Zeit erfahren
werden kann, mag eine traditionelle Raumorientierung zu Gunsten einer Achse der
Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen zurückdrängen. Dennoch ist die
Subversion einer in Pseudoalternativen verhärteten Gegenwart immer wieder neu
gefragt: Was uns als aktuelle Wahrheit präsentiert wird, muss in unerwarteten
Formen der Präsenz verflüssigt werden. Erst wenn die Zeit keine Rolle mehr
spielt, sind wir im Hier und Jetzt präsent, entdecken im Augenblick eine
informatorische Allgegenwart, haben damit das Problem der Strukturierung und Auswertung
jener Datenflut zu lösen, indem Eigeninteresse und Bedürfnis sie erden. Ein entsprechendes Supplement zielen Suchmaschinen
im Internet an, mit denen heute Wissensweisen und Einsichten in einem Maß zur
Verfügung stehen, wie dies zu Zeiten des langsamen, verbalen und schriftlichen
Wissensmanagements in der Gutenberggalaxis nur schwer vorstellbar war. Ein
Zugang, der im Nachhinein über die Vorgaben bestimmt und diese modifiziert, ist
für die Wissenschaft das erste Mal mit der verzögerten Entscheidung der
Quantentheorie aufgetaucht. Auf einmal wurde die Zeit nicht mehr unabhängig vom
Wahrgenommen-Werden vorgestellt, das sich in ihr ereignet – tatsächlich ist es
möglich zu entscheiden, welchen Weg ein Photon durch die Lochmaske nimmt,
nachdem es die Maske bereits hinter sich hat. Die Vorstellung einer linear
verlaufenden Zeit, die unabhängig von dem ist, was sich in ihr ereignet, hat
sich nicht nur in der Mikrophysik erledigt. Mit der Erfahrung der Supplementarität untersteht das Denken und Erfahren ganz
ähnlichen Prozessen. Der nachträgliche Effekt eines Geschehens entscheidet über
seine Wirklichkeit. Von allen evolutionären Überlebenstricks des Menschen, sei
die wichtigste die Fähigkeit, Zukunftsformen von Verben zu benutzen, betont G.
Steiner. Unser Leben hänge von unserer Fähigkeit ab, Hoffnungen zu artikulieren,
den Zeitstufen des Futurs unsere Erwartungen, unseren Veränderungswillen
anzuvertrauen – in einem von Fortschritt bis Erlösung reichenden Spektrum. Für
ihn erzeugt Sprache erst unsere Zukunft, sie ist zugleich Bote aus der Zukunft
– doch der aktuelle Status des Gewesenseinwerdens hat
viel weitergehende Konsequenzen. Wenn eine uns angehende Wahrheit aus der
Zukunft auf uns zu kommt, erspart dies jene vertrocknete Spezialisierung, mit
der das Wissen von jeder für den Alltag anwendbaren Erfahrung abgekoppelt wird.
Wir müssen nicht mehr tagelang nach einem Zitat suchen, das uns in der
Vergangenheit wie ein Raubtier angesprungen hat, um es im richtigen Kontext zu
domestizieren, während uns die Welt außerhalb der Texte immer fremder wird.
Nachdem es heute nicht mehr nötig ist, das Gedächtnis mit unnützem Ballast zu
überfrachten, kann ein waches Interesse sowie die am Umgang mit universalisierten Medien fundierte Allgemeinbildung für das
nötige systematische Gespür sorgen. Wissen ist nicht automatisch Macht, denn
welches Wissen taugt tatsächlich zu etwas, nachdem es vom Sicherheitsbedürfnis
um den Gebrauchswert reduziert wurde! Unsere Lebenszeit muss nicht in den
Urwäldern der Spezialbibliotheken auf der Strecke bleiben – aber es ist
wichtig, deren archiviertes Wissen in digitaler Form abrufbar zu haben. Wenn
uns das Zeitalter der KI etwas bringt, wird es zum
Üben dienen, Einsichten, die unseren Erwartungshorizont übersteigen, sind
Trainingsgeräte für geistige Spannkraft und Beweglichkeit. Die Vorbehalte der
großen Institutionen, die KI erhöhe das Risiko einer
Auslöschung der Menschheit, beruhen auf dem impliziten
Wissen um die eigene Rücksichtslosigkeit und Inhumanität beim Durchsetzen von
Machtansprüchen. Also sollten wir mit der KI die
Prinzipien einer anarchistischen Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie
trainieren. Jedes komplexe Wesen wird von einer Pluralität von Zeiten
konstituiert, die aufeinander subtil und vielfältig einwirken. Wer sich in den
jeweiligen Zusammenhängen einredet, selbst zu denken, gehorcht einer Form der
Angstbewältigung. Tatsächlich sind wir erst einmal Transmitter und Konverter,
die aktuellen Bilder und Redegirlanden denken für uns, wir dienen ihnen als
Vehikel; erst ab einer gewissen Kapazität beginnen sie sich an unseren Mühen zu
personalisieren. Es ist also keine Besonderheit oder Auszeichnung, für
Stimmungen offen zu sein, denn wirkliche Erweiterungen unserer Möglichkeiten
resultieren vor allem aus einem Gespür für die zu erwartenden Aufgaben, für
daran zu trainierende Fähigkeiten. Erst wenn wir uns mit der nötigen
Durchlässigkeit auf ein Repertoire einlassen, kommen wir in die Lage, uns
ergreifen zu lassen. Wir beginnen ein Geschehen zu erkunden, indem wir
ununterscheidbar in die Gesetzmäßigkeiten eines Weltausschnitts eingehen, wenn
wir als dessen Medium in der Lage sind, die Besiedelung der Erwartungsmuster zu
regulieren, Kleinigkeiten und Perspektiven zu modifizieren, bis mit der Arbeit
an den Besetzungen schon einzelne Details ganz anderes bedeuten. Wir sind, was
wir gewesen sein werden, und nur da, wo eine Übersetzung in symbolische Formen
möglich ist, gibt es Auswege und eine lebendige Zukunft. Für Kamper transportiert
das Symbolische vor- und transindividuelle Momente der Sprache, die eben nicht
auf Information und Kommunikation zu reduzieren sind. Doch für das Privileg
dieser Erfahrung symbolischer Übertragungen wird uns das Einverständnis
abverlangt, das Verstummen, das Sinnlose der Tatsache des Todes zu akzeptieren.
Ansonsten greifen jene Verführungen der Mimesis, die schon immer auf jenem
identifikatorischen Versprechen beruhen, das Nichts in Schach und draußen zu
halten. Gerade der Zwang, ein in sich abgeschlossenes Subjekt zu sein, dient
der Nachahmung als Anschlusswert an jene Zeit der bösen Wünsche, die nicht
einfach in einem anderen Weltalter hinter uns liegt, deren Motor die Angst
antreibt. Oft trieft ein ganzer Kontext vor Neid und Missgunst, oft sind
Lebensangst und schlechtes Gewissen die Ventile einer Figuration, in der wir
uns verstricken sollen. Eben diese Formen der Ausgeliefertheit und der
magischen Erregungsabfuhr greifen auf das in den frühkindlichen Abhängigkeiten
erworbene Repertoire von Verhaltensformen und Empfindungsweisen zurück. Neurose
ist Institutionsminiatur, die großen Institutionen der Menschheit sind nach dem
Vorbild der Religion generalisierte Neurosen, die Parapsychotikern als
Schutzschirm dienen. Wie früher die Religion, bestimmen heute die Medien unsere
Zugänge zur Wirklichkeit der Erscheinungen, die nicht erst jenseits der Medien
wirklich wird, sondern deren Wirklichkeit die der Medien ist. Gerade weil die
Realität nicht unabhängig von den biographischen und gesellschaftlichen
Erfahrungen besteht, sondern immer erst produziert wird, funktionieren die
Wirkungsweisen der Macht nach einem einfachen Schema, das in den Großinstitutionen
von der Kirche über das Militär bis zur Wissenschaft perfekt ausgearbeitet
worden ist: Wer die Angstbewältigung ankurbelt, benützt uns als Verbündeten
gegen uns!
Jede Kultur
resultiert aus einer mehr oder weniger virulenten Interferenz der Zeiten, aus
einem Durchschuss des präsentischen Bewusstseins mit zumeist unbewussten
Wiederholungen. Schon bei Benjamin wurde jene seltsame Dialektik ausgearbeitet,
nach deren Gesetzmäßigkeit sich im Allerneusten das Archaische wiederholt. Die
Analysen im Kontext des Passagenwerks kennzeichnen das Verhältnis aus Kapitalismus
und Konsumismus als Religion durch das Paradox, mit
der Regression den Fortschritt anzutreiben. In den geschichtsphilosophischen
Thesen wird die verzwergte Theologie zur geheimen Steuerung des historischen
Materialismus. In diesen Zusammenhängen ist der Ausdruck Achsenzeit
wiederzuentdecken: Kultur als Strom zu interpretieren, der alles Mögliche aus
den Gegenden, die er durchquert, mitnimmt, abschleift und zu neuen Formen
transformiert. Mag Jaspers Historisierung seit Jahren Korrekturen erfahren, so
ist auf jeden Fall wichtig, dass das Zusammentreffen der verschiedensten
Traditionen in einer Schwellenzeit ab einer gewissen Sättigung des Mediums zu
Sprüngen in den althergebrachten Gewissheiten oder den biographischen
Selbsterlebensbeschreibungen führt. Die Schwellen der Digitalisierung
funktionieren mangels materieller Reibungsverluste in besonderer Weise
synkretistisch. Die Erfahrung einer Zeit, deren galoppierender Charakter
verhindert, ihre Wahrheit zu erfassen, ist der Erfahrung entgegenzusetzen, dass
diese Wahrheit aus der Zukunft auf uns zu kommt. Nicht nur nachträglich weiß
man/frau immer alles besser; wir leben gleichzeitig in der Vergangenheit der
Zukunft wie in der Zukunft der Vergangenheit – die Gewichtung hängt vom
Stresslevel ab, das wir auszuhalten in der Lage sind, bis die psychischen Besetzungen
für einen bifurkativen Sprung gesorgt haben werden.
Weil die Geschichte der Religionen, der Phantasmen und Mythen als Vorgeschichte
und Tiefenstruktur der heutigen technischen Entwicklungen zu rekonstruieren
ist, führt die gegenwärtige Remythologisierung der
Technik zu neuen Spielformen religiöser Energien. In den noch nicht der
institutionellen Reinigung und Sublimierung unterworfenen Ursprüngen ist das
Religiöse und Mythologische immer synkretistisch, ein Patchwork ohne
theologische Strenge und ohne hierarchische Absicherung. Als Schema für das
Flottierende und Hybride, Ephemere und Metamorphotische,
prägt es die Globalisierung und Multikulturalität des Netzes.
Die Zunahme
des menschlichen Wissens wird von der Erfahrung begleitet, nach der die damit
verbundenen Bereiche des Nichtwissens wesentlich schneller anwachsen, als die
Gewissheit, auf der wir für den historischen Augenblick ausruhen wollen. Das
könnte immerhin erneut zur Kultivierung jener Weisheit führen, nach der unser
Wissen nur der Armatur unserer Sinne hinterher hinkt und zu wenig Wahrheit
transportiert. Über Jahrtausende wussten verschiedene Theologien und ihre
Schwundstufen an dieser Einsicht zu schmarotzen, um die Machtausübung durch
immer kompliziertere Konstrukte zu rechtfertigen, die
die Materialität unserer Weltwahrnehmung transzendieren. Dabei beruht diese
Materialität auf den Armaturen der Sinne, auf den Repertoires, den
komprimierten Archiven, die ihre Funktionen geprägt haben. Nur deshalb ist ein
Maximum der uns zugänglichen Wahrheiten aus der Nähe zur Wirkungsmächtigkeit
eines Nichts aufzuschlüsseln, das als Ursprung aller Symbolsysteme der
Selbstermächtigung der menschlichen Fantasie zugrunde liegt. Der Reiz
literarischer Intensitäten des Wissens liefert oft mehr als nur Schwundstufen
der ursprünglichen Fiktion von Substanz. In den Randgängen der Signifikanten,
den unterschwelligen biomagnetischen Feldern, in den unwillkürlichen
Erinnerungen, den Irrgängen einer Metaphorologie usw.
gibt es verschiedene Verweisungszusammenhänge, die über die selbst geschaffenen
Gefängnisse des institutionalisierten Wissens hinaus führen.
Die
Welt erfahren wir mit allen Sinnen, wenn die Erwartungsmuster und die Summe der
Kenntnisse, die zu ihnen passen, nicht unter einer Kanonade von Phrasen unwichtig
geworden sind. Ansonsten müssen erst Schockerfahrungen
jenes dichte Gewebe aus Lebenslüge, Trägheit und Verleugnung aufsprengen; weil
sich die lineare Zeiterfahrung als Resultat eines Schocks einstellte, macht
sich das Andere der durch Konvention und Unredlichkeit hergestellten
Wirklichkeit erst unter dem Einfluss der Katastrophe bemerkbar. Freud hat nicht
nur herausgearbeitet, welche Verdrängungskünstler durch die Orientierung an der
Normalität entstehen. Er hat mit der Kategorie des Widerstands auch gezeigt,
dass der Ich sich nur durch die dauernde Verweigerung einer unzensierten
Selbsterkenntnis aushält, Selbstdementierung und trickreiche Verheimlichung der
eigenen Motive sind am statistischen Durchschnitt ausgerichtet. Eine
Hermeneutik der Selbsterkenntnis müsste die Geschichte der Erzählungen über das
Selbst gegen die Widerstände des Ich aufschlüsseln. Was einst unter
emanzipatorischen Voraussetzungen Erfolg versprechen sollte, ist mit der
Wissenschaft des Bewusstseins zu einem Repertoire konkurrierender Diskurse
geworden. Aber gerade weil alle Wahrnehmung, Erfahrung, Erwartung und
Entscheidung auf enormen Komplexitätsreduktionen beruht, wird nachvollziehbar,
warum die Bedeutsamkeit gewisser Zusammenhänge immer auf Spuren verweist, die
die Wirkungen des Subliminalen für viele unserer Entscheidungen aufdecken. Wir
sollten also der Verführung durch empfohlene oder naheliegende Vereinfachungen
ausweichen, nicht ständig nach den Kurzformen, den Schematismen und Logos suchen. Statt der für die Prägungsmuster
der Normalität üblichen Komplexitätsreduktion ist den Anregungen Kampers
folgend die Komplexität durch materielle Nähe zu steigern, durch geschulte
Wahrnehmungen und intensive sinnliche Vernetzungen, durch psychedelische
Erfahrungen umzuformatieren. Wenn wir nur das zu sehen in der Lage sind, was
uns eingetrichtert worden ist, haben wir nicht nur das Leben verpasst, wir werden
viel zu bereitwillig einwilligen, wenn über uns verfügt wird. Tatsächlich hat
das Selbst im Status der Inkommensurabilität keine eigene Sprache, entweder es
lernt nach und nach, sich geschickt in fruchtbare Zusammenhänge
einzuschleichen, um alles Brauchbare zu verwenden und damit das durch Sprache
vorgegebene Repertoire zu individualisieren und zu bereichern. Oder, wenn dies
misslingt oder von vornherein nicht angestrebt war, kommt mit den haltgebenden
Klischees und Vorbildern auf die Dauer ein nachgemachter Mensch zustande,
dessen Sicherheit nur geliehen ist. Die Sprache wie die das ursprüngliche Repertoire
liefernden Mythen wollen individualisiert werden, erst dann sind sie in der
Lage, uns für den Wandel der Zeit fit zu machen. Solange sie allerdings die
strategische Begeisterung Sorels zu füttern, der
politischen Mobilisierung der Massen zu dienen, wird eben diese Individualisierung
verpasst, während dessen Mythoskonzeption jeden
Wahrheitsbezug ausschließt. Der Mythos wirkt wie eine Maschine, die die
unbewussten Energien des Menschen bündelt und in immer neuen Kombinationen
vervielfältigt. Seine Bedeutung resultiert aus der Verankerung der Motivation
und des Sicherheitsbedürfnisses von Individuen und Gruppen in den
Tiefenschichten der menschlichen Geschichte. Doch solch ein Abaissement du niveau mentale befördert nur die Regression – schon deshalb
war dem Erbe des Faschismus eine weitverbreitete Skepsis gegenüber
Massenbewegungen zu verdanken. Dagegen weisen die großen mythischen Figuren mit
den Erzählungen zur Welteroberung und Kulturstiftung auf ein Repertoire von Handlungen
hin, mit dem immer wieder neu die Zukunft in Angriff zu nehmen ist. Im Fortgang
der Zeit gingen diese Heroen an den freigesetzten Wissensweisen, an der durch
Abstraktion und Generalisierung bedingten Stumpfheit und Empfindungsunfähigkeit
zugrunde. Was aber nicht heißt, damit seien sie einfach verschwunden, denn
kitschige Miniaturen tauchten regelmäßig als Begleitfiguren der
Gesetzmäßigkeiten einer Partitur, der Strukturen eines Romans, den Spielereien
eines Bastlers oder den Zwängen einer Neurose auf. Mittlerweile haben Film und
Fernsehen als latente Sozialtechnologien der Regressionsresistenz ein neues
Terrain bereitet; die Begeisterung kann zur Sentimentalität verzwergt ausagiert
werden, Aggressivität oder kullernde Tränen sind in einem Urlaub vom rationalen
Alltag gestattet, solange das Feuerwerk im Medium des Unernstes abbrennt. Mit
zunehmender Digitalisierung besetzen immer mehr mythische Gehalte multimediale
Felder, um ihre Verjüngung im Status des Als-Ob zu feiern. Der personalisierte
Zukunftsbezug und das Prinzip Hoffnung leben von der Erinnerung an vergangene
Entwicklungsstadien; gerade dieses Als-Ob garantiert eine Selbstimmunisierung,
mühsam erreichte Fortschritte unterstehen zur Erholung der Regression, weil
unser Zukunftsbezug ansonsten zerstört würde. Zugleich entsteht damit aber ein
Potential an Überdruss, das gegen Verwaltungsbezüge und Als-Obs
gerichtet ist. Ein nachvollziehbarer Wahrheitswert, der zugleich die Gefahr mit
sich bringt, mit dem Bedürfnis nach Intensität und Echtheit wieder bei
faschistischen Entfesselungskünstlern zu landen, gegen die tatsächlich nur
echte Erfahrungen immunisieren.
Mit der Erfahrung einer Fülle des Wirklichen – die
sich einstellte, als wir von allen Ressourcen abgeschnitten waren und für die
einfachsten Dinge wieder ganz von vorne beginnen mussten – begannen wir zu akzeptieren,
dass unsere Aufmerksamkeit bisher nur für einen bedingten, kleinen Ausschnitt
ausreichte. Wir mussten uns gegen den Schwachsinn eines
Man-erkennt-nur-was-man-kennt auf all das einlassen, was wir angeblich nicht
wissen können. Die Präsenz der subliminalen Wahrnehmungen, der nicht bewussten
psychischen Aktivitäten, des Denkens, das außerhalb unserer Köpfe abläuft,
gestaltet die Verbundenheit des Menschen mit der Welt viel enger, als es die
Theoretiker des Ich-denke wahrhaben können. Diese Intensitäten, das objektivierte
oder implizite Wissen, die ganze Bandbreite der Sinne, haben wir gewähren zu
lassen. Die Winke wollen vernommen, die Zeichen wollen gelesen werden. Dann
beginnen die Dinge zu und die Tiere mit einem zu sprechen; wer sich darauf einlässt,
erlebt die Materie als einen fortwährenden Informationsaustausch. Selbst in der
Verknüpfung der Zeiten prägen gewisse Botschaften unsere Gegenwart, die nicht
nur von der Vergangenheit getragen, sondern mit Einsichten aus einer fernen
Zukunft geimpft ist, die wir noch nicht wissen können. Im Anfang
gibt es nur das Hier, noch fast keinen Zeitbezug, während am Ende das Jetzt die Fülle des gelebten Lebens ist, während das Hier zum Punkt in einem unvorstellbar verzweigten
Verweisungszusammenhang geschrumpft sein wird. Gelegentlich mag es intensive Aufenthalte
im Jetzt in den Augenblicken der Ekstase geben, doch das instantane
Nunc ist ein Privileg der Traumzeit. Dem Entzug von
Präsenz entspricht die Verleihung von Bedeutungen an das schwindende
Geradeeben. Seltsamerweise konstituiert diese Dialektik von Entzug und Vollzug
die Reziprozität der symbolischen Ordnung, in der die Welt im Focus der
Bedeutsamkeit für uns verfasst ist.
Jede
Konzeption der Zeit entwirft eine Schematik, alle Messung der Zeit stellt immer
nur Bilder her, die einer enormen Komplexitätsreduktion unterstehen. Die
eigentliche Bewegung jenseits von Linie und Kreis verläuft in endlos sich
verzweigenden Wiederholungsschleifen, die niemals den gleichen Fluss
darstellen. Das Wechselspiel der Zeiten macht verschiedene Formen der
Zeiterfahrung aus, die sich nicht gegenseitig aus dem Feld schlagen. Die
vorherrschende Auffassung der letzten Jahrhunderte machte Zeit zum Gegenstand
der theoretischen Physik. Seit Galileis Versuchsanordnungen, die oft genug an
der Grenze des theoretischen Experiments angesiedelt waren, entstand eine
physikalische Zeitkonzeption, die die Selbstdistanzierung des Forschers und
einen technischen Ablauf voraussetzte. Schon bei Cusanus hatte sich eine
Konzeption verselbständigt, die viele Jahrtausende ephemer war, die sich nur
der Not verdankte – die lineare Zeit ist ursprünglich die des Todeslaufs, in
ihrer Unausweichlichkeit sitzt noch heute die Agonie. Ihr gegenüber gibt es
Zeiterfahrungen, die mit Ewigkeit gesättigt sind, der gelungene Augenblick
nicht weniger als die Wiederkehr des Gleichen. Wir haben die mythische Zeit der
Epik, die in mächtigen Bildern mit Erscheinungsformen des Göttlichen durchsetzt
ist, wie die gemächlich dahin fließenden Zeiten der Chronik, die noch immer
Wunder produziert, außerdem die Historie, deren Nutzen von ihren Nachteilen
aufgezehrt wird, weil sie das Wunderbare aus der Welt entfernt. Die Moderne war
weitgehend ein Resultat männlicher Erfahrung, planmäßiger Fortschritt ein Resultat der Reduzierung des
Realen auf mathematische Rationalität, einen Vektor in der Zeit, der zyklische
Rückgriffe und variierende Wiederholungen zunehmend ausschloss. Mit dem
Einfluss der industriellen Herstellung von Waren und Produkten verschwinden die
sinnproduzierenden Rituale immer mehr oder werden auf Feiertage und
Als-Ob-Erfahrungen reduziert, bis die Prosa einer grau gewordenen
Alltagserfahrung die Flucht in die Kriegsbegeisterung nahelegte. Während die
Materialschlachten eines ersten Weltkriegs jegliche menschenmögliche Erfahrung
verhöhnten, die verbliebenen Protagonisten verstummt aus dem Feld
zurückkehrten, wurde mit dem Zeitbegriff der Relativitätstheorie das
Unvorhersehbare gegenwärtig und die Synchronizität
thematisierbar. Mittlerweile gewinnt die zyklische Wiederkehr des Gleichen mit
der Kapazität moderner Rechner an Bedeutsamkeit. In ihr sprießen Koinzidenzen, das Simultane ist lediglich durch minimale
Unendlichkeiten von seinem Gegenüber getrennt. Dabei war diese blitzartig
aufleuchtende Unendlichkeit in der Zeitlosigkeit nicht aus der Welt
verschwunden, sondern nur mehr und mehr an den Rand gedrängt worden. In die
Zeit des Wunders, den Blitz einer Offenbarung, den mythischen Augenblick einer
großen Liebe, sind die Splitter einer unvordenklichen Zeit eingestreut, in der
Vergangenheit und Zukunft in einem unendlich vielfältigen Sinn kulminieren. Die
lineare Zeit macht den Herrschaftsbereich der kodifizierten Bedeutungen aus,
eben weil es Zeit braucht, um eine sinnliche Präsenz in Bedeutung zu
überführen, die das Verhältnis zwischen Mensch und Welt verbindlich
kodifiziert. Sie mündet in die Zeit des mechanischen Uhrwerks, das die Zeit in
Zeitpunkte zerhackt und die der Hemmung unterstehenden Momente auslesbar macht
– um den Preis, uns um die Erfahrbarkeit einer unendlich vielfältigen
Wirklichkeit zu betrügen. Wenn sich das Vergessen der Interpolationen in der
Messbarkeit vollendet, prägt der Tod die Münze der Bedeutung. Gestern war heute
noch morgen, wir glaubten unendlich viel Zeit zu haben – aber morgen ist heute
schon gestern. Die Jahre gehen unerbittlich und je schneller vorüber, je
weniger Neues und Unerwartetes auftaucht, wenn wir nicht im Hier und Jetzt den
schöpferischen Funken schlagen.
Das Glück des
Unvorhergesehenen hat Teil an jenen Intensitäten, die sich aus einer Unverfügbarkeit heraus ereignen. Jenseits der Rituale der
Angstbewältigung und der Gewalt macht uns die Selbstverschwendung, die Lust an
der Unverfügbarkeit, das Sicheinlassen
auf offene Horizonte, erst einmal fähig, unsere Zukunft zu individualisieren. Die Plötzlichkeit
als spontaner Einbruch anderer Seinsordnungen,
die Entgrenzung der
persönlichen Gewohnheitsmuster, untersteht keinem Wollen, sondern erwartet ein Gewährenlassen. Dies bringt die Chance mit sich, mehr und
anderes zu finden oder zu erfahren, als unsere Erwartungsmuster und die
dahinter arbeitende Komplexitätsreduktion erlauben. Eine von dieser Erfahrung
inspirierte Philosophie könnte Expeditionen ins Unerkannte ermöglichen, uns mit
unserer Rätselhaftigkeit konfrontieren. Wohin es führt, wenn wir für alle
möglichen Erfahrungen genau die Erklärung suchen, die unsere Ängste und Zwänge
bestätigt, zeigen uns Verschwörungstheoretiker bis zum peinlichen Fremdschämen.
Dabei stehen schon die einfachen Erklärungen im Dienste der Komplexitätsreduktion
und kleben den Registriert-Bon auf eine Wundersamkeit,
mit der wir uns nicht weiter zu beschäftigen haben. Wir sollten uns nicht um
unsere Eigenzeit betrügen, nur um den immergleichen
Schwachsinn in den verschiedensten Verpackungen zu begehren. Die Offenheit für
das uns umgebende Rätsel der Schöpfung benötigt keine Askese, denn mit den
geduldigen Übungen des Paars ist die Stillung des Begehrens gegen den Sog der
Bildwelten und den von ihnen ausgehenden Geilheitsdressuren leichter als durch
Verzichtleistungen zu erreichen: Die Liebe, deren Antrieb nach Simmel die
Ergründung des Geheimnisvollen der Individualität ist, erlöst uns von der Suche
nach dem Sinn eines Unternehmens, das uns mit dem Tod weitere Sorgen und Mühen
erspart. Die Arbeit an der während dieser Übungen freigesetzten inneren Leere,
die Verflüssigung verhärteter Gewohnheiten, die Relativierung jeglicher
Intention, erspart uns die Täuschung durch Trägheit, Glaube und
Indoktrinierung; wir kommen dem Geheimnis der Lebendigkeiten näher, ohne in der
Sackgasse der Frage zu landen, was wir damit anfangen können.
Mit diesem
produktiven Ansatz der nüchternen Beschränkung auf die Diesseitigkeit der
Lebendigkeiten sollte das Verhältnis körperlicher Zeichensysteme zu dem der
Zeichen des Geistes betrachtet werden. Es gibt Zeiten, in denen diese beiden
Systeme einander durchdringen und solche, in denen sie starr auseinander
gehalten werden. Deshalb kongruieren symbolische Repräsentationen der
menschlichen Wirklichkeit in einer technischen Welt wesentlich weniger mit der
Erforschung der spezifischen Gesetzmäßigkeiten und der in dieser Sphäre des
Menschlichen entstehenden Probleme, als mit dem was wir unter Natur verstehen
und durch biologische, physikalische und mathematische Modelle erklären. Noch
die Unterscheidung von Natur- und Geisteswissenschaften ist das Resultat einer
Trennung, die mit Elias das Kunstprodukt einer wissenschaftlichen
Fehlentwicklung ist: Ein Hindernis für die Weiterentwicklung der Orientierung
auf der Ebene des Wissens und der Integration spezifisch menschlicher
Eigenheiten; entsprechend beschränkt und unsicher ist das Wissen, mit dem wir
uns in dieser Sphäre zu orientieren versuchen. Die Kluft zwischen Innenwelt und
Außenwelt, die sich durch Erfahrungen der Entfremdung in die Subjekt-Objekt-Dichotomie
verlängert, führt dazu, die untrennbaren und komplementären Funktionen von
Mensch und Natur oder von Mensch zu Mensch auf zwei selbständige,
unüberbrückbar getrennte Sphären zu verteilen. Das Entweder-Oder von
Objektivität-Subjektivität ist eine Falle, die immer wieder neu als
Opferverhalten oder fehlerhafte Identifikation zuschnappt. Jenseits des Mythos
ist die Welt außen, das Wissen innen – aber Wissen und Kommunizieren setzen
eine Gesellschaft von Menschen und keinen isolierten Einzelnen voraus – das
epistemische Arbeitszeug, um mit der Komplexität intensiv vermittelter
Wechselverhältnisse umzugehen, liegt jenseits von Abstraktionen und der
Fixierung auf generalisierte, abgetrennte Relate. Doch es liegt vor, ist aber
selbst zu Zeiten des Internets und der Digitalisierung nicht in die Umgangs-
und Erfahrungsgewohnheiten eingegangen. Die Ablösung einer Tradition der
mündlichen Wissensübermittlung durch die schriftliche Fixierung eines Wissens,
das noch immer durch lautes Lesen vergegenwärtigt wurde, zum Buchdruck und
einer durch das leise Lesen eines sich aus der Gemeinschaft zurückziehenden
Lesenden, hat Jahrtausende gebraucht. Die Habitualisierung des durch den
Computer ermöglichten Wissenserwerbs mag sich Zeit nehmen, doch immerhin ist
eine von Peirce konzipierte relationale Semiotik nicht das einzige Instrument
einer Wissenskultur jenseits der Gutenberggalaxis. Bereits die Kennzeichnung
Außenwelt ist wie die eines Bereichs der Innerlichkeit wenig geeignet, um das
Verhältnis von Sprechergemeinschaft und individuellem Sprechen vorzustellen
oder das allgemeiner Begriffe zu deren individuellem Gebrauch. Das ‚Objekt‘ ist
also immer schon eine Funktion des jeweilig vorgegebenen sozialen
Wissensbestands – dabei geht es viel eher um die Gesetzmäßigkeiten des
Dazwischen. Der anhand der physikalischen Phänomene Newtons entwickelte
kategoriale Apparat, die ihm entsprechenden Formen einer mechanischen
Ursache-Wirkung-Kausalität, eignen sich eben nicht zur Erforschung der
Verknüpfung aller Integrationsformen unseres Universums, denn darüber hinaus
gibt es biologische, soziale und erfahrungsbezogene Integrationsebenen.
Notwendig ist tatsächlich eine Erfahrungs- und Wissenskonzeption, die andere
rationale Synthesetypen zulässt. Die Vortäuschung einer Spaltung der Wissensgebiete
funktioniert nur solange, wie weite Bereiche der menschlichen Erfahrung nicht
zur wirklichen Erkenntnis zugelassen werden – in diesen Zusammenhängen greift
Kampers Kritik, nach der der Versuch, die Welt durch Zeichensysteme zur Eindeutigkeit
zu zwingen und das Leben mit den Vorgaben der Anatomie von Toten zurechtzuschneiden,
dem Prinzip der Weltvernichtung folge. Dabei ist die Unterscheidung
verschiedener Zeichensysteme wesentlich erkenntnisfördernder, als die einfache
von vielen Prozessen abstrahierende Entgegensetzung von Körper und Geist – der
von Heraklit inspirierte Ansatz vorgegensätzlicher und vorkonfliktueller
Erkenntnis wird durch einen trirelationalen
Zeichenbegriff geradezu nahegelegt. Was sich im Prozess der Zivilisation
geändert hat, ist das System der Selbstregulation, die Funktion der
Zwischenglieder zwischen Reiz und Reaktion, die zunehmenden Puffer zwischen den
elementaren Impulsen und dem gelernten Muster ihrer Kontrolle und Zügelung. Sie
mögen in manchen Fällen der Reflexion, der kritischen Hinterfragung zugänglich
sein, aber in vielen Fällen wurde der zeitliche Lernprozess vergessen und das
Resultat, nach dem Vergessen des Vergessens, als natürliches Verhalten
empfunden. Dazu gehört vor allem das Unvermögen, sich über den tatsächlichen
Charakter der Zeit klar zu werden. Für Elias, der die Geschichte der Menschheit
als einen Prozess zunehmender Triebhemmung gekennzeichnet hat, ist die
Selbstregulierung eines zeitlichen Schematismus weder eine biologische Vorgabe der
Natur des Menschen, noch die eines metaphysischen Apriori, sondern ein
schlichtes Sozialisationsprodukt. Das jeweilige Zeitempfinden ist das Ergebnis
einer sich unter den zeitgeschichtlichen Vorgaben entwickelnden sozialen
Persönlichkeit, damit also der integrierenden Lernprozesse jedes Individuums.
Das vergebliche Bemühen um die Lösung eines im Grunde einfachen Verständnisses
der Zeitproblematik sei ein gutes Beispiel für die Folgen des Vergessens der
gesellschaftlichen Vergangenheit. Wenn Elias sie in der Erinnerung
vergegenwärtige, entdecke er sich selbst.
In diesen
Bereichen des Dazwischen haben wir es mit vermittelnden Zeichensystemen zu tun,
auch der warme und reaktionsfreudige Körper ist für die Wahrnehmung nichts
anderes als ein Zeichensystem. Das mag erklären, wie viel Geist ein Erröten
impliziert, wie viel Reflexion ein Stolpern beinhaltet: Wie Schneider in ‚Liebe
und Betrug‘ gezeigt hat, ist im Stottern und Anstoßen die Authentizität der
abendländischen Liebe zu Hause, während alle glatte und geschmierte
Selbstdarstellung schon dem Betrug zu unterstellen ist. Die Zeichen der Haut
unterscheiden sich von Tätowierungen, die ein Signal anstreben, dem die
Echtheit des physiologischen Zeichenprozesses fehlt. Immer dann, wenn
körperliche Kommunikation und sprachlicher Austausch in eine intensive
Wechselwirkung treten, nähern wir uns einer umfassenden Form von Kommunikation.
Dabei ist sogar einzuschränken, dass auch ein Schamane simuliert, aber eben nur
solange, bis ihn das Geschehen ergreift. Wenn eine/n die Besessenheit reitet,
ist die Heiligkeit und glühende Wirklichkeit des authentischen Augenblicks
erreicht. Das mag sehr weit von unseren Erfahrungsmustern entfernt liegen,
nachdem die institutionalisierten Religionen nur ein substantialisiertes
Heiliges zugelassen haben, doch es hat noch immer Teil an unserer Lebendigkeit.
Die privilegierten Augenblicke einer umfassenden Kommunikation, die uns mit
einer Gesamtheit des Bestehenden kurzschließt, sind das für die Erfahrung der
Normalität Ungreifbarste, weil von dieser die Extreme und der Überschwang
ausgeschlossen werden. Wenn die Kommunikation den Status des Heiligen streift,
klingen in ihr Kittlers ewige Schwingungen des Sinus. Aber selbst in den
biographischen Zusammenhängen des 21. Jahrhunderts kann die eine/n ergreifende
Erscheinung des Schönen eine Epiphanie des Göttlichen werden: Wenn das Feld des
Heiligen zugänglich wird, ist das Schöne nicht allein eine Erscheinung, an der
sich das Begehren entzündet, sondern eine Macht, die die Intensitäten des Lebens
stimuliert, die außerdem in der Lage ist, enorme Energien freizusetzen. Ob das
Schöne sinnliche Erscheinung der Idee genannt werden konnte oder nur im Auge
des Betrachter lag, Schönheit zu einem den Vollzug versprechenden Begehrten
wurde – in beiden, extrem auseinander liegenden Fällen landet der sinnliche
Impuls in der Amygdala, springt dann vom Gefühlskern
des Gehirns zum Hippocampus, um als Erlebnis
verarbeitet und zu Erinnerungen geformt zu werden – vor allem fördert es eine
umfassende Bejahung des Lebendigen mit den dazu gehörenden Widersprüchen und
Prüfungen, wenn es uns als Ereignis mit all seinen Erscheinungsformen ergreift.
Dagegen resultiert die Schönheit der Macht aus der Kompensation eines
persönlichen Unvermögens; sie geht von der Negation aus, stellt eine
Veranstaltung der Verleugnung, des Selbstbetrugs und der Unterwerfung dar.
Vielleicht möchte ein nachgemachter Mensch mit der Nähe zur Macht ein bisschen
von der Begehrlichkeit abbekommen, die die Präsenz des Körpers verbürgen kann,
solange die Empfänglichkeit nicht während der Sozialisation ausgebrannt worden
ist. Gegen die Schönheit als Promesse du Bonheur – und solange das Glück dann
auch nur für Augenblicke stillhält, sind wir sogar bereit dafür zu sterben –
steht die Eleganz der Kastraten. Das ist ein Resultat des bis ins Jenseits
aufgeschobenen Lustprinzips, hergestellt wird ein totes aber beherrschbares
Arrangement. Wenn hässliche Simulanten oder zu kurz gekommene Intrigantinnen
wirklich mit den Selbstinszenierungen der Macht zufrieden zu stellen wären,
wäre unser soziales Umfeld nicht durch deren neidende Strategien vergiftet
worden. Im Übrigen hätte es dann niemals das Skandalon des schönen Wilden
gegeben, der manche/n zum Deserteur machte – nicht weniger die Karrieren des
weiblichen Geschlechts, das sich den Zugang zur Macht erschlief,
um sie dann zu Zwecken zu gebrauchen, die von den ursprünglichen Machtkonstellationen
oft wenig übrig ließen. Die Aporien eines Zenon waren ein Höhepunkt der
griechischen Dialektik, niemandem gelang es, sie denkend zu widerlegen. Wir
wissen mittlerweile, wie einfach eine Widerlegung ohne den Umweg über
Russel/Whitehead möglich ist – durch körperhafte Präsenz und durch die
energetische Erfahrungswirklichkeit des Paars. Sie ist beileibe nicht als Reihe
von Zeitpunkten zu verstehen, wird je lebendiger, ergreifender, je mehr
Widersprüche und Fremdheiten unter Funkensprühen in
ihr zu integrieren sind. Das Maß und die Intensität liegen dann nicht mehr in
einer abstrakten Dauer, sondern in der unendlich stetigen Vertiefung der
Präsenz.
Der
Begriff Geschlechterspannung, den Heinrich in ‚anthropomorphe‘ als
gesellschaftliche Erscheinungsform der Zweigeschlechtlichkeit des Menschen
kennzeichnet, beschreibt das Medium zwischen einer biologistischen oder einer
soziosexuellen Fixierung auf starre Geschlechterrollen. Wir erfahren
Spannungen, die gleichermaßen zwischen den Geschlechtern wie zwischen den
frühkindlichen Identifikationsmustern beider Eltern auszutarieren sind – die
vor allem aber in der Sexualität zum Vorschein kommen. In der Regel muss ein
Individuum gerade deshalb darauf achten, seine sexuellen Konflikte zu
kaschieren; sowohl vor den anderen, wie vor sich selbst, müssen sie weitgehend
als überwunden oder nichtexistent behandelt werden. Die Spannung wird hinter
einer Rolle oder Maske verborgen, weil vor allem die Scham und die Kränkung zu
verleugnen sind, nicht beherrschen zu können, was eigentlich beherrscht werden
sollte – hinter dieser Frustration steckt die Erfahrung, im eigenen Leben nicht
das Sagen zu haben. Faktisch kann sich das Individuum erst als mit sich
identisch definieren, wenn es gelingt, sowohl die immanente wie die
zwischenmenschliche Spannung in einer Balance auszugleichen. Eine
Entschlüsselung des Rätsels der Geschlechterspannung liefert die Kochrezepte
für eine gemeinsame Lebenszeit! Gegen den Anspruch inzestuöser Abhängigkeiten
und dank der Erotik ins Runde einer Harmonie zu kommen – die die Organisationsform
kleinster Gemeinsamkeiten und größter Gegensätze ist, mit der tatsächlich erste
Erfahrungen der Authentizität zustande zu bringen sind. Die ‚postmetaphysische Reflexion‘ bringt eine
unterschwellige Entwicklungslinie auf den Nenner, die quer zur inhaltsleeren
Konvention und den konstruktivistischen Setzungen steht. Eine an den eigenen Erfahrungen wachsende Subjektivität
wird von der Achtsamkeit auf Gesetzmäßigkeiten des Leibes geprägt. Im Fortgang
seiner Selbstdichtung wächst der Leib in Zusammenhängen, die sprechender und
welthaltiger werden. In diesem Register bringen Liebende eine Verausgabung
zustande, die dem Organismus mindestens so zusetzt wie eine schwere körperliche
Arbeit: Gegen die Nichtigkeit des Aufenthalts in bloßen Vorstellungen gilt es,
das Brennglas der Bedeutsamkeit zu fokussieren; das Leben beginnt zu strahlen,
wenn es mit Präsenz geladen wird, während die Nichtigkeit und Nebensächlichkeit
eines Durchschnittslebens von einem abperlen. Kraft und Bedeutung sind in der
Regel auf verschiedenen Ebenen zu situieren. Die Kraft entspringt dem Realen
und befeuert das Imaginäre, dagegen werden Bedeutungen im Symbolischen
kodifiziert – doch in der indexikalisch auf die
Materialität der Welt zurückbezogenen Bedeutsamkeit haben wir eine Vereinigungsmenge,
die mit Gefühl und Ähnlichkeit unterfüttert wird. Allerdings sind diese
Zuordnungen immer ambivalent, am ehesten noch mit einer Extremwerttheorie
nachvollziehbar. Sie lassen sich nicht instrumentalisieren, auch wenn
dialektische Tricks sie der Manipulation unterstellen. Das erklärt am besten,
warum Energien entweder freigesetzt und verwendet oder aber abgebunden und
blockiert werden. Doch in extremen Situationen der Bedrohung und
Ausgeliefertheit gibt es einen Punkt des Umschlags, der Bedeutungen wieder in
tödliche Kräfte verwandelt. Jenseits narzisstischer Selbstdarstellungen und
verwalteter Geschwätzrituale gewinnt das Wort eine
Macht, die mindestens so gefährlich sein kann, wie die in den Netzwerken von
Bildungsbeamten zirkulierenden Verwünschungen.
Die
unabhängig von Idealen oder Abhängigkeiten verkörperte Geistesgegenwart im Hier
und Jetzt arbeitet an einer Technik der Selbsterfindung jenseits von Bildwelt
und Vorstellung. Gerade weil es nicht darum geht, sich den Anmutungen der
anderen anzubequemen, instrumentiert sie die Wahrnehmung des Kontextes. Statt
ein idealisiertes Selbstbild nach der über ihren Umweg entstandenen Erwartung
zu richten, wird diese Form der Vergegenwärtigung zur Kompetenz für Spuren und
Zeichen. Eine erkannte Tücke des Subjekts macht keine Rückkehr zur
Abwesenheitsdressur mehr nötig, die einer ursprünglichen Angst vor der Nähe und
damit vor der Anwesenheit in dieser Welt gehorcht. Gumbrechts
‚Lob des Sports‘ oder seine Ausführungen zur ‚Präsenz‘ legen nahe, warum gerade
die Beherrschung einer Technik und die souveräne Verfügung über die Regeln
jenen Raum aufschließen, in dem wir für Augenblicke nur noch im Hier und Jetzt
sind, versunken in einer fokussierten Intensität. Was wir besonders gut können,
können wir ohne Überlegung, es läuft wie von selbst. Dabei zeigt sich, wie
gerade die körperlichen Routinen, die fast reflexartig ausgeführten Vollzüge
dafür sorgen, in einer Präsenz zu landen. Und das geschieht eben nicht, wenn
wir von fremden Virulenzen erfasst werden oder uns
durch Bildwelten verführen lassen, sondern erst dann, wenn es gelingt, durch
die nötige empathische Kapazität die Intensitäten eines Geschehens zu teilen,
sie zum Erscheinen einer Ganzheit, einer säkularen Wiederverzauberungsstrategie
zu steigern: Gefühle vervielfältigen sich, wenn wir sie teilen. Diese einer
Epiphanie verdankte Verzauberung führt uns jenseits profaner Sportstadien in
noch ganz andere Sphären, wenn wir das symbolische Liebesgebot des
abendländischen Kontextes auf den realen Tausch der Gaben komplementärer Geschlechtsanlagen
zurückführen. Weil das Liebesgebot in solchen Zusammenhängen einst entstand,
stellen wir nicht nur fest, wie die Wirklichkeit heller und mit Energien
geladen wird, sondern verstehen ohne zu überlegen, warum eine Logik des
Vertrags dem gemeinsamen hormonellen Geschehen gehorcht. Während die sich beim
Sprechen selbst bezeichnenden Redenden oft genug umsonst umeinander bemüht
sind, weil sie viel zu sehr die Vorstellung beschäftigt, wie sie auf das Gegenüber
wirken, setzen Körper Intensitäten frei, die frühere klangliche Prophezeiungen
aktualisieren. Die Rhythmen akustischer Nabelschnüre graben den imaginären
Zwängen von Vorstellung und Erwartung die Energie ab. Dabei findet keine
Einebnung der Unterschiede statt, keine hierarchische Vorgabe der Macht
pervertiert die Beziehungsarbeit, sondern im Ringen mit- und umeinander
entsteht ein Mobile von Machtbalancen, das nur solange funktioniert, wie jeder
in der Lage ist, die Andersheit des Anderen zu akzeptieren. Selbst die
Vielschichtigkeit der Rede teilt in den körperlichen Reibungsintensitäten
wesentliche Nuancen mit dem hormonellen Geschehen, weil in ihr die materiellen
Zugänge zur Welt, also die konkreten Dinghaftigkeiten, die wir als Körper mit
der Welt teilen, über den Motor des Begehrens mit den konventionellen Setzungen
verschmelzen. Danach ist nichts mehr, wie es einmal als plattes Klischee war.
Während einer Zeitlosigkeit, in der Spannung in Glückseligkeit umschlägt, in
der wir uns in einer wohlig warmen Einheit mit der Welt befinden, entdeckten
wir jene paradiesische Namenssprache wieder, in der es keinen Zweifel gibt, in
der noch keine Lüge und Verstellung vorgesehen ist. Namen werden von einem
umfassenden Ja getragen, wir bemerken erst im Nachhinein jenes sanfte Lächeln
des oh-wie-ist-das-schön.
Die mathesis universalis und die
lineare Zeitkonzeption situieren das Gehirn in einem Kanister – als haben wir
an der Welt nur durch Bilder teil, die an die Wände einer solipsistischen Zelle
projiziert werden. Die Universalisierung der Naturbeherrschung verknüpfte den
Willen zum Wissen mit der Zwangsneurose eines Willens zur Macht. Aber erst wenn
von der Wirklichkeit des Leibes, von den körperlichen Vergegenwärtigungen
abgesehen wird, kommt es zu jenem Krampf, dank dem Wissen Macht zu sein hat.
Die Wirklichkeit kausaler Verhältnisse klammert alles aus, was nicht nach dem
Vorbild eines Mechanismus funktioniert; sie beliefert Zwangsneurotiker mit
Sicherheiten, solange diese nicht über die Tatsache stolpern, dass
rücksichtslos erstellte und nach mathematischen Vorgaben definierte Ausschnitte
als Bilder der erfahrbaren Welt niemals für die gesamte Wirklichkeit sprechen.
Gegen diese Voraussetzung der neuzeitlichen Wissenschaften liefert die
erotische Liebe Fundamente aller Formen der Verständigung – sie ist die
umfassendste Form, weil sie den ganzen Menschen betrifft und nicht nur
irgendwelche Rollenkonzepte: Die Lust ist die einzige Sprache, die beide
Geschlechter unmittelbar verstehen. Damit ist der Ansatz zu verabschieden, wir
seien in Tanks schwimmende Gehirne, die aufgrund einer prästabilierten Harmonie
durch einen mehr oder weniger gnädigen Schöpfer oder die selbsterfüllenden
Prophezeiungen systemtheoretischer Konstruktionen immerhin die Illusion durchhalten,
eine Kommunikation sei möglich. Nein, die Kommunikation beginnt an den
Fingerspitzen, sie ist gegenwärtig in jeder Greifbewegung, in jedem Ergehen der
Erfahrung, in jeder sensomotorischen Zuwendung zu
einer Umwelt und einem Gegenüber. Das Leben ist ein Experiment – jedes
einzelne, wenn nur der Mut zur Verfügung steht, sich auf ein Wagnis
einzulassen. Unser Nervensystem, unser Gehirn ist erst einmal Weltbestandteil
und dann Produkt einer kulturellen Evolution; jede Bestimmung resultiert aus
Formen der Verknüpfung von Sinnesdaten, der Synthese von Zeichensystemen zu
Ereignissen. Psychedelische Sinneswahrnehmungen erweisen, dass wir längst nicht
so weit von der Materialität der Welt weg sind – die mit den Kenntnissen der
Menschheitsgeschichte endlich zu einer befriedeten und bewohnbaren Welt werden
sollte –, wie dies die Institutionen des Wissens gerne hätten. Vielleicht hat
die Erfahrung des Jeder-frisst-jeden als Gesetz der Evolution nahezulegen, der
Sozialdarwinismus sei das Non-plus-Ultra, die daran anknüpfenden Seminardarwinismen gerechtfertigt – dabei ist bereits
unsere biologische Existenz dadurch definiert, dass durch die Schaffung einer
kulturellen Zone durch Zeichensysteme und Wissensarchive die Ausgeliefertheit
einer nackten Existenz gepuffert wurde, womit die Gesetzmäßigkeiten der
Evolution auszuschalten waren. Unsere Erfahrungen zeigen, welche anderen, durch
Selbstdistanz und Gelassenheit entstehende Vorgehensweisen durchaus
erfolgsorientiert sind. Solange es noch ging, die intriganten Interventionen
einfach wegzuwischen, überließen wir uns einem interessierten
Explorationsverhalten, verschwendeten alles an vorhandenen Werten, übten uns am
Verschenken unserer Zeit – es gab ja so viel davon. Wir hatten dadurch Teil an
einer archaischen Form des Sozialverhaltens, indem wir ohne Gegenleistung
Aufmerksamkeit und Zuwendung verteilten, die Gegenseite also in Schuld verstrickten.
Wir irritierten mit dieser sorglosen Form, über uns hinaus zu gehen, manche
Delegierten der Intriganten, bis sie die Flucht ergriffen. Irgendetwas konnte
nicht stimmen, schließlich wurde über uns verbreitet, dass wir erledigt sein
sollten. Die gängigen Theorien sehen das menschliche Verhalten durch die
Voraussetzung geprägt, einen Sinn in der Welt zu erwarten – eine Erwartung, die
Anähnelungen produziert, damit wie nebenbei eine
Sinn-Umwelt schafft, die sich verselbständigt und wiederum positive Verstärkungen
der Erwartungshaltung bewirkt. Wenn magisch-mimetische Relationen, die durch
Spiegelneuronen in allen Handlungsvollzügen verwurzelt sind, verleugnet werden,
weil Erziehung und Verschulung behaupten, das Ich stehe den Objekten einer Welt
fremd gegenüber, wird das Vertrauen auf die körperliche Präsenz, das
Kommenlassen der Intensitäten des Hier und Jetzt, genau jener Ansatz sein, den
der Imperativ der Ausbremsung und Stillstellung außer Kraft setzen soll. Die
dazu geforderte Anstrengung, die eigentlich wichtigen Aufgaben gewidmet werden
sollte, wird ständig fehlinvestiert, um die Unerträglichkeit der Sedierung
durchzuhalten. Schon der Relationsmetaphysiker Whitehead unterstreicht, wie
sehr der Körper als Ganzheit das lebendige Organ der Erfahrung sei, womit die
reale Struktur der Erkenntnis wahrgenommener Objekte einem schöpferischen
Selbstgenuss entspringe und die Abgrenzungen zwischen Subjekt und Objekt
beseitige. Die Erfahrung von Beseelungen und
Übertragungsphänomenen ist mit Machos Beschreibung des zeremoniellen Tiers eine
der Funktionen und Relationen, die nicht zu Besitztümern und Substanzen
verdinglicht worden sind, sondern als Wechselwirkungen, als kontagiöse Prozesse
der Überschreitung und Anverwandlung erfahren werden.
Für die konventionelle Welt
hat schon die Liebe als Experiment gewaltige Folgen – berühmte Theaterstücke
oder Romane zeigen, welchen Hass und Neid, welche Zerstörungswut in den
gesellschaftlichen Hackordnungen nur die Versuchsanordnung auslöst. Doch wenn
ich von der Gewissheit des ‚Gut-dass-es-dich-gibt‘ getragen werde, sind auf
einmal die meisten Begegnungen unwichtig, die mich verletzen könnten. Wenn ich
mich vorbehaltlos in die Aufgabe investiere, für dieses Du ein angemessenes
Leben zu erkämpfen, stehen mir ganz andere Kräfte zur Verfügung, als wenn ich
nur an mich denke. Ich muss nicht mehr in Extremsituationen über meinen
Schatten springen, sondern bin schneller als der Schatten, im rechten
Augenblick nicht mehr an den linearen Zeitablauf gebunden. Ein erster Ansatz, die Vereinigungsmenge von
Wahrheit und Liebe in der Beziehungsarbeit zustande zu bringen, findet sich im
‚philosophischen Sperrmüll‘. In den folgenden Jahrzehnten haben wir uns dieser
Sisyphusarbeit, die mit Camus als stinnstiftend zu
kennzeichnen ist, immer wieder neu gewidmet. Wenn es damals hieß, in der
Erfahrung der Liebe seien die Modi der Entgrenzung gegeben und in der Mühe um
eine lebenswerte Gegenwart stecke unsere ganze Wahrheit verborgen, waren die
beiden Brennpunkte genannt, um die viele späteren Einsichten kreisen. Es musste uns
einfach wieder klar werden, was wir als Kinder einmal gewusst haben: Bei
vielen gemeinsamen Tätigkeiten geht es nur nebenbei um den Austausch von
Information, sondern vor allem um den Kontakt, die Aufmerksamkeit füreinander,
die Kultivierung der Präsenz. Wenn sich das Verhältnis der Geschlechter auf den
puren Sex reduzieren ließe, käme die Menschheit ohne Machtspiele und Unterdrückung,
ohne Hierarchieprobleme und Kriegsszenarien aus. Doch dazu müssten die
Heranwachsenden im rechten Alter lernen, nicht durch schlechte Beispiele und
verführerische Bildwelten in den Irrweg der konfliktuellen Mimetik abzubiegen.
In der Folge könnte Sex als l’art pour
l’art wie nebenbei den Zugang zu einer viel
umfassenderen Form von Kommunikation liefern, dank der wir in einer Gegenwart
landen, die mit Whitehead die gesamten Verknüpfungen der Zeit bereitstellt, für
Momente also eine Ewigkeit. Für Kierkegaard berühren Zeit und Ewigkeit einander
in jedem erfüllten Augenblick – allerdings ist im auf ihn folgenden Jahrhundert
die Illusion einer erfüllten Zeit unter der massenhaften Produktion von
Lebenssinnersatz zerplatzt. Die noch
nicht industriell verwerteten Zugänge zum Heiligen finden heute in den
Lebenskünsten des Geheimen statt, sind mehr oder weniger zufällige Funde, die
von keiner Tradition weiter gegeben werden, weil alles, was die multimediale
Reproduktion in Dienst nimmt, breitwalzt und abnudelt,
zugleich entwertet wird. Kostbare Funde gehen mit der Geschichte ihrer
Entdecker wieder verloren, was sie vielleicht sogar für künftige Generationen
rettet. Gegen diese kulturelle Entwicklung befördern hormonell
unterfütterte Versuche die Wahrnehmung
eines kategorialen Nichtbegriffs in unserem Leben. Was einmal unter der
absoluten Kategorie der Substanz postuliert wurde, hat sich als Zerstörung
jenes Energiefelds erwiesen, aus dem die Einzigartigkeit und Unvergleichbarkeit des menschlichen Lebens Kraft bezieht.
Alle Normalität produziert eine Schwerkraft, aus der narzisstische Selbstbespiegelung
und Machtspiele der Rivalität resultieren, deren Spannungen wir als
Lebendigkeit empfinden sollen. Dagegen können wir uns jenseits aller
narzisstischen Selbstermächtigungsversuche an die/den Geliebte/n verlieren, um
erst durch die/den Andere/n zu den Wahrheiten des Selbst zu finden. Der immer
vom Selbsthass angetriebene Eigendünkel wird über diesen Umweg von sich selbst
erlöst, wenn vollendete Intensitäten die Dominanz des Blicks und damit das Herrschaftsbedürfnis
löschen. Völlig erledigt, in einem Status des harmonischen Verklingens, lassen
wir wie selbstverständlich Geschichten gewähren; mit der Zeit macht diese
Erfahrung des Nichts subliminale Gesetzmäßigkeiten offenbar, bis sie in
Erfahrung verwandelt an uns teilhaben. Wir befinden uns dann jenseits des durch
das Christentum vorgegebenen Triebverzichts, jenseits jener
Kompensationsfunktion der protestantischen Ethik und der ihr gehorchenden
bürgerlichen Künste, die die Entfremdung noch tiefer einschrieben, indem sie versprachen,
ihre Überwindung innerhalb einer gesellschaftlichen Nische konsumierbar zu
machen. Wenn Bolz beschreibt, wie das nichtfestgestellte Tier Mensch durch
Institutionen, die ihm den Umweg zu sich selbst weisen, festgestellt wird,
streift er mit der Entfremdung durch die Institution eine wichtige Gesetzmäßigkeit.
Aber es ist tatsächlich nicht die Institution, sondern die Entfremdung, die
mehr aus den Menschen herausholt, als anfänglich angelegt ist, denn die Entfremdung
optimiert das Lernvermögen je mehr, je länger wir sie aushalten. Wer von einer Institution
konsumiert wird, spart sich vielleicht den Kurzschluss der Freiheit als
Selbstverwirklichung, doch die psychologischen Gesetzmäßigkeiten, die den
Abhängigkeiten innerhalb einer Institution zu verdanken sind, die Machtspiele
und Rivalitäten von Stillgestellten, der sekundäre Narzissmus des dauernden
Vergleichs mit anderen, emanzipieren auf keinen Fall von der Psychologie der
Selbsteinschätzung: Sie reduzieren diese lediglich zu einem Ventil der Subalternitätsdressur. Das Wahre, das Schöne, das Gute
treten dann nur unter Qualen in der Innerlichkeit des selbstdisziplinierten
Subjekts zu einer Einheit zusammen – was den Wahnsinn einer psychischen
Bombenstruktur erklärt. Die Lustpolitik des Wahren und Schönen setzt eine
andere Bildungsfunktion frei, die eine Form des Guten jenseits von Rivalität,
Geilheitsdressur und Ersatzbefriedigung in der körperlichen Vereinigung
ermöglicht, während Grenzen überschritten werden. Aus der Perspektive
jener explosiven Psyche darf es die wahre Schöne genauso wenig geben wie den
schönen Klugen – sonst wäre ein Zerspringen zu befürchten. Diese sprachlichen
Spielereien mögen Metaphern für einen weltgeschichtlichen Sprung in der
Schüssel sein, in der die Wahrnehmungs- und Wissensweisen männlichen und weiblichen
Erfahrens auseinanderdrifteten – die Vertreter/innen einer pseudoalternativen
Emanzipation der Geschlechter plädieren dann für das asexuelle Verhältnis einer
klugen Frau an der Seite eines begabten Mannes. Mit dem Ergebnis: Schön ist die
Lüge und wahr ist der Tod! Das Schöne und das Wahre werden hier zu Gegensätzen
nach der Vorgabe Feminin versus Maskulin, als müsste sich erst noch erweisen,
warum es tatsächlich nur Mischungsverhältnisse gibt. Unter solchen Vorzeichen
der Verleugnung ist die machtgierige Frau, die sich für die Wahrheit zu
ereifern scheint, nicht weniger paradox, wie der effeminierte Mann, der in
klassizistischer Manier als Simulant des Wohlwollens posiert. Beide versuchen
sich innerhalb der Bildungsinstitution an einer scheinhaften, auf dem Opfer der
realen Befriedigung basierenden Versöhnung: Sie inszenieren die in Schönheit
gekleidete Wahrheit, weil sie ihren Vollzug verpasst haben.
Dem frühen,
noch unentschiedenen Entwicklungsstatus, den diese Simulanten der Selbstheit
kultivieren, entspricht eine Verliebtheit, die der familialen Homöostase des
Elends gehorcht. Erst die durch Identifikationen bewirkte Eingeschlossenheit
in eine imaginäre Welt, die Lebenslüge und Verzicht zu kaschieren hat, bringt
jene Besessenheiten durch Bilder des eigenen Begehrens hervor. Das als
Verliebtheit codierte Begehren, geliebt zu werden, beinhaltet den
narzisstischen Machtanspruch, das Objekt des Begehrens habe die Zufälligkeit meiner
Existenz als Einschränkung seiner Möglichkeiten zu akzeptieren. Doch das Ich,
das sich auf den Schwingen der Hormone in einer Position der Absolutheit
situieren möchte, ist tatsächlich nur ein erbärmlicher Statthalter der
Gesetzmäßigkeiten einer Sozialisation, die es der Selbsthaltung des
Familiensystems unterwirft. Weil unter diesen Vorgaben keine erfüllende Erotik
zu erwarten ist, ersetzt der Sexualneid schnell einen mehr oder weniger
mechanischen Sex. Dieser Substitution ist die Behauptung zu verdanken,
sogenannte Sexsüchtige versuchten die innere Leere zu übertönen – eine
Argumentation, die bis auf Pascal zurück geht, der notierte, dass alles Unglück
der inneren Leere der Abwesenheit Gottes zu verdanken sei: Gott erfülle die
Zeit. Wer ihm diesen Raum nicht einräume, versuche die empfundene Hohlheit
durch Hektik und Betriebsamkeit zu übertönen, durch Zerstreuung zu vergessen.
Dabei dient in Zeiten, in denen das Geld zum Gott der westlichen Welt geworden
ist, der Zwang, andere Menschen zum Masturbieren zu verwenden, viel eher den
Versuchen, die Affenhorde des inneren Monologs zum Schweigen zu bringen. Jene
Argumentation ist auf dem Mist des Triebverzichts gewachsen und zeugt vor allem
vom Mangel an geschlechtlicher Erfahrung. Was für einen Pascal der Abgrund der
Verworfenheit war, wird für den Adepten östlicher Weisheiten zum Gipfel der
Erleuchtung – im Westen hat der Kapitalismus als Religion dagegen als
therapeutische Nische den von Bohrer auf den Nenner gebrachten ‚Poetischen
Nihilismus‘ geprägt. Unter dem Druck von Institutionen und gesellschaftlicher
Entwicklung hatte eine ästhetische Wissenschaft der Zeiterfahrung keine Chance, woraus eine komplette
Verleugnung jeglicher ästhetischer Stimmungen der raumzeitlichen Orientierung
resultierte. Anstelle einer kontemplativen Konzentration auf reine Gegenwärtigkeit
entstanden Klagen über ihr Verpassen; Gegenwart sei immer erst im Nachhinein,
in ihrer Abwesenheit zu erfassen, weiche ansonsten aber der Simulation. Doch
gerade die entgegengesetzte Geistesbewegung, die Kultivierung der inneren Leere
und des Verlusts der gewohnten Vorstellungsrepräsentanz kann in ein Tun um des
Tuns willen münden, in eine Erfahrung um der Erfahrung willen. Wer völlig in
einer Tätigkeit aufgeht, selbstvergessen mit den Routinen verschmilzt, die der
Materialität eines Gegenstands gehorchen, den Gesetzmäßigkeiten einer Situation
entsprechen, folgt vor allem den vorindividuellen Impulsen der Mimesis. Gruppenbindende
Erfahrungen verweisen das Ich auf die Zuschauerbank, sportlicher oder
kriegerischer Ehrgeiz mag zu einer infinitesimalen Annäherung an die
Unmittelbarkeit der Präsenz taugen, während die Übung am Sex pur mit den
nötigen Routinen noch ein wenig näher an die Punktualität des Jetzt herankommt.
Während mich Lacans Aussage, es gebe kein Verhältnis der Geschlechter, immer
gestört hat, konnte ich mich mit der Formulierung anfreunden, eine begrenzte
Realität wird immerhin durch die Existenz des Sex attestiert. Schließlich beginnen
alle großen Veränderungen mit Kleinigkeiten. Unter der richtigen Voraussetzung
verabschiedet ein Bewusstwerden der notwendigen inneren Leere das Subjekt von
allem Tun-als-ob, von allen besessenen Zielvorstellungen, verwandelt also den
Zwang einer dauernden Beschleunigung in Richtung Zukunft zurück in ein
konvulsives Moment von Präsenz. Im Gegensatz zu diesem Eintauchen in den
Augenblick potenzieren alle Arten Süchtige die Abwesenheitsdressur, um die
Angst vor dem anderen Geschlecht, die Angst vor dem Tag, im Endeffekt die
galoppierende Angst vor der Angst zu bewältigen – doch jede Angstbewältigung
bestätigt hinterrücks immer die Angst. Dieser metaphysische Zwang ist vor allem
ein Resultat von Körperverleugnung und Askese, verdankt sich dem Tabu auf dem
Geschlecht, also der Unfähigkeit, göttliche Energien zu inkarnieren und damit
zu verwirklichen. Alle ideologischen Überbauten modellieren die Menschen, wie Onfray plausibel zusammenfasste, mit dem Zugriff auf
körperliche Bedürfnisse, damit sie sich ihrer eigenen Kräfte entledigen. Die
mit Familie, Schule und Kirche verbundenen Ideale des Wissens, der Religion und
der Moral haben die Körper gefügig gemacht: Je mehr man Menschen entsexualisiert, desto besser funktionieren sie – sie haben
mit zusammengebissenen Zähnen zu besitzen, zu akkumulieren, zu konsumieren,
während sie eigentlich lieben, genießen und jubeln sollten. Die Reduzierung der
Sinnlichkeit auf eine gesellschaftlichen Imperativen unterworfene Genitalität diente der Abwesenheitsdressur, die die
Monogamie in eine Qual von Einfallslosigkeiten verwandelte, die Treue zum
Sprungbrett zwanghafter Seitensprünge machte und tatsächlich nur eines
garantierte: Die staatliche Erpressung dauernder Zeugungen. Vom schwachsinnigen
Imperativ der Fortpflanzung profitieren Großinstitutionen und Diktatoren,
während Paare die Erfahrung machen, dass die Gelegenheiten gemeinsamer
körperlicher Erfahrungen mit jedem Kind minimierter werden. Es gibt wirklich
genug Elend auf der Welt, das nur durch die Nachproduktion von Kanonenfutter
und Kirchgängern nicht zu rechtfertigen ist. Dem stehen vereinzelte erotische
Erfahrungsformen gegenüber, die nicht nur das Leben adeln, sondern
Gemeinsamkeiten befördern. Jenseits des Abbaus von Spannungen, der Förderung
von Gesundheit und Lebendigkeit, dem Erleben der eigenen Geschlechtlichkeit,
die schon allein für sich sprechen, gibt es den zweisamen Weg der Teilhabe an
einer Macht der Schönheit, damit eine erotischen Reinigung von allem nur
Spirituellen. Wir haben die Chance, diesen Zugang des gegenseitigen Erkennens
für eine qualitativ höhere Sphäre der Kommunikation zu erobern, die alles
Geschwätz, alle eitlen Selbstdarstellungen oder konfliktuellen Vergleiche
überflüssig macht. In diesem Zusammenhang ist Max Benses
wissenschaftstheoretisches Postulat: ‚Warum man Atheist sein muss‘, für die
Beziehungsarbeit zu reaktualisieren und zu
totalisieren. Religionen blockieren diesen Weg, weil ihre Rechtfertigung als
Institution in einer perversen Verkehrung gerade von Ersatzbefriedigung und Fetischismus
abhängt – sie brauchen die Schuld, bringen das schlechte Gewissen systematisch
hervor, um ihren Herrschaftsanspruch durchzusetzen. Nach Foucault übt die
Macht, die niemand wirklich besitzt, die gerade von
den kleinsten biographischen Momenten organisiert wird, ihre Zugriffe
auf die Lebenswirklichkeit der Körper über die Sexualität aus. Von der Beichte
zur psychoanalytischen Sitzung sublimieren Geständnistechniken, die der Form
religiöser Abstraktionen einer Sünde des Fleisches folgen, sexuelle Energien in
gesellschaftliche Anpassungsleistungen und politische Konformismen.
Die aufgedeckten Zugriffsformen dieser Macht machen deutlich, warum die Sexualität
eine funktionelle Grundlage jeder institutionalisierten Gewalt ist. In der
Sünde des Fleisches kehrt, wenn gewisse Einsichten eines Pascal
gegen den Strich gebürstet werden, ein inverser Gott der Liebe wieder. Die
Kirche als abstrakt wuchernde Perversion körperlicher Verzichtleistungen
verlötete Sexualneid und Herrschsucht zu einer Schematik für alle späteren
Institutionen. Das Urteil der Sünde irrealisiert eine
im Verhältnis des reziproken Begehrens der Geschlechter begründete
Gerechtigkeit. Diese Verstörung des symbolischen Tauschs begründet die
historisch entstandene, überformende und vergewaltigende Machtausübung.
Menschliche Sexualität ist jene grundlegende Funktion, die wie
selbstverständlich in den Jahrhunderten den Angelpunkt religiös legitimierter
Machtmechanismen bedienen konnte, weil diese ursprünglich erst aus ihr
hervorgegangen sind – der Tausch von Fleisch gegen Sex oder die
Tempelprostitution sind frühe Stadien der Differenzierung. Nur aus dem Grund
war es für uns möglich, mittels regelmäßiger körperlicher Übungen, die sich
selber trugen und keinen Vergleich nötig hatten, wie nebenbei institutionelle
Besitzansprüche auflaufen zu lassen. Die Krüppelzüchter wollten, dass wir uns
mit ihnen beschäftigten, uns mit ihnen relativierten – wir wussten Schöneres,
widmeten uns körperlichen Intensitäten, die keine Götter neben sich dulden. Wir
hatten überhaupt keinen Grund, die der Frustration gehorchenden Todeswünsche
und Vernichtungsdirektiven zur Kenntnis zu nehmen, die meisten bemerkten wir
nicht einmal; unbesehen wurde die Annahme verweigert, also gingen sie wieder an
die Absender zurück. Viele der infamen Strategien, üblen Nachreden und ausgekochten
Schweinereien wurden traten erst Jahre später ins Bewusstsein, als wir
liegengebliebene Zeitdokumente nachträglich in stimmigen Text verwandelten.
Jeder Durchgang legte mehr Fäden frei, deren Verknüpfung ein absurdes, von
Bildungsbeamten ausgeklügeltes Wahnsystem greifbar machte.
In den
Kleinkriegen institutioneller Abhängigkeiten haben wir für jede minimale Chance
hart und selbstverleugnend zu arbeiten, ohne trotz aller Mühe und den besten
Voraussetzungen einen Ruhe spendenden oder Kraft gebenden Erfolg zu sehen – wir
unterstehen einem fremden Zweck, sind nur ein Material, das abgenutzt und
ersetzt wird. Gegenüber dieser sinnlosen Erfahrung von Welt verwandelt die erotische
Einswerdung sich in eine Überfülle an Sinn, die
Augenblicke momentaner Unendlichkeiten aber zur Rechtfertigung all der Mühen.
Wirkliche Lustpolitik stellt die innere Leere willentlich her, arbeitet an der
Löschung eines Wustes an Vorstellungen, brennt die imaginären Ängste in einem
sich verschwendenden Feuerwerk ab. Erst die Reibungen und Widerstände, mit
denen uns der/die Andere auf den Leib rückt, mit denen die Sehnsüchte einer
imaginären Einheit auf einmal als Belästigung oder Bedrohung erscheinen, machen
den Schritt zur authentischen Erfahrung der Liebe möglich. Doch weil wir
Menschen träge sind, immer wieder auf ursprüngliche Prägungsmuster regredieren,
wird diese Erfahrung durch einen dauernden Kampf geprägt, den nur ebenbürtige
Partner aushalten. Was dem weiblichen Teil der Menschheit seit Jahrtausenden
angetan wird, ist entsetzlich – schon deshalb müssen wir uns vor Negationen
hüten, die bis in die aktuellen Emanzipationsanstrengungen Vernichtungszwänge
transportieren. Im Ringen zwischen physischer Gewalt und psychischer
Manipulation wirken hinterhältige Tricks eines Systems von Behinderungen nach,
die die besten Vorsätzen aushebeln: Oft dienen ihnen die damit verknüpften
Enttäuschungen als besonders fiese Einfallpforten.
Mit Ortega y Gassets Abhandlung ‚Über die Liebe‘ ist an die biomagnetische
Resonanz der Schönheit zu erinnern. Gegen die Reduktion ihrer Wirkungsmacht auf
die Projektionen des Subjekts – Schönheit liege nur im Auge des Betrachters –
oder auf die wahnhaften Zustände der Verliebtheit, die beide der
Komplexitätsreduktion gehorchende Besessenheiten sind, widmete er sich der
Spekulation, nach der die Liebe eine Gewalt der Kosmologie ist, eine Kraft der
Optimierung und Veredelung innerhalb der Gattungsgeschichte. Mittlerweile hat
die Paläoanthropologie erwiesen, wie der Geschlechtsverkehr seit jener Zeit,
als die hormonell bedingte Brunst ausfiel, für die Frau nicht einfach ein
Mittel zur Fortpflanzung, sondern über die Familiarisierung
der Männchen ein wesentlicher Aspekt der Kultur geworden ist. Die
Vermenschlichung der animalischen Sexualität ergab sich aus Veränderungen im
weiblichen Körper. Solange ihre Sexualität ein Antrieb der menschlichen
Gesellschaft blieb, waren tatsächlich Frauen spirituelle Inspirationsquellen
der Menschheit – später war ihnen diese Rolle nur noch als Musen oder femmes fatales gegönnt. Ein operationaler Umgang mit dem
eigenen Geschlecht, die damit möglich gewordenen Abstände von Zwang und
Notwendigkeit, das Spiel der Schönheit mit Reiz und Verführung, lieferten
entscheidende Anstöße der menschlichen Bewusstseinsentwicklung. Was immerhin
die verdrängten Ursprünge der Misogynie erklärt: Kein Mensch kommt diesseits
der Verleugnung über die anfängliche Dividualität hinweg, Anhängsel einer
übermächtigen Frau gewesen zu sein – die überzeugtesten Frauenhasser finden
sich beim weiblichen Geschlecht. In der Regel versteckt sich die Verleugnung
hinter einer Idealisierung der Mütter, doch die Erfahrung weiblicher Magie wird
noch heute von verstümmelten Machtbesessenen als bedrohlicher Schatten der Ausgeliefertheit
erfahren. Das ist einer der wesentlichen Gründe, warum wir uns noch so um
eine/n Partner/in bemühen mögen und trotzdem immer wieder verzweifeln. Solange
es nicht gelingt, über uns hinauszugehen, um uns in der Vereinigung zu
gewinnen, können wir die Traumen vergangener Generationen nicht an den
Versuchen hindern, uns zum Scheitern zu verurteilen. Aber wir können aus den den Kommunikationsdefiziten verdankten Aggressionen und
Frustrationen über den Umweg der Schreibe die notwendigen Schlussfolgerungen
ziehen – wir lesen objektivierte Klagen, Resignationsanweisungen und Wutanfälle
gemeinsam und bearbeiten die Texte, bis sie stimmig sind und keine geheime Familienregie
mehr verbergen. Aus diesem Grund ist in unseren Texten immer wieder von der
Liebe als Duell die Rede. Wenn uns die
gesellschaftliche Entwicklung mittlerweile tradierte Verbindlichkeiten erspart,
mag damit Lernverhalten und Flexibilität forciert werden, was sicher ein Gewinn
ist. Doch nach Nitzschke übersteigt die Koordination zweier
hochindividualisierter Lebensentwürfe die psychischen Fähigkeiten
durchschnittlicher Menschen. Bevor wir uns den Verlustanzeigen auf der
Rückseite gesellschaftlicher Fortschritte widmen, sollte vielleicht erst einmal
festgestellt werden, woran es bei solchen durchschnittlichen Menschen mangelt!
Solange die Koordination zwischen zwei Einzelgängern – Dickschädel mit enormer
Frustrationstoleranz gegen verwöhnte Tochter aus gutem Hause, die eine
ausgeprägte Intelligenz mit der Egozentrik großer Schönheit verbindet, noch
dazu pflegen beide ganz verschiedene Interessen – über eine lange Phase von 17
Jahren unter Duellbedingungen gelingt, weil der Sex stimmt, sollte es den Durchschnittsmenschen
nicht schwerer fallen, solange sie ihre Mitgift der Natur in Ehren halten. Wenn
ein psychisches Unwetter knallt und wehtut, kommen wir den in unserem
Selbstverständnis tabuisierten Einsichten oft sehr nahe – gegen den Schmerz
nackter Wahrheiten raufen wir uns im Bett wieder zusammen. Trotz der
behaglichen Erschöpfung dürfen wir dann nicht vergessen, die unter der Haut
brennenden Einsichten zu bearbeiten, solange sie noch zu schmieden sind – die
Protokolle füllen Aktenordner. Als kulturell verankertes Ritual hatte das Duell
einmal die Funktion, die unter der Wahrnehmungs- und Bewusstseinsschwelle
drängenden Affekte aus einer stummen, ungreifbaren Sphäre auf eine
kommunizierbare Ebene zu transportieren. Wenn die Gegner sich als ebenbürtig und
satisfaktionsfähig anerkannten, war ein Duell in der Lage, die Folgen
unsichtbarer Wunden und Ehrverletzungen in ein öffentliches Schauspiel zu
transformieren. Diese Objektivierung bewirkte Distanzleistungen und damit
Chancen, die Affekte zu bändigen, während ihnen das Duell eine sichtbare und
kommunizierbare Gestalt verlieh. Noch heute gehört es zu den erstaunlichen
Konventionen der maskulinen Selbstdefinition, dass Männer wegen Kleinigkeiten
prügelnd aufeinander losgehen, um sich nach einer rücksichtslosen Verausgabung
zu verbrüdern. Ähnliches funktioniert über den Umweg der kreativen Schreibe
auch zwischen den Geschlechtern, solange wir uns nicht auf glatte Konventionen
oder die in der Familien vereinbarten Lügen zurückziehen – doch wer wäre unter
solchen Voraussetzungen noch satisfaktionsfähig! Die Sehnsüchte und Tricks, die
Selbstdarstellungen und Verführungen, die zu einer insgeheim erhofften
Beziehung führen sollen, minimieren von Anfang an die Bereitschaft, sich auf
eine erfüllenden Arbeit an den zu Beginn noch minimalen Gemeinsamkeiten
einzulassen. Wer auf das Klischee vertraut, ein gemeinsames Leben gelinge ganz
von allein, wenn nur die Richtigen aufeinander treffen, findet sich mehr oder
weniger schnell frustriert und mit den traditionellen Erwartungen alleine
gelassen. Die der Sozialisation verdankten und in den Medien als gesund und
normal kolportierten männlichen und weiblichen Selbstbilder werden eine/n in
den meisten Fällen mit dem Misslingen konfrontieren. Wenn Hegel die Liebe als
das Erkennen beschreibt, das sich im anderen erkennt, als einen Doppelsinn, in
dem die beiden sich unterscheiden, indem sie sich gleich setzen und die
Entgegensetzung in die Gleichsetzung umschlägt, sieht er von den
Gesetzmäßigkeiten der beiden Familiensysteme ab, an deren Fäden die beiden
zappeln. Die Liebe ist eben nur im Imaginären das Resultat der Versöhnung eines
vorausgegangenen Konflikts, die Reziprozität erst einmal nur ersehnt und
projiziert, wenn sich die beiden voneinander Getrennten als nicht mehr Getrennte,
als Einige fühlen, weil das Lebendige auf das Lebendige zu antworten scheint.
Es ist die Prosa des Alltags, in der die Konflikte aufbrechen, der auf die
Dauer kein träumendes Schmachten und idealisierendes Projizieren standhält.
Selbst nach dem günstigen Zufall einer intensiv einschlagenden, biomagnetisch
fundierten Verliebtheit stoßen zwei biographische Weltsysteme aufeinander. Die
wirklichen Konflikte entstehen erst hier, weil in ihnen auf den meisten
Erwartungsfeldern ganz verschiedene Prämissen gelten, die in mindestens drei
zurückliegenden Generationen geprägt worden sind. So werden sich
Misserfolgsgeheimnis und Partnervermeidungszwang – die oft den Magnetismus als
Angstbewältigung erst freisetzen – bereits in den hoffnungsvollen Anfängen
einer blauäugigen Liebe in den verschiedensten Verkleidungen an ihrer
Leistungsfähigkeit messen. Der von zurückliegenden Verzweiflungen befeuerte
Neid oder die früheren Versagungen gehorchende Missgunst leben in den tödlichen
Umarmungen der Familie erneut auf.
Die Geschichte eines Verhältnisses der Geschlechter
ist, um Joyce zu variieren, ein Albtraum, aus dem es zu erwachen gilt. Immerhin
haben uns körperliche Erfahrungsformen mit einem latenten Prinzip Hoffnung
ausgestattet, denn solange dieses Duell sexuell überformt wird, liefert uns die
geduldige und regelmäßige Übung die Gelegenheiten, den Wust an Negationen und
Verwünschungen in lustvolle Entladungen erotischer Gewitter umzuleiten. Nicht
der tolle Job oder das Bankkonto, nicht das künftige Häuschen oder die fröhliche
Kinderscharr stillen auf die Dauer unsere Suche nach dem Lebensglück. Vor allem
macht guter Sex glücklich, alles Weitere sind, wenn es weiter geht, sublimierte
Folgeerscheinungen. Wie nebenbei bewahrte uns der actus
purus gegenüber den institutionellen Auswirkungen von
Stress und inszenierter Ausgeliefertheit zugleich vor der letzten Gefahr eines
Überdrusses am immergleichen Partner. Für die
allgemeine Befriedung eines Verhältnisses der Geschlechter, damit für eine
Befreiung beider Geschlechter von den Hypotheken der Vergangenheit, bedürfte es
tatsächlich eines fundamentalen Umbaus aller Gesetzmäßigkeiten, aus denen die
großen Institutionen entstanden sind. Wir
brauchen ein lustvolles Geschehen, das die Liebe wach und aufmerksam erhält,
weil sie das Kraftwerk des Selbst befeuert, das Bewusstsein erweitert, die
Aufmerksamkeit füreinander freisetzt und damit die energetische Kapazität
ankurbelt. Entscheidend ist eine Beziehung zwischen Gleichen, die sich nicht
gleichen, ein symbolischer Tausch, der Reibungsenergien freisetzt und für ein
energetisches Spektakel sorgt, demgegenüber dem Narzissmus die Luft ausgeht. Ab
einer gewissen Spannung springen die Funken über; mit der nötigen Übung wird
eine Ranghöhe erreicht, die Geistesblitze freisetzt.
Im besten Fall sind wir zu selbsterfüllenden Prophezeiungen in der Lage, mit
deren Hilfe die biographischen Verwicklungen in Aufgaben münden, die fast von
allein zu einer Lösung finden. Es ist eben nicht nur Bions Katastrophe, die
Verzweiflung oder die extreme Ausgeliefertheit, die zum Wirkungsgeschehen Schneller
Brüter führen: Ein die körpereigenen Drogen befördernde Spiel mit den
Partialobjekten kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Eben weil der Tod der
Spieleinsatz des symbolischen Tauschs ist, kann der Sex, wenn es darauf
ankommt, als l’art pour l’art und kleiner Tod das Duell in der Beziehungsarbeit
außer Kraft setzen. Die Liebe, wenn sie zündet, ist das umfassendste
Kommunikationsgeschehen, das wir uns vorstellen können – alles andere ist nur
Überleitung, Ersatz oder Verzicht. Die Liebe wird zu einem sozialem und
gesellschaftlichen Körperkunstwerk, einem Vermittlungsgeschehen erster Ordnung
– noch dazu ist sie ein Generator, der ein wenig mehr Qualitäten der Kraft und
Güte in die Welt zu bringen in der Lage ist. Es ist die durch körperliche
Erfahrungsweisen vorgenommene Beweisfigur, dass wir uns nur über den Umweg des
anderen in unserer Lebendigkeit gewinnen und die Auswirkungen weit über die
individuellen Versuchen hinaus gehen, eine haltbare Ordnung herzustellen. Der biographische
Standindex des Ich-Hier-Jetzt wird dann authentisch, wenn der Ich sich hingibt,
sich auf ein Geschehen einlässt, während dem das Hier und Jetzt zum maßgebenden
Medium wird. Das erklärt, warum die Simulanten der Selbstheit eine derartige
Wut des Vergleichs und der Rivalität nötig haben, um über Umwege an
Intensitäten teilzuhaben. Zwar an schlechten, an solchen der Qual und der
Bosheit, doch das scheint immer noch besser, als im ausbruchssicheren Gefängnis
der Selbstdarstellung zu verkümmern.
Seit Freud zeigen verschiedenste Untersuchungen,
auf welche Weise die Familie als Keimzelle des Staates die individuellen
Lernschritte im Sinne der gesellschaftlichen Vorgaben einschränkt und
kanalisiert. Die Techniken einer psychischen Veränderung durch veränderte
Bewusstseinszustände konkurrieren mit dieser Normierung, wenn sie die gewohnt
gewordenen Wahrnehmungs- und Zuordnungsweisen verweigern und löschen oder
modifizieren. Fraglich wird vor allem die Vorgabe einer Wirklichkeit, die die
familiale Homöostase prägte und die dank ihr reproduziert wird. Der Bruch mit
den vorödipalen Erfahrungsformen erweist sich als wichtigste Schaltstelle, denn
die mnemotechnischen Gründe der Ohnmacht verdanken wir dem Mutterbezug. Der
darauf aufbauende, nach dem Vorbild des Vaters entworfene Modus vivendi und die einhergehenden Versagungen, Verleugnungen
und Kompromissbildungen mögen nicht weniger zum tragbaren Gefängnis des Ichs
taugen – aber es ist sinnlos, sich an ihnen abzuarbeiten, solange die
Machtmechanismen der psychotischen Entdifferenzierung nicht ausgehebelt wurden.
Jede große Liebe steht in einer absoluten Konkurrenz zu jener primordialen
Strukturierung, durch die das Selbst ein Teil der Mutter und diese Einheit der
Vorhof des Purgatoriums ist. Wir hatten nicht das Glück, Produkte einer ‚good enough mother‘
zu sein, die ihr Baby in die Lage versetzt, selbst mit dem Denken anzufangen, um
schließlich durch die Verinnerlichung eines 'denkenden Objekts' autonom zu
werden. Sondern unsere Erfahrung resultierte aus ihrem Besitzanspruch – an eben
dieser Schaltstelle hatten wir die Anschlüsse zu kappen, mit dem sich
Institutionen in unbarmherzige Übermütter verwandeln. Wir waren ein unter
Schmerzen und Ängsten entstandenes Erzeugnis dieser Mütter, also ihr Eigentum:
Eine Prothese, mit der sie dachten, sich das Leben auf Kosten unserer Lebendigkeit
und Leidensfähigkeit erträglicher zu gestalten. Schon deshalb fürchteten sie von Anfang an die Möglichkeit einer/s
Konkurrentin/en, arbeiteten schon vor der Zeit mit aller Kraft an der Diffamierung
und Verwünschung – aber aus eben diesem Grund waren wir später hellhörig,
allergisch gegen die Vereinnahmung durch religiöse, politische oder
wissenschaftliche Systeme. Alle fehlerhafte Identifikation programmiert die
Unfähigkeit, sich für Anderes oder den/die Andere/n zu öffnen, sie behindert
echte Lebensfreude, macht zu eigenem Denken und Empfinden unfähig, von der
Offenheit für eine nichtinstrumentalisierte Liebe ganz zu schweigen. Während
einer Probezeit von siebzehn Jahren wurden die Sozialisationsagenten
verschiedener Institutionen zu den späten aber wichtigsten Verbündeten dieser
Mütter einer Liebe als Duell und damit zu erbitterten Feinden unserer
Beziehungsarbeit. Wir verdanken ihnen im Resultat alles, was wir zustande
gebracht haben – die in der selbstvergessenen Verliebtheit sistierte Liebe wäre
spätestens am Schmerz der Ernüchterung durch die Prosa des Alltags eingegangen,
während ihr die dauernde Infragestellung jene Dauer sicherte, die nach und nach
für ein stabiles Repertoire gegenseitigen Vertrauens sorgte. Die
Besitzansprüche dieser Mütter und der ihnen folgenden gesellschaftlichen Mächte
erwiesen sich dank körperlicher Vollzüge als nichtig; weil es rund lief und
flutschte, blieben wir nicht an der Frage nach dem Sinn des ganzen Unternehmens
hängen. Der Imperativ des Folge-mir-nach war ohne Mühe einfach zu übergehen;
diese Ignoranz der Identifikationsforderungen tat den Krüppelzüchtern bereits
weh, die Rechtfertigung ihres
Konformismus bekam Risse. Ohne unser Zutun wurden die ausgeheckten Intrigen und
die vor Wut über eine mangelnde Resonanz resultierenden Verwünschungen durch
eben diesen als Spiegel wirkenden Mangel in ihrer Bosheit erledigt: Annahme
verweigert, zurück an die Absender.
In den Nachwirkungen der Gewalten des frühen
Mutterbezugs sind Reminiszenzen an archaische Erdzeitalter lesbar. Saner liefert plausible Schlüsse zur Unterstreichung der
Vermutung, der Mythos von der todesbezwingenden Kraft von Liebe und Musik sei
älter als der männerrechtliche Systemwechsel der Kultur, den der Orpheus-Mythos
dokumentiert. Dieser hat Anregungen einer altsumerischen Sinnstiftung
aufgenommen, die auf einem Wettstreit der göttlichen Schwestern Liebe und Tod
beruht, aber durch die Macht der Musik ihres jüngeren Bruders und Jugendgeliebten
Frühling für die Liebe entschieden wird. Die Totengöttin kann den Liedern
voller Sehnsucht und Schmerz, den sprießenden Säften und schießenden Trieben
Frühlings nicht wiederstehen. Entscheidend an dieser Konstellation eines Wiedergeburtsmythos
ist das Geschehen zwischen weiblichen Mächten – ohne die Verschwisterung von
Liebe und Tod gäbe es keine Erneuerung im Reich des Seienden. Die
schamanistische Reise in die Unterwelt gestaltet eine Wiederkehr aus dem Reich
der Toten durch die Macht der von der Liebe durchdrungenen Musik. Im Ischtar-Mythos verstummt die Gewalt der Kämpfe zwischen
Liebe und Tod; er endet heiter, ohne alle Tragik, weil der Liebe weiblicher
Göttinnen männliche Säfte assistieren. Die Töne einer durch die Liebe beseelten
Stimme gehen mehr zu Herzen als bloße Worte, besänftigen selbst den Zorn einer
Todesgöttin, deren Jugendgeliebter Frühling ebenfalls war. Die einen Menschen
ergreifende Musik übersteigt wie die Schönheit die Kraft der Worte, stiftet
eine Welt jenseits der Antagonismen und Zwiste. Dagegen modifizieren die
klassischen Versionen des Orpheus-Mythos das Ergebnis durch den unaufhebbaren
Antagonismus von Liebe und Tod, nichts weist mehr auf ihre Verschwisterung hin.
Musik oder Kunst werden umso ergreifender, umso mehr sie sich der vergeblichen
Liebe, der Trennung und Abwesenheit der Geliebten widmen, geraten zum
wehmütigen oder schwülstigen Surrogat des realen Vollzugs. Bohrer hat die
‚ästhetische Negativität‘ als Ausweichbewegung gekennzeichnet, die eine aus
verpassten Vereinigungen der Liebenden resultierende Melancholie in
ästhetisches Pathos und die Wollust des dargestellten Schmerzes transformiert.
Mit dem Erhebungsmotiv der abendländischen Lyrik werden Geliebte umso
begehrenswerter, umso unerreichbarer sie sind; mit der romantischen Liebe hat
sich der Liebeswunsch im schmachtenden Begehren derart zu verzehren, dass jede
Erfüllung nur mit Enttäuschungen aufwarten kann, ihr aus diesen Grund
regelgerecht ausgewichen wird. Und die Regel der Entmaterialisierung ist uralt:
Orpheus wird im noch jungen Patriarchat bereits durch die Versuchung, den Logos
zu transzendieren, zu den Verzichtleistungen der kulturschwulen Vereinigung
geführt, die schließlich mit der Vernichtung des Heros endet. Die Rettung Eurydikes misslingt aufgrund des kontrollierenden Blicks
zurück – für Lacan ein Beispiel für die notwendige Verfehlung des Anderen, denn
das Auge will beherrschen, dieser narzisstische Machtanspruch ist ein Resultat
der Mutterabhängigkeit, betrifft aus diesem Grund gerade das geliebte Objekt.
Orpheus‘ Versuch, unter Verzicht auf die weibliche Welt mit Jünglingen ein der
sublimierten Kunst Apollons gewidmetes Leben zu
gestalten, nimmt ein tragisches Ende durch orgiastische Frauen, den Dionysos
begleitende, rasende Mänaden. In diesem gedoppelten Scheitern könnte eine
Bedienungsanleitung aufgeschlüsselt werden, wie die Spätfolgen eines Kampfes
der Geschlechter zu bearbeiten sind. Vorerst ist hier nur zu unterstreichen,
warum dem Sänger der apollinischen Musik ein dionysisches Schicksal bereitet wird.
Der Vater aller Gesänge hatte ein verfeindetes Doppelreich von apollinischen
und dionysischen Energien harmonisch zu organisieren – maximale Gegensätze in
einer Harmonie zu vereinen, macht tatsächlich den Reiz und die Kraft großer
Kunst aus. Was unauflösbar in Gegensatz und Streit verflochten bleibt, wird
sich allerdings unbarmherzig gegen jeden Orpheus wenden, der sich für nur eine
der beiden Seiten entscheidet.
Dieses
verfeindete Doppelreich taucht als tragische Kleinkunst mit den verschiedensten
Verkleidungen in der bürgerlichen Familie wieder auf, um die Sozialisation in
ein den Nachwuchs gefährdendes Blendwerk der Lebenslüge zu verwandeln. Die
Präsenz der zeitlichen Erfahrung wird bereits zum Nachher der sekundären,
selbst der Genuss liegt nicht mehr im aktuellen Genießen, sondern wird im
Nachhinein zur bewussten Reproduktion, womit die Erinnerung nicht mehr als
Bewahrerin der Präsenz fungiert, sondern diese bereits der Zensur
unterstellt. Wenn Zuwendung nicht von
Abweisung unterschieden werden kann, das Gute zugleich das Schlechte ist, wird
alles Erstrebenswerte zugleich höchst bedrohlich und das Geschenk des Lebens
zur Eintrittskarte in eine lebensgefährliche Strafexpedition. Die Konzeption
solcher grundlegender Double-binds führte Bateson zur
Thematisierung der Sprünge von einem Kontext in den umfassenderen Kontext
dieses Kontextes. Innerhalb eines Systems sind dessen Widersprüche nicht
aufzulösen, erst die Perspektive von außerhalb macht es möglich, sich der bannenden
Macht seiner Zwänge zu entwinden. Mit dieser theoretischen Ausrüstung waren die
Erfahrungen der Zersplitterung von Gewissheiten und der Notwendigkeit einer
Bewusstseinserweiterung bereits in ein Verhältnis setzen, während wir den
Einwirkungen einer Katastrophenpädagogik ausgesetzt waren. Einigen Büchern
verdankten wir Anregungen, um diese Erfahrung positiv zu kodieren und mit ihr
eine Beschleunigung unseres geistigen Wachstums zu verbinden. Die Erfahrung des
sozialen Todes führte folgerichtig auf die Konsequenzen eines Lernens in der Katastrophe:
Konkrete Schritte wurden in der ‚Katastrophenpädagogik‘ dokumentiert. Den
Kundigen springt die nahe Verwandtschaft von Katastrophe und Kairos an! Der
günstige Augenblick will ergriffen werden, schon die Griechen gingen davon aus,
dass im Falle des Verpassens die Katastrophe droht. Nachdem einer/m alle
Sicherheit genommen wurde, gingen die über Jahre aufgebauten Selbstverständlichkeiten
unter den einkesselnden Invektiven einer Intrige zu Bruch; ob ein sorgsam
gepflegtes Wissensrepertoire oder die gewachsenen Routinen der
Verfahrensabläufe beim Jobben, sie wurden systematisch irrealisiert.
Weil sexualgestörte Bildungsbeamte unseren Lebensalltag mit Hilfe einer
Meinungsmaschinerie unterminierten, die von der Flüsterpropaganda, über
gehässigen Tratsch, bis zu in den Medien lancierten Irrealisierungen reicht –
legten uns die mit den täglichen Routinen verbundenen kleinen Erfolge des
Widerstehens nahe, die Intensitäten einer elaborierte Sexualität als
Schutzschild aufzubauen. Gegen die durchsichtigen Versuche dauernder
Frustrationen und Subalternisierungen erweist sich
ein System von lustvollen Belohnungen umso wirkungsmächtiger, umso mehr es sich
in ein Ja zur eigenen Lebendigkeit verwandelt, also mit den affirmativen
Gesetzmäßigkeiten des Lebens eins wird. Dieses Ja mag als elementarer Ausdruck
des Selbsterhaltungswillens beginnen, doch wenn gemeinsame Orgasmen in
messianischer Präsenz münden, wird die Ewigkeit im erfüllten Augenblick
komprimiert. Was zählt all der Schwachsinn, wenn wir am Schöpfungsmythos
teilhaben, die Vertreibung aus der Bedürfnislosigkeit des Paradieses immer
wieder für ein Nu rückgängig machen. Erst auf der Rückseite der Erfahrung eines
enormen Vernichtungsimperativs wurden Annäherungen an spezifische Erfahrungen
des Widerstehens möglich, deren Darstellung im Nachhinein nur durch sprachliche
Superlative möglich ist. Die Zertrümmerung erlernter Kategoriensysteme und
gewachsener Identifikationslinien lieferte die Voraussetzung, um magische
Gesetzmäßigkeiten der Mimesis aufzuschlüsseln. Zudem waren mit Bions Erklärung,
warum und wie katastrophische Veränderungen zur
Normalität der Bewusstseinsentwicklung gehören, die Nachstellungen und
bösartigen Einkesselungen zu einer Selbstimmunisierung umzubiegen. Mit der
Konzeption der Katastrophe als Stimulans des Lernverhaltens bauten wir einen
effektiven Verteidigungswall gegenüber den psychotischen Verwünschungen auf.
Wie von alleine stellten die Routinen unserer Lustpolitik eine gesunde
Instrumentalisierung der Paranoiadressur zur
Verfügung. Ein psychotisches Risiko, das die Schritte zueinem höheren
Niveau psychischer Integration begleitet, wird von kreativer Eigenarbeit
entschärft, lustvolle Praktiken kehren den Opferkult um; die Botschaft jedes
Orgasmus schreibt als universale Bejahung ins Körpergedächtnis ein, wie
lebenswert das Leben ist. Wir gingen von einer Optimierung des Lernvermögens
aus, dachten nicht einmal daran, die Waffen zu strecken oder uns aufzugeben,
übten das Aufschreiben und Durcharbeiten. Die delegierte, den mimetischen Energien
der Übertragung gehorchende Verzweiflung, die körperlichen Erregungen und
energetischen Entladungen, der damit verbundene Stress verwandelten sich in
kreative Gesten und entblößende Ausdrücke, in sprachliche Zeugungsakte und
lautstarke Wettstreite von Zitatmaschinen: Was uns an
bösartigen Signalen und niederträchtigen Botschaften zugespielt wurde, lieferte
den Code, um spielerisch hinter das Wahnsystem zu kommen, unter ihm durch zu
tauchen und über seine Mittel zu verfügen, weil es nur in Anführungsstrichen
zum Zug kommen konnte. Wir gehorchten den Ansprüchen kultureller Größen, die
uns auf ein bisher unerreichtes Level transportierten, weil sie uns vernichten
wollten – um deren Regeln zu objektivieren. In der Schreibe wurden die
Todeswünsche mortifiziert, die Machtworte dank der orgiastischen Steigerung
unserer Beziehungsarbeit entkräftet, der von ihnen ausgehende Bann durch den
energetischen Schutzschirm der Ekstasen gebrochen.
Der
unmittelbaren Zukunft traten wir mit geschärften Sinnen und einem reflexartig
funktionierenden Reaktionsvermögen entgegen, nachdem die Trägheitsmomente der
Selbstdefinition, der Bedarf an Halt und Sicherheit, von der Intrige gesprengt
worden waren. Sie sollte uns vernichten, zerstörte aber nur jene Teile des
psychischen Apparats, in denen wir den Auftraggebern ähnlich waren. In klar
definierten Funktionszusammenhängen sind holographische Wahrnehmungen und
psychedelische Erfahrungen in der Regel unerträglich. Tatsächlich ist eine
Psychonautik des freien Falls die Voraussetzung für Repertoireerweiterungen des
Lernens auf einer kontextuell übergeordneten Ebene. Auszuhalten war eine
Neuformatierung, weil die induzierten Spannungen sexuell kodiert und erotisch
umgesetzt werden konnten. Zeitweilig landeten wir wieder im freudigen und sorglosen
Staunen der Kindheit, unsere faktische Welt veränderte sich ständig, auf nichts
war mehr Verlass, aber zugleich stürmten ständig neue, unerhörte Erfahrungen
auf uns ein, die unglaublich viel Zukunft transportierten. Faktizität bedeutet
vor allem die ständige Unterminierung der Besitzstände des Bewusstseins durch
Kontingenz. Was unsere Sozialisation durch stabile Ausbremsungen verstellt
hatte, weil wir uns für allen möglichen Scheiß, für den wir nicht
verantwortlich waren, verantwortlich fühlen sollten, hatte der Ansturm der
institutionalisierten Nichtung liquidiert. Die Erfahrung diverser Zustände von
Selbstlosigkeit war zu nutzen: Zukunft ist in allen Religionen identisch mit
einem Neuwerden.
In
der Wahrheit sein heißt, die Welt als Ganzes zu empfinden – nicht etwa zu
wissen. Das Bewusstsein kann nur dem hinterher hinken, was sich in der
Wahrnehmung für einen Moment ganz klar und wahr anfühlt. Das Ergebnis liegt
jenseits der Schwundstufe eines der rigorosen Trennung von Körper und Geist
verdankten Wahrheitsbegriffs, der die Wahrheit auf eine Funktion von Sätzen
reduziert. Eine frühe Ahnung ist in der Seelenvorstellung der Antike
aufbewahrt, nach der die Seele am Intelligiblen teilhat, aber über das Begehren
in der Materialität der Welt verwurzelt ist. Für Platon ist die Seele eine
Relation ohne substantiellen Eigensinn, sie lebt in einem Feld der Teilnahme an
der Idee, wie später für Benjamin der Name an der Idee teilhat. Dieser
bruchlose Bezug zwischen Idee und Name, zwischen Sein und Heißen kann mit Lübbe
onomatopoetisch oder etymologisch fundiert werden: Entweder was ist, heißt wie
es ist oder umgekehrt, was ist, ist wie es heißt. Im einen Fall reicht der
Bezug von den sinnlichen Gleichklängen bis zur unsinnlichen Ähnlichkeit, im
anderen Fall fasst er eine Entwicklungsgeschichte zusammen – beides aber sind Anverwandlungsweisen des seelischen Geschehens. Noch
Benjamins Thematisierung der Aura als
‚einmaliger Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag‘ taucht die Begegnung
des Ich mit einem Gegenüber in eine numinose Epiphanie, hüllt den Gegenstand
für einen unwiederbringlichen Augenblick in ein Räume und Zeiten verbindendes
Netz der Bedeutsamkeit. In Präsenzkulturen war die Seele das Organ für Ganzheiten; eine Resonanz dieses Repertoires findet sich
noch im Zeitalter der Repräsentation in Leibniz‘ Konzeption der Monade. Das
Christentum ging anders als Platon von einer wesenhaften Seele aus, um die
Voraussetzung für eine Abrechnung beim Jüngsten Gericht zu schaffen und den
Sinn damit ans Ende zu binden. In der Folge dieser religiösen Zwangsvorstellung
ist die Polarität Körper/Seele stimmig, noch in einer Welt der Abwesenheitsdressur
wird die Seele für Psychoanalytiker – die immerhin die Angst vor der Nähe auf
den Nenner brachten – zum schattenhaften Ersatz für eine Beziehung von Körper
zu Körper. Gegen die der Beschwörung von absoluten Wahrheiten verdankten
Gottesvergiftung der Präsenz könnte die Unmittelbarkeit der inneren Anschauung,
wie sie bei Kant auf die Konzeption einer unendlichen Raumvorstellung bezogen
war, aktualisiert in unzensierten und nicht gepufferten Formen der Wahrnehmung
einer unerträglichen Präsenz der unvermittelten Selbsterfahrung des Göttlichen
entsprechen. Unter LSD der Urgewalt der Mimesis zu
begegnen, im Zentrum der Milchstraße dem Schöpfer die Hand zu schütteln,
währenddessen ohne Unterschied zu spüren, was jedes Geschöpf erfährt, aber
dabei so nah dran zu sein, als sei es das Selbst. Zugleich zu sein, was
zerfleischt und vernichtet und was zerfleischt und vernichtet wird, damit als
Teil dieser Welt im Werden an der Potentialität eines kreativen Chaos zu
wachsen. Diese Perspektive der Wiederkehr einer Empfänglichkeit für göttliche
Energien legt nahe, dass mit der Wiederkehr der Religiosität beim späten Heine
kein Widerspruch zur Kritik an der Herrschaft der Pfaffen oder dem Interesse
der Mächtigen an der Verdummung zu vermelden ist. Mit der Wiedereinsetzung
eines schöpferischen Gottesbegriffs schien ihm eine auf Sinnlichkeit und
unmittelbare Wahrnehmung begründete Existenz möglich, ohne wahnsinnig zu
werden; der Zweifel an der Existenz Gottes stelle dagegen die Anerkennung des
Todes im Leben dar, mit der alles Vergängliche dem Nichts verfallen würde.
Diese aus der Angstbewältigung resultierende, resignierende Anerkennung, die Bedingungen
der Möglichkeit der eigenen Existenz niemals in der Hand gehabt zu haben, ist
ein spätes Resultat des paranoiden kartesischen Denksystems. Wenn wir uns auf
körperliche Lebensvorgänge einlassen, vielleicht sogar lernen, uns von
assoziativen Zusammenhängen indirekter
Botschaften, von subliminalen Wahrnehmungen führen zu lassen, wird die
Resignationsanweisung der Gutenberggalaxis, über die Bedingungen von
Möglichkeiten grübelnd unwiderruflich abzustürzen, nicht der Weisheit letzter
Schluss bleiben.
Je
nach Konstitution wird das Metaprogrammingsystem des
psychischen Apparats ein unermessliches Nichts außerhalb des Selbst entdecken
oder der Unendlichkeit eines im Selbst kulminierenden Verweisungszusammenhangs
gewahr werden. In beiden Fällen ist Musik ein Gegengift gegen das Namenlose –
sie berührt die Seele, wird zur Tafelschrift der Götter, wie Henry Miller in
einem seiner delirierenden Bandwurmsätze formuliert hat. Die Dinge dieser Welt
verfügen nicht über die nötige Selbstgegenwart, sondern sind nur als
Erscheinungen präsent. Wenn es nicht durch menschliche Artefakte objektiviert
wird, läuft das aus der Wahrnehmung bezogene Wissen schnell ins Leere: Musik
ist in ganz spezifischer Weise in der Lage, die Vergänglichkeit der sinnlichen
Wahrnehmung zu überwinden, also auf Dauer zu stellen, was sonst dem
Verschwinden ausgeliefert wäre. Miller wies sogar auf die ständige Vermischung
der Erfahrung der Musik mit dem Geschlechtlichen hin. Für Steiner transportiert
uns die biomagnetische Magie der Musik in ein unmittelbares Erleben jener
Energie, die das Leben ist; sie verwirklicht eine Beziehung erlebter
Unmittelbarkeit der greifbaren, mit intellektuellen Mitteln nicht
ausdrückbaren, primären Gegebenheit eines sich selbst bestätigenden Gutheißens
der Gegenwart. Diese Kennzeichnung erinnert stark an Lacans Jouissance
– das reine, intensive Genießen ohne Referenz, die Erfahrung einer erfüllten
Zeit und restlosen Gegenwart. Musik ist nicht nur organisiertes Zeitempfinden,
sie schiebt verschiedene Ebenen der Zeit ineinander, macht uns durch die
Resonanz in unserem Körper mit Umrissen und Spuren einer Gegenwart vertraut,
die dem Bewusstsein und der Rationalität unserer Jetztzeit sehr weit voraus
gegangen sind. Die Anfänge des menschlichen Bewusstseins wurden von einer unvorstellbar
lange Periode unergründlicher Verknotungen von Wundern und Schrecklichkeiten
beschrieben, die nach und nach als Erfahrungsformen im Umfeld von
Instinktresten kondensierten. Anklänge an frühere Geborgenheiten
der Höhle gegenüber der Ausgeliefertheit der Savanne, an intrauterine
Glücksgefühle und Panikattacken, prägten Empfindungformen,
die mit dem Raumbezug das Verhältnis zwischen Musik und Erotik auf einen Nenner
bringen – wir sind in einem Geschehen drin, werden getragen von einer Woge, die
eine Resonanz freisetzt, die eine tiefer als Wille und Bewusstsein liegende
Ebene anspricht, mit der das Verlöschen des Ichs nicht mehr zu fürchten,
sondern herbeizusehnen ist. Das Hier und Jetzt beginnt punktuell zu werden, in
gewissen Momenten gerinnt der Augenblick unter dem Einfluss von Intensitäten zu
einer Ewigkeit, es findet ein Sprung aus der Zeit heraus statt – an einer
schmalen Grenze zwischen Feuer und Eis, am Punkt des Umschlags der Gegensätze,
in der Atemlosigkeit der Erfahrung, ein Teil des Göttlichen zu sein, beginnen
wir bedeutsame Zusammenhänge unserer Welt immer wieder neu zu erfinden.
Vermutlich entsprangen Gottesbegriff und fixierte Bedeutung am selben Ort und
zur gleichen Zeit den Bedeutsamkeiten überbordender Intensitäten, die heute
noch im Orgasmus freigesetzt werden. Die in konventionalisierten Zeiten als
Verschmelzung von Anschauung und Begriff erfahrene Einheit der zeitlichen
Verschränkung in einem erfüllten Augenblick mögen auch Techniken der Trance
bewerkstelligen, mit monotonen Rhythmen arbeitende Tänze oder tantrische
Gymnastik, exzessive Atemübungen und rituelle Gebete. Die Intensitäten des Hier
und Jetzt, des von Lacan angezielten vollen Sprechens, verkörpern nach wie vor
jene göttlichen Energien, die vor längst vergangenen Zeiten die Intention
geprägt haben, gegen leere Konventionen ein pulsierendes Symbol zu setzen,
Herzkraft an Bedeutsamkeit in feinste Äderchen der Jetztzeit und
Geistesgegenwart zu pumpen. Während das Symbol als unbegrenzter und keiner
Formalisierung unterstehender Verweisungszusammenhang der Singularität einer
individuellen Äußerung gerecht wird, zeigt die überzeugende Argumentation
Steiners, dass alle wesentlichen Aspekte der menschlichen Existenz durch eine
Verifikationstranszendenz gekennzeichnet sind – während uns die Musik bereits
in unserem alltäglichen Leben mit einer Logik des Sinns vertraut macht, die
eine andere ist, als die der Ratio. Seine Zurückweisung des Dekonstruktivismus
setzt einiges von dessen produktiven Potential frei, gerade weil eine exakt definierte
linguistische Analyse und Theorie wenig dazu taugt, die Kluft zum Prozess des
Verstehens zu überbrücken. Keine Formalisierung oder genetische Beschreibung
ist in der Lage, die einzelnen phonetischen, lexikalischen und syntaktischen
Komponenten eines Satzes in eindeutige und beweisbare Beziehungen zur Bedeutung
dieses Satzes zu setzen. Schon ein Wort, mehr noch ein Satz, bedeutet innerhalb
eines Gewebes inkommensurabler Assoziationsfelder immer mehr, als dies
systematische Inventarisierungen der Formalisierung vorgeben. Borges hat einmal
nahegelegt, die exakte Karte eines Landes müsste wesentlich größer und umfassender
als das zu erfassende Land selbst sein, um dessen universellem Repertoire
gerecht zu werden. Der aus den Tiefenschichten der Geheimlehre stammende
Symbolbegriff vertraut auf den Reichtum an Denotationen, Konnotationen,
impliziten Bezugnahmen auf Ausdruck und Körperhaltung, die dort den Ton
angeben, wo man sagt, was man meint, wo man meint, was man sagt. Steiner geht
von einem Status vor dem durch die Naturwissenschaften bedingten, historischen
Bruch des Kontaktes zwischen Wort und Welt aus. Nostalgisch bezieht er sich auf
einen den Logos umfassenden Horizont relevanter Werte, der die Bedeutung der
Bedeutung aller sprachlichen Äußerungen entspricht und der das von
sprachbegabten Menschen bewohnte Universum ausmacht. Die Naturwissenschaften
setzten mit dem Bruch zwischen Wort und Welt nach und nach die Erkenntnis der
Unmöglichkeit einer Wissenschaft des Sinns oder einer Theorie der Bedeutung
durch; ihnen war die Erkenntnis zu verdanken, dass eine Übersetzung der
Materialität der Welt in die Vielfalt der Sprachen unrealistisch sei. Doch
diese Wahrheit wurde dank der Verflüchtigung ihres Gegenstands durch
theoretische Physik und Quantentheorie bereits wieder relativiert – auch die
Naturwissenschaften haben es in den Fundamenten nur mit Metaphern und
Interpretationen zu tun. Mit der Mustererkennung leistungsstarker Computer wird
sogar ein ursprünglicher, unterhalb der semantischen Ebene über syntaktische
Bedeutsamkeiten wirkender Symbolbegriff angenähert. Keine ewigen Ideen, kein
vorgegebenes Wesen des Menschen, sondern die statistische Verteilung von Verweisungszusammenhängen
liegt bereits in der Entwicklungspsychologie dem Lernen von Bedeutungen
zugrunde. Anhand der Faszination, die die das Geheimnis des Menschlichen
transportierende Musik ausübt, kommen wir über Topologie und Ähnlichkeit zu
Mustern von Rhythmen, die vielleicht längst vor der Logoszentrierung
für die Erfahrbarkeit von Regelhaftigkeiten gesorgt haben. Nicht nur die Psychoanalyse
greift auf mythische Erklärungsmuster zurück, auch die jenseits der
Subjekt-Objekt-Dichotomie angesiedelte Rechenkapazität eines dritten Seinsbereichs des Dazwischen beginnt diese Muster immer
feiner und präziser nachzuahmen. Vielleicht mag das Zeitalter der Semiotik in
den Anfängen noch auf einer ontotheologischen Kompensation
des Verlusts religiöser Absicherungen beruht haben, doch nachdem erwiesen
wurde, dass alle Zeichensysteme selbstorganisierend immer nur auf
Zeichensysteme bezogen sind, sollte klar werden, über welche Freiheit wir
wirklich verfügen. Bewusstsein, Bedeutung und freier Wille sind emergente
Phänomene, die einer selbstverstärkenden Resonanz der Rückkopplungsschleifen
zwischen verschiedenen Ebenen des Zeichengebrauchs zu verdanken sind. Bereits
in den Schulen sollte das dumpfe Auswendiglernen und Pauken von Formeln und
Gesetzmäßigkeiten ergänzt werden durch ein Lernen, das den Routinen von
unendlich dicht vernetzten Neuronen angemessen ist. Einst lernten wir die
entsprechenden Muster in unseren ersten Lebensjahren erkennen, haben mit einer
ungeheuren Geschwindigkeit die Plastizität unseres Gehirns für den
Spracherwerb, die Erfahrung der fundamentalen emotionalen und sozialen
Bedeutsamkeit verwendet – Disziplinierungen, das Stillsitzen, die monomane
Konzentration auf vorgegebene Regeln und Konventionen, die Verschulung der
besten Jahre des Lernens haben unserer Gehirn in einen abgedämmten Käfig
eingesperrt. Tatsächlich leben wir in einer selbstregulierenden Welt der
Zeichensysteme, es gibt keine andere für uns. Das unzugängliche Ding-an-sich
Kants kann kein Ordnungskriterium sein, denn für eine Katze erscheint es unter
anderen Voraussetzungen als für einen Hund, und weil es sich für uns in anderen
Bahnen bewegt, als für eine Schildkröte, entspricht die Institutionalisierung
des Lernens einer dauernden Sedierung. Wir transzendieren keine materielle
Wirklichkeit mit der Sprache zugunsten einer wirklicheren Welt, sondern diese
Zeichensysteme sind unsere wirkliche Welt, deren magische und kategoriale
Unendlichkeit unserem Entwicklungspotential entsprechen könnte. Gerade der
Status der Bedeutsamkeit schließt nach der Erosion der Ontotheologie der Bedeutung
Freiheitsspielräume eines Multiversums der von Menschen handhabbaren
Zeichenwirklichkeiten auf, von denen hinterherhinkende Leser oder
Fernsehzuschauer mit der Zeit durch schlichte Unterhaltung lernen. Vom Computer
bis zum Smartphone haben wir mittlerweile Kontakte zu neuronalen Netzwerken,
die nach den Vorgaben einer phylogenetischen Geschichte des Lernens aufgrund
von Mustererkennung arbeiten und sich semantischen Lernprozessen annähern,
indem sie auf der Basis ständiger Rückmeldungen von Irrtümern den Algorithmus
ihres Lernens verbessern – diese externalisierten Formen des Denkens werden auf
die Strukturierung des menschlichen Gehirns zurückwirken und die Vernetzung
zwischen den Neuronen in einer Weise verändern, die mit den
pädagogisch-hermeneutischen Programmen des 19. Jahrhunderts immer weniger kompatibel
sein wird. Nichts anderes legt uns heute in verschiedenen Arbeitsverhältnissen
bereits das Plädoyer für eine offene Fehlerkultur nahe: Fehler sind wichtig,
kein Grund für Strafen oder Verleugnungen, denn sie liefern Anregungen und
Techniken für Verbesserungen. Wenn häufig genug eingewandt wird, wie wenig der
Mensch mit der Erfahrung der Horizonterweiterung umzugehen vermag, wie
Selbstzerstörung und Opferverhalten von der zusätzlichen Freiheit erlösen
sollen, ist auf die Optimierung der Körpererfahrung und deren
Selbstheilungskräften zu verweisen. Außerdem sollten die Institutionen, die
sich mit der Verstümmelung von Lust- und Explorationsverhalten hervorgetan
haben, als abschreckende Beispiele zu kennzeichnen sein.
Mit
Reiche liefert die Symbolbildung den Schlüssel zur Verabschiedung der populären
Geistlosigkeit eines starren Gegensatzes zwischen ererbten oder kulturell
erworbenen Fähigkeiten. Durch das Symbol tritt ein zeitlich erlebtes Drittes
zwischen diese Funktionen von Bedeutungsträgern: Dessen identifikatorische
Mimetik situiert sich zwischen angeborenem und kulturell erworbenem Verhalten.
Eine symbolgesteuerte Identifikation über Imagines, Introjekte,
Repräsentanzen kann im psychoanalytischen Verständnis wie genetisch gesteuertes
Verhalten nicht mehr verlernt, vergessen oder gelöscht werden. Damit wird die
biologische Ordnung nicht eliminiert, aber vielfältig durchbrochen, denn mit
der Entwicklung der Symbolfunktion entsteht ein Repertoire, jedem Sachverhalt
eine fast beliebige Bedeutung zu verleihen. Im Rahmen einer ‚Geschichte der
Einbildungskraft‘ hat Kamper unterstrichen, dass ursprünglich weder im
Stoffwechsel mit der Natur, noch im symbolischen Austausch der Geschlechter per
se Zwänge verbunden waren. Erst das planvolle Absehen von den Gesetzmäßigkeiten
des Austauschs und des Stoffwechsels zugunsten der Akkumulation von Macht, der
missbräuchlichen Konventionalisierung von
Äquivalenten ursprünglicher Gebrauchswerte, vereinseitigte die entstehenden
Lasten. Wert und Besitz verwandelte sich unter dem Sog der Abstraktion in einen
stetig wachsenden Schuldzusammenhang. Das mittlerweile offensichtliche
Geheimnis unserer Zivilisation lautet, aus jeder positiven Errungenschaft eine
Verwünschung zu machen, jeden kulturellen oder technischen Fortschritt in eine
Falle zu verwandeln. In der menschlichen Geschichte wird nie gefunden, was
gesucht wurde, niemals erreicht, was das Ziel aller Anstrengungen ist, weil das
Richtige nicht intentional oder instrumental angestrebt werden kann, solange
die Negation der körperlichen Vollzüge dafür sorgt, sich selbst ständig im Weg
zu stehen. Sowohl ritualisierte Verschwendung wie zwanghaftes Opferverhalten
als magische Praktiken, diese Schuld abzutragen, reichen vom Potlatch bis zum Weltkrieg, unterstehen aber mehr oder
weniger gesteigerten Verleugnungen der körperlichen Vollzüge. Ordnungen des
Überflusses oder der Knappheit unterscheiden sich in jedem Fall durch die
Prämie einer konkreten Realität, die in der Fähigkeit einer vom menschlichen
Körper nicht abzulösenden Symbolbildung begründet, aber vor allem aber mit
dessen lebendiger Zeit verbunden ist. Aus diesem Grund sind entscheidende Funde
oder Entwicklungen nur indirekt über Umwege gelungen – in solchen Zusammenhängen
ist das Glück des Unvorhergesehenen zu lokalisieren. Was uns an Schönem,
Tragischen oder Wunderbaren begegnet, gibt unserem Leben nach Bataille einen
Sinn, der aus einem erschütterten Moment der Aufmerksamkeit hervorgeht. Die
Entfremdung unserer Gewohnheitsmuster rettet uns vor einer auf die Dauer untragbaren
Leere, setzt die seltenen Chancen frei, die nicht den Gesetzmäßigkeiten der
großen Zahl gehorchen. Alle Reduktionen auf einen gemeinsamen Nenner, alle
Urteile, die dem Durchschnitt entsprechen, bringen lediglich belanglose
Resultate zustande, schließen den Wert all dessen aus, was nur Resultat einer
seltenen Chance sein kann. Abstraktionen, die erst aus einer nötigen Fülle an
Durchschnittswerten resultieren, sorgen für ein Übergewicht des Toten. Nur die
Produktivität der das Symbol fundierenden körperlichen Einbildung hält jenes
fragile Mobile menschlicher Repertoireerweiterungen durch singuläre
Geistesblitze in Bewegung, verhindert das Zusammenfallen von ökonomischer und
symbolischer Vergesellschaftung.
Im
kulturellen Kontext finden wir eben nicht nur den Ansatz, eine biologische
Frühgeburt mangels Instinktrepertoire durch institutionell vorgegebene
Prothesen in einen stabilen Käfig von Gewohnheitsbildungen und Traditionen
einzuschließen – sondern auch das Potential, ein virtuell vorhandenes Lernvermögen
aufzurüsten, bis es sich über Distanzleistungen auf einem Niveau des bewussten
Lernen des Lernens einrichtet. Ab einem gewissen Level sprengt diese
Lernkapazität den Imperativ der von Stellvertretung und Delegation geforderten
psychischen Verzichtleistungen, von denen Institutionen ihre Kraft ableiten.
Während Bataille von einer existenziellen Souveränität ausgeht, auf die es bei
einer personellen, sich selbst überschreitenden Subjektivität allein ankommt,
ist der institutionalisierte Souverän im Herrschaftsbereich durch Delegierte
omnipräsent – auch wenn er lediglich ein inzuchtgeschädigter, lebensunfähiger
Krüppel sein mag. Aus der Perspektive Blumenbergs ist der Mensch jenes Wesen,
das alles selbst machen will, aber so viel wie möglich delegieren muss, um
vieles zu können und zugleich zu bedauern, fast nichts mehr selbst zu tun.
Damit ist das Prinzip Souveränität für das Individuum allerdings gestrichen;
wenn es auf der Delegation beruht, verwandelt es sich in eine Funktion der
Steuerung. Die anthropologische Wurzel des Staates wird nach den Vorgaben jener
institutionalisierten Souveränität dargestellt. Sie resultiere aus der
Fähigkeit des Menschen zur Umformung der eigener Handlungen in eine actio per distans, indem andere
im Auftrag für ihn handeln – das Bedauern über die Entwicklung vom Stein oder
Speer zum Auftragskiller liefert dem entzauberten Polytheismus eines Blumenberg
ganz nebenbei ein Potential für das Repertoire von Utopien. Tatsächlich
demaskiert aber jede Neurose als Institutionsminiatur eine
Institutionalisierung, die als Notprogramm zur Kompensation von biologischen
Ausstattungsmängeln definiert worden ist, um als Zwangsveranstaltung von
Bremsvorrichtungen die Multifunktionalität unseres Lernverhaltens in Schach zu
halten. Schließlich lehnt sich jeder Delegationsversuch gegen die Einsicht auf,
einen Augenblick der Erfahrung nur als unwiederbringlich zu erleben ist. Wer
die Gegenwart als Anwesenheit denkt, verpasst diese bereits, denn dieses vom
Vollzug abgelöste Denken ist eine Distanzleistung, die nach Steiner traurig
macht; das Ergebnis ergibt sich erst zu spät, im Nachhinein: Das heißt,
abwesend gewesen zu sein. Natürlich ist es stimmig, Risiken des Lebens auf
Delegierte zu verlagern, wenn die Angst vor Endlichkeit und Tod den Motor des
Machtstrebens befeuert. Doch was ist das Machtstreben anderes als der Verzicht
auf eine reale Erfüllung in Verbindung mit dem bis zum Exzess ausgelebte Trost
der Ersatzbefriedigung. Anstelle einer Macht über andere sollte erst einmal die
selbstvergessene Hingabe an den Augenblick geübt werden. Erst die in
unwiederholbaren Augenblicken erfahrene Endlichkeit führt jenseits aller
Delegation in die Präsenz eines Ethos der Lebendigkeit und versöhnt uns mit der
eigenen Sterblichkeit.
In
den ‚erkenntnistheoretischen Grundlagen der Ästhetik Walter Benjamins‘ ist für
die Authentizität des Hier und Jetzt eine Symbolerfahrung entscheidend, in der
Darstellung und Dargestelltes in einem Nu verschmelzen. Je nach Vorbildung und
Konditionierung stützen sich die Spezialisten entweder auf einen theologischen
oder auf einen historisch-materialistischen Ansatz Benjamins, um aus seinen
Texten Schlussfolgerungen im entsprechenden Korsett zu präsentieren. Dabei ist
der entscheidende Trick, den Bereich des Dazwischen aufzusuchen. Nicht nur im
Leben saß er zwischen allen Stühlen, auch die theoretischen Fundierungen hat er
als Relationsmetaphysiker zwischen extremen Gegensätzen sorgfältig ausgewählter
Zitate verankert, um Wahrheiten in ihrem oszillierenden Zwischenraum
aufzusuchen. In der ersten der Thesen über den
Begriff der Geschichte deutet sich an, wie jene Masse von Gedanken und Bildern
zu organisieren sei, mit denen er sich ein Leben lang beschäftigte. Ein
dafür typisches dialektisches Bild liefert von Kempelens Schachautomat,
bei dem eine Puppe hinter dem Schachbrett saß, während sie von einem darunter
verborgenen Zwerg, einem Meister des Schachspiels, gelenkt wurde, der jede
Partie gegen das menschliche Gegenüber entschied. Auf die Philosophie
übertragen gewinnt immer die Puppe: also der historische Materialismus, weil
sie es ohne weiteres mit jedem aufnehmen kann, wenn die Theologie in ihrem
Dienst steht – dieses Beziehungsgefüge hat Sternberger einmal als Abgrund der
Macht gekennzeichnet. Tatsächlich sind beides lediglich Repertoires einer
Extremwerttheorie: Nach Maßgabe des erkenntnis- und
sprachtheoretischen Ansatzes werden Verspannungen durch Zitatzusammenhänge
hergestellt. Jedem Schachspiel liegt ein Regelkanon zugrunde, von dem
auszugehen ist, wenn Ausgang und Verlauf der Partie tatsächlich verstanden
werden wollen. Wenn de Saussures für die Linguistik das Zusammenspiel der
sprachlichen Einzelheiten mit einer Partie Schach verglich, weist dies mit dem
Blick auf Benjamins Beschäftigung mit der Sprache auf alles, was das Spezialistenkorsett in Form bringen oder verleugnen möchte.
In beiden Fällen liegt ein System von Werten vor, deren Modifikationen mit
jedem Zug zu beobachten sind. Wenn die
Bewegung einer einzigen Figur die Gesamtheit des Relationsgefüges
verändert, ist gleichzeitig die Gesamtheit des Relationsgefüges die Repräsentation
der Stellung dieser Figur in ihrer Einzigartigkeit: Die Singularität eines
biographischen Zusammenhangs resultiert nicht etwa aus einer solipsistischen
Abkapselung, sondern aus einer intensiv durchdrungenen Vernetzung aller
entscheidenden Einflusssphären der Biographie. Eine Partie Schach wird zur
modellhaften Verwirklichung dessen, was die Sprache in ihrer natürlichen Form darstellt. Das dialektische Bild Benjamins
beschreibt als Momentaufnahme einer Performation, warum weder Theologie noch
historischer Materialismus, sondern die über diesen Clinch herrschenden
medialen Gesetzmäßigkeiten des Dazwischen die Entwicklung steuern. Was für den
Analytiker die Träume des Individuums, sind für Benjamin Moden und Künste,
Architektur und Technik – er verfolgt Beziehungen, die Gesetzmäßigkeiten
zwischen ihnen nahelegen. Als wir ins Abseits befördert werden sollten, blieb
als Ausweg nur die pragmatische Umsetzung dieser intellektuellen Spielerei, um
die nötigen Kräfte immer wieder neu für uns freizusetzen. Unsere
selbsternannten Gegner ließen der Ausarbeitung einer machttheoretischen
Sprachesoterik keine Zeit mehr; doch es ging weiter, weil wir das Göttliche im
Orgasmus zu befördern wussten, um für Augenblicke Geistesblitze zu bewohnen, in
denen sich Jetzt und Ewigkeit kreuzten. Das Es als Raum der reinen Bewegung
gilt der Psychoanalyse als Reaktor von Symbolisierungen jenseits der
Unterscheidung von positiven und negativen Strebungen; der Trieb als Antrieb
setzt selbst Geschlechtsdifferenzen zwischen Betragsstriche
– für Lacan sind Triebe das Echo der körperlichen Resonanz des erfahrenen
Sprechens. Eine ganze Reihe von Zitatzusammenhängen
musste erst einmal helfen, auf einen möglichen Nenner zu bringen, was uns dabei
geschah, hatte zu übersetzen, in Worte zu fassen, was anfangs nur energetische
Wirkungen waren: Höre die heiligen Schwingungen, fließe mit dem Strom. Gehe
über dich hinaus, wenn du dich finden willst, aber setze nie voraus, schon
fertig zu sein. Verschwende dich, investiere alles was dir an Möglichkeiten zur
Verfügung steht, komme soweit es geht von dir weg, um für die Unendlichkeit
eines Augenblicks vom Geheimnis göttlicher Energien ergriffen zu werden. Nichts
ist festgestellt, die Magie des Namens transportiert Schöpfungen in einen
tristen und alternativlosen Alltag, das richtige Wort im rechten Augenblick
haut Umzingelungen weg. Alles ist in Bewegung, wenn du an nichts haftest; wenn
die Gewohnheitsmuster gesprengt werden, beginnst du an der Schöpfung der Welt
mitzuarbeiten. Wenn du dann noch lachen kannst, wirst du bemerken, wie selbst
die einem geltenden Bosheiten als Zuwendungen zu kodieren sind, weil der
Vernichtungswunsch eine derartige libidinöse Besetzung verrät, dass sich die
investierten Energien verwenden lassen – bis ein geisteswissenschaftliche Netz
aus Abhängigkeiten und Verbindlichkeiten beim Namen Musik bereits zu vibrieren
beginnt. Nach Kamper bewirken gerade die erlittenen Grausamkeiten die nötige Sensibilisierungen für entscheidende Grundrisse der
Welt. Du bist kein abhängiges Geschöpf der Götter, sondern diese sind ein
Resultat deiner Reinheit und Kraft. Der Selbstvergottung mancher Mystiker/innen
ist vielleicht die größte Wahrheit abzulauschen, die Wesen aus Fleisch und Blut
noch auszuhalten im Stande sind. Es mag schon vor dir göttliche Gewalten
gegeben haben, weil es schon immer Leidenschaften gab, aber Hormone allein sind
keine Auszeichnung – auch wenn jeder Mangel ihrer Wirksamkeit als böser Fluch
erfahren wird. Götter mögen als ewige Objekte Relationen im Sinne Whiteheads sein, doch für die Realisierung von Aphrodite
oder Hermes sind die jeweils Lebenden zuständig, ihre positive Wirksamkeit
beruht auf der lebensbejahenden, die konfliktuelle Mimetik ins Schweigen befördernde
Kanalisierung der Ein- und Ausflüsse von Leidenschaften. Bereits im Schweigen,
das die Musik transportiert, entsteht jener Raum im Kleinen noch einmal, in dem
die Leidenschaften dem Namenlosen die Ingredienzien einer Semantik abringen.
Die angemessene Reaktion auf das Geheimnis von Helenas Schönheit und die Woge
des Eros in ihren Schritten ist nach Steiner nicht Reden, sondern Schweigen.
Gerade weil die Musik gestaltete, materialisierte Zeit ist, verklärt sie
unseren Bezug zum Hier und Jetzt auf der Erde.
Mit
Ch. Schmidt ist für eine Abschweifung weit in die
Vergangenheit bis zu Damon zurückzugreifen. Sokrates‘ Lehrer stellte sich die
Frage, was unserer Seele geschehe, wenn wir Musik hören und bereitete damit
Antworten vor, die im Laufe der folgenden Jahrtausende virulente
Argumentationsfiguren in die Welt entlassen haben. Bereits für Platon
verschränkt die Wesensverwandtschaft von Zeit und Musik das Ästhetische mit dem
Theoretischen, vermittelt die Zeit des Lebendigen mit der Ewigkeit der Idee.
Zeitmaß und Wohlklang dringen unvermittelt in den Hörenden ein, schon deshalb
zieht Platon die Mündlichkeit aller schriftlichen Unterweisung vor. Die
Verknüpfung des Ästhetischen mit dem Intelligiblen ist für ihn der Grund, warum
die Sterblichkeit kein Argument ist! Jenseits aller Glaubenssysteme, versetzt
in einen Zusammenhang medialer Weltvermittlung, hören wir in einer Hifi-Anlage, wenn wir zu hören verstehen, wie sich
göttliche Gewalten verkörpern. Anthropologen und Musikhistoriker stufen die
Musik als Urkunst ein, die Magie des Tönens und
Horchens ist noch früher anzusiedeln, als die von Urbild oder Urwort. Die Seele, die wie alles Lebendige in ständiger
Bewegung ist, überlagert sich mit der Bewegung der Musik, die zur Stimme der
uns umgebenden Welt wird – hier entsteht jene Magie der Resonanz von Rhythmen
und Klängen, mit denen wir auf die Welt zurückwirken. Beide Bewegungen
generieren Kräftepfeile, die wiederrum Anlagen der Seele wachrufen, ihre
musikalische Potenz freisetzen. Dieses Wechselspiel aus Horchen und Klingen
verbindet uns mit Harmonien, die nie nur ein Verhältnis von Tönen sind, sondern
der Klang jenes kosmischen Gefüges, der als Bewegung in Maß und Ordnung selbst
Musik ist, ein Werk göttlicher Energien. Entscheidend für dieses Gefüge ist,
wie die Menschen den Göttern ähnlich werden, wenn sie glücklich sind, wenn sie
sich gemeinsamen Rhythmen hingeben. Die Musik lädt zur Teilhabe an der Harmonie
des Kosmos ein, Liebende erfahren das musikalische Maß als Gabe: Ihre Körper
werden zu Musikinstrumenten, die sich immer feiner abstimmen, sich in der
beseelten Selbstvergessenheit dem Bereich der Weisheit nähern. Als Liebende
verwirklichen sie nach Kittler die Gegenwart des Göttlichen, indem sie diesem
ähnlich werden. Wenn sich eine Resonanz einstellt, wird die von der Suche nach
Harmonien getragene Seelenbewegung vor nichts Halt machen, was sie vom Erspüren
und Verknüpfen immer neuer Verwandtschaften im gemeinsamen Leben abhalten
würde.
Rhythmus
und Taktilität, subliminale Wahrnehmung und Verweisungszusammenhang,
historischer Standindex und die Kapazität, die nötigen Verknüpfungen
herzustellen, bestimmen über die Gegenwart des Geistes! Ausgangspunkt einer
jeden Geistesgegenwart ist der Leib – mit der körperlosen Stimme, kann ich über
hunderte von Kilometern Geld in Bewegung setzen, Geld ist nur ein, wenn nicht
der inhaltsleerste Signifikant, doch was die Stimme am Anfang der Kette
einspeist und am Ende an Umsatz herauskommt, mit und außer dem Container Information,
hat sehr viel mit dem zu tun, wie ich mich als körperliches Wesen fühle, was
ich an Körperspannung über den Draht bringe. Wenn ich kurz zuvor einen
befriedigten Status der Bedürfnislosigkeit erreicht habe, spritzt ein
biomagnetischer Impuls durchs Telefon, der ein starkes
Das-will-ich-auch-Begehren freisetzt – es braucht dann keine Rhetorik mehr, um
einen Vertragsabschluss anzustoßen. Das androgyne Tier mit den zwei Rücken ist
seit Vorzeiten die Metapher für die Erfahrung der Präsenz des Göttlichen in der
Welt. Wenn es bei Platon heißt, die Götter hätten aus Eifersucht dafür gesorgt,
eine ursprüngliche menschliche Einheit aufzutrennen, illustriert dies ex negativo die Beschreibung eines Status der Vollkommenheit,
der für uns erfahrbar macht, wie sich das Göttliche durch eine intensive
emotionale Besetzung in der Welt verwirklicht. Das erfordert eine Form der
Askese, die nicht auf Verzicht und Versagung beruht, sondern auf der Übung des
wechselseitigen Aufbaus eines immer höheren Spannungsvolumens – es geht eben
nicht allein. Am Anfang mag es so aussehen, als sei alles darauf angelegt,
einen zum Scheitern zu bringen oder zur Verzweiflung zu treiben. Vielleicht ist
die Liebe als Duell schon eine erste Chiffre der Transzendenz – es müssen nur
noch übermächtige Gegner auf den Plan treten, es müssen Anlässe gegeben sein,
damit der familienbedingte, interne Antagonismus zur Einheit auf einem höheren
Niveau verschmilzt und dann die Bewährung an der Welt dessen Nachfolge antritt.
Man oder frau kann den Stress nicht einfach wegficken, sonst bleibt nur übrig,
in der Selbstzerstörung letzte Spannungen abzufahren – wir wollen nämlich gar
nicht frei von Spannungen sein, wir wollen nur immer wieder in die Lage kommen,
sie in einer Weise genussvoll freizusetzen, die das Gefühl bestätigt, Grenzen
zu überschreiten und ein beschränktes Leben zur Unendlichkeit hin zu öffnen.
Wenn die Turbulenzen im Unendlichen nicht mehr an den Pforten der Wahrnehmung
zerschellen, vernehmen wir in den Vibrationen der Echtzeit, wie die lebendige
Welt erst in der gegenseitigen Anerkennung der körperlichen Präsenz und des
Begehrens entsteht. Die vielbeschworene Wirklichkeit der Phrasen und
festgestampften Überzeugungen erweist sich als zwanghafter Schatten des
Körperpanzers in den Köpfen von Impotenten und Simulantinnen. Natürlich können
die in den von der Institution vorgegebenen Rivalitätsstrukturen geprägten
Bildungsbeamten predigen, die ewige Liebe dauere zusammen mit der vorausgesetzten
strengen Exklusivität heute nur noch drei Monate, weil der Himmel leer sei.
Doch in vielen Fällen haben sie sich mit einer Realität abgefunden, die durch
eifersüchtige Institutionen geprägt worden ist. Tatsächlich beruhigt oder
befriedigt alle Ersatzintensitätenvermittlung in einer stillgestellten Welt nie
so umfassend, dass es genug ist. Der Konsum hat sich zur umfassenden
Ersatzhandlung für den Mangel an Befriedigungsfähigkeit entwickelt – der Ersatz
oder die Kopie ist aber nicht in der Lage, das Original einzuholen. Es ist noch
nicht einmal gesagt, dass dieses Original überhaupt in jedem Weltausschnitt
erreichbar ist – wer sich an Simulation und Surrogate gewöhnt hat, wird bereits
dessen Möglichkeit ablehnen. Kennzeichnend ist auch, wie wenig eine
Gesellschaftskritik denen hilft, die in der Lage sind, sich alles Mögliche zu
leisten, denn gerade die Selbstverständlichkeit sorgt außer einem minimalen
Kick dafür, nichts wirklich dabei empfinden. Aus diesem Grund holen verkrampfte
Strategien des Machterhalts mehr aus dem nachgemachten Leben raus, ohne auf die
der Reduktion verdankten Sicherheit zu verzichten. Es ist ein Teufelskreis,
dabei lassen die unendlich gefährlichen und verwirrend schönen Energien, die
außerhalb der befriedeten und sterilen Räume mit Blitzen spielen, zwar nichts
von unseren gewohnten Vorstellungen übrig, machen aber unter günstigen
Bedingungen erahnbar, welche Wirkungsmächte das kosmische
Geschehen prägen. Sie mögen sogar ein Gefühl dafür vermitteln, warum wir nicht
nur Marionetten sind, sondern Teilhaber dieser Mächte sein können. Das liefert
nebenbei eine einfache Erklärung, warum wir während des
Sozialisationsgeschehens hinter dem kulturellen Lattenzaun weggesperrt werden,
um dort mit Peinlichkeitsriten und Geilheitsdressuren, mit Kleiderordnungen und
Benimmregeln geknebelt zu werden: Wir könnten sonst nämlich zu zaubern
beginnen. Das Signum des Göttlichen zeigt sich in der vom Begehren bewirkten
Verklärung selbst, in dem Sog, der für jene Präsenz sorgt, in der niemand für gewisse
Augenblicken nicht über sich hinausgehen will. Die institutionelle
Stellvertretung Gottes scheint dagegen aus einer willkürlichen Interpolation
hervorzugehen, die das Oszillieren der Extreme übersieht und vom Zusammenfallen
der Gegensätze ausgeht. Auch das ist eine Destillation im Prozess der
Zivilisation, mit der handhabbare Spiritualisierungen an die Stelle energetischer
Potenzen gesetzt werden. Es ist immer wieder die gleiche Basisentscheidung:
Lasse ich die Welt zu, gewähre den weit über ein einzelnes Lebewesen
hinausgehenden Energien die Raumzeit – oder versuche
ich unter dem Zwang der Angstbewältigung den Prozess zu unterbrechen, das
Begehren zu sublimieren, um dann vereinzelte Kräfte für mich arbeiten zu
lassen, aus Momentaufnahmen eines Kaleidoskops Artefakte des Machtwillens zu
machen.
…